Angst vor Rezession in Deutschland

- Wiesbaden - Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab: Neue Rekorde bei der Arbeitslosigkeit, riesige Steuerausfälle und eine schrumpfende Wirtschaft zum Jahresbeginn. Deutschland steht am Rande der Rezession. Entgegen allen Prognosen ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Jahresanfang zurückgegangen. Die gesamtwirtschaftliche Leistung fiel in den ersten drei Monaten real 0,2 Prozent geringer aus als im Schlussquartal 2002, berichtete das Statistische Bundesamt in Wiesbaden. Das BIP des 1. Vierteljahres 2002 wurde nur noch um 0,5 Prozent übertroffen.

<P>Die Konjunkturprognosen für 2003 sind damit kaum noch zu halten. Auf Grund des unerwartet schlechten Starts dürften sich die Schätzungen von 0,5 bis 0,75 Prozent nun in Richtung der 0,2 Prozent- Marke bewegen. Die EU-Kommission hält jedoch an ihrer Vorhersage für die Bundesrepublik mit einem Plus von 0,4 Prozent fest. Damit wird zumindest aus Brüssel signalisiert, dass die größte Volkswirtschaft der Gemeinschaft nicht in eine ausgeprägte Rezessionsphase abgleitet.</P><P>Die meisten Volkswirte hatten für den Jahresbeginn noch mit einem Mini-Wachstum von 0,2 Prozent gerechnet. "Der Schock aus Wiesbaden" macht aber deutlich: Die deutsche Konjunktur kann sich ohne nachhaltige Impulse aus der Weltwirtschaft nicht aus der Stagnation befreien. Bereits im 4. Quartal 2002 war die Wirtschaftskraft um 0,03 Prozent geschrumpft.</P><P>Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, rechnet allerdings nicht mit einer Rezession in Deutschland. Das 2. Quartal entwickele sich deutlich besser, sagte Braun in Frankfurt. Die Stimmung bei den Unternehmen sei derzeit deutlich positiver als zu Jahresbeginn. Auch würden bei den Banken verstärkt Kredite für Investitionen abgefragt. Auch Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt erwartet nicht, "dass wir in den nächsten Quartalen weiter Minus-Wachstum haben werden".</P><P>Die negative Entwicklung zum Jahresanfang ist in erster Linie auf außenwirtschaftliche Faktoren zurückzuführen. Nach Angaben der Statistiker sind in den ersten drei Monaten die Importe deutlich stärker gestiegen als die Exporte. Dies führte zu einem negativen Außenbeitrag. Das nur bescheidene inländische Wachstum konnte diesen Effekt nicht ausgleichen.</P><P>Die überproportionale Zunahme der Einfuhren im 1. Quartal hängt nach Einschätzung von Ökonomen auch mit dem seinerzeit drohenden Irak-Krieg zusammen. Die Furcht vor explodierenden Ölpreisen habe zu höheren Ölimporten geführt, um die Vorräte aufzustocken. Da sich die Ölpreise nach dem Ende des Irak-Krieges wieder etwas normalisiert haben, könnte sich dies für das BIP im 2. Quartal positiv auswirken.</P><P>Auf alle Fälle hat die langsame Gangart der Weltwirtschaft mittlerweile auf die deutsche Konjunktur voll durchgeschlagen. Schon 2002 hatte nur die starke Auslandsnachfrage mit einem Exportrekord die Konjunktur (BIP-Plus 0,2 Prozent) vor einem Absturz in die Rezession gerettet.</P><P>Damit wächst der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), endlich die Leitzinsen weiter zu senken. In ihrem jüngsten Monatsbericht bewerten die Währungshüter die Inflation im Euroland mit 2,1 Prozent (April) kaum noch als ernste Gefahr. Die relativ hohen Zinsen gegenüber den USA verstärken jedoch den Aufwertungsdruck für den Euro-Kurs. Dies belastet zunehmend die außenwirtschaftliche Flanke der zweitgrößten Exportnation Deutschland, betonte der Chefvolkswirt der Deka-Bank, Prof. Michale Hüther.</P><P>Immerhin ist die Bundesrepublik (Inflation 1,0 Prozent) mit einem Anteil von 31 Prozent am BIP des Eurolandes der Dreh- und Angelpunkt auch der notleidenden Konjunktur in Europa. Die Forderung an die EZB, gleich einen großen Zinsschritt von 2,5 auf 2,0 Prozent vorzunehmen, wird angesichts der Hiobsbotschaften auch aus den Nachbarländern mit Sicherheit an Schärfe zunehmen.</P><P>Zumindest ein Hoffnungsschimmer geht vom privaten Konsum in Deutschland aus. Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit, zusätzlicher Steuern und Abgaben, hoher Energiepreise und des Irak- Konflikts ist der stabile private Verbrauch im 1. Quartal schon als Erfolg zu werten. Niedrigere Zinsen, sinkende Ölpreise und die massiven Anpassungen der Unternehmen an die veränderte Wirtschaftslage deuteten für das 3. und "vor allem das 4. Quartal" auf eine Erholung hin, prognostiziert der Chefvolkswirt der Dresdner Bank, Prof. Michael Heise. Steigende Gewinne in vielen europäischen und US-Konzernen seien positive Signale für das 2. Halbjahr.</P>

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