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Die Zinswende naht: Schon im nächsten Monat könnte Fed-Chefin Janet Yellen die Leitzinsen erhöhen. Der Leitzins liegt in den USA seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Ende 2008 auf dem Rekordtief von null bis 0,25 Prozent.

US-Notenbank

Was Anleger nach der Zinswende erwartet

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München - Ökonomen sind sich einig: Die Zinswende in den USA steht kurz bevor. Noch in 2015 wird Amerikas Notenbank die Zinsen anheben – erstmals seit Jahren. Das erwartet Anleger:

Fest steht, dass es passieren wird. Die Frage ist nur wann. Wann wird die US-Notenbank Federal Reserve (kurz Fed) den Leitzins, der seit 2008 bei nahe Null verharrt, anheben? Wann endet die Ära des ultra-billigen Geldes? Wann leitet Fed-Chefin Jannet Yellen die Zinswende ein? Üblicherweise kochen die Spekulationen rund um diese Fragen kurz vor den Sitzungen der US-Notenbank hoch. Bald steht wieder eine solches Treffen an – am 16. und 17. September. In den vergangenen Tagen mehrten sich die Anzeichen, dass es diesmal soweit ist. Erstmals seit der Finanzkrise werden die Notenbanken in Europa und den USA eine unterschiedliche Geldpolitik verfolgen. Den Märkten steht damit eine Zäsur bevor, die sich auch auf deutsche Anleger auswirken wird.

Kleine Zinsschritte

Doch zunächst – zurück zum Zeitpunkt der Zinswende. Was macht Ökonomen so sicher, dass die lockere Geldpolitik in den USA noch in diesem Jahr ein Ende hat? „Der Fed gehen schlichtweg die Argumente aus, nichts zu tun – vor allem nach den guten Arbeitsmarktdaten in der vergangene Woche“, sagt dazu Chris-Oliver Schickentanz, Leiter Investmentstrategie Privatkunden bei der Commerzbank. Denn: Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist eine entscheidende Vorgabe bei der Überlegung, wann die Fed sich von der Politik des ultrabilligen Geldes verabschieden wird.

Einig sind sich die Ökonomen, dass es sich zunächst um einen kleinen Zinsschritt handeln wird – 0,25 Prozentpunkte sind im Gespräch. Auseinander gehen allerdings die Einschätzungen, wann genau der Leitzins steigt – und wann der nächste Zinsschritt kommt. Während Schickentanz den September-Termin für wahrscheinlich hält, setzt Analystin Christiane von Berg auf die Sitzung der Notenbank im Dezember. Die Volkswirtin ist bei der BayernLB für die Geldpolitik der USA zuständig ist.

Aktien

Bereits das Rätselraten über den Zeitpunkt einer Zinserhöhung und damit ein Ende des Billiggeldes, das als wichtiger Treiber des Aktienmarktes in den vergangenen Jahren gilt, hatte in den letzten Monaten immer wieder für Kursausschläge gesorgt. Kommt die Zinswende, wird das die Märkte in Aufruhr versetzen.

Allerdings dürfe man die Auswirkungen auf die Aktienmärkte nicht überschätzen, sagt Schickentanz. Er nennt zwei Gründe, die die anstehende Zinswende von den Zinswenden der vergangenen 70 Jahren unterscheide: „Die Fed hat die Märkte schon früh auf die Zinswende vorbereitet; steigen die Zinsen wird das niemanden mehr schocken. Außerdem kommen wir von einem extrem niedrigen Zinsniveau. Es dauert noch lange, bis wir ein Niveau erreichen, das der Konjunktur schadet.“ Die Unsicherheit an den Aktienmärkten werde sich deshalb sowohl in den USA als auch in Europa schnell wieder legen, so Schickentanz. Bis zur Zinswende erwartet der Commerzbank-Stratege allerdings „größere Ausschläge nach oben und unten“. Für den Anleger bedeutet das: Kurzfristig kann sich momentan sogar ein Einstieg in den Aktienmarkt lohnen, wenn man den richtigen Tag erwischt. Auf lange Sicht bleibe das Umfeld für Aktien gut, wenn auch nicht so gut wie noch vor einigen Jahren, räumt Schickentanz ein. In Zahlen bedeutet das: eine Rendite (Kursentwicklung plus Dividende) im hohen einstelligen bis niedrig zweistelligen Bereich in den kommenden zwölf Monaten.

„Steigen die Zinsen in den USA, dämpft das den amerikanischen Aktienmarkt. Das wird wohl auch einen negativen Einfluss auf den deutschen Aktienmarkt haben, der aber geringer ausfallen dürfte,“ glaubt auch BayernLB-Analystin von Berg. Ähnlich sieht das Christian Kahler, Chef-Anlage-Stratege bei der DZ Bank. Die bevorstehende Zinswende sei die bestvorbereitete aller Zeiten. „Am Aktienmarkt wird es keine massiven Kursverluste geben“, so der DZ-Bank-Stratege. Für Aktienanleger bedeute das: „Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Aktien zu verkaufen.“

Anleihen

Soviel zum Aktienmarkt. Doch was bedeutet die US-Zinswende für Sparer, die in Anleihefonds oder Mischfonds investiert haben? Müssen sie mit Verlusten rechnen? „Zumindest sollten Anleger ihre Anleihebestände überprüfen – vor allem Bundesanleihen sollte man jetzt eher verkaufen“, rät Schickentanz. Denn: „Steigende Renditen sind Gift für alle, die in Anleihen investiert haben“, erklärt er. Der Hintergrund: Steigen die Zinsen, machen Anleger mit alten Anleihen Zinsverluste, da die neuen Anleihen, höhere Zinsen einbringen. Es gilt das Prinzip: Wenn möglich alte Anleihen abstoßen und in neue, rentablere einsteigen. Christian Kahler von der DZ Bank sieht dagegen momentan noch keinen Handlungsbedarf für Anleger, die in Anleihen investiert haben. Die Zinswende werde sich zwar direkt negativ auf den Anleihenmarkt auswirken. „Doch wer in Fonds investiert hat, die diversifiziert sind – also nicht nur in Bundesanleihen investiert haben, muss sich keine großen Sorgen machen“, so Kahler.

Euro

Steigen die Zinsen in den USA, wird der Euro schwächer gegenüber Dollar oder Pfund – und zwar langfristig, glaubt Commerzbank-Analyst Schickentanz. „Die EZB wird ihre Nullzinspolitik noch lange nicht aufgeben, ganz im Gegenteil: Das Ende ist in weite Ferne gerückt“, sagt er. „Die Divergenz der Notenbanken wird uns noch lange begleiten“, glaubt auch Kahler. Analystin von Berg rechnet mit einer Euro-Dollar-Parität Ende 2016. Dabei spiele allerdings nicht nur die Zinswende in den USA eine Rolle, sondern auch die Entwicklung in der Eurozone, sagt sie. „Kommt es zu weiteren Zinsschritten der Fed und einem Grexit, der den Euro zusätzlich schwächt, führt das dauerhaft zur Parität“, so von Berg.

Exporte

Deutsche Exportfirmen profitieren tendenziell von einem schwachen Euro – ihre Waren sind im Ausland günstiger und finden so mehr Abnehmer. Sorgen machen sich die Exporteure dennoch. Denn die US-Zinswende wird Schwellenländer hart treffen – steigen die Zinsen in den USA, werden Investments in diesen Ländern weniger lukrativ, das Geld fließt zurück in die USA. Damit sinkt die Nachfrage in den Schwellenländern, die für das Exportland Deutschland von großer Bedeutung ist. Im Gegenzug könnten die Exporte in die USA anziehen.

Von Manuela Dollinger

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