Anleger verweigern Pierer den Applaus

- München - Als Siemens-Chef Heinrich von Pierer sein Schlusswort gesprochen hatte, taten die Journalisten, was sonst in deutschen Pressekonferenzen so verpönt ist wie bei Flugzeuglandungen: Sie applaudierten. Pierer hatte zuvor zum 13. und letzten Mal die Jahresbilanz des Münchner Technik-Konzerns präsentiert. Für diese gab es an der Börse allerdings keinen Beifall.

<P>Er empfinde "schon ein bisschen Wehmut", sagte Heinrich von Pierer. Zum Jahreswechsel gibt er den Vorstandsvorsitz an den 47-jährigen Klaus Kleinfeld ab. Sein nächster großer öffentlicher Auftritt wird vor den Siemens-Aktionären auf der Hauptversammlung Ende Januar sein. Die sollen ihn dann zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates wählen. Obwohl dieser Schritt an sich von Anlegerorganisationen kritisiert wird, dürften an Pierer kaum Zweifel laut werden.</P><P>Bei vielen Aktionären wie Mitarbeitern steht der gebürtige Erlanger hoch im Kurs. In seiner Amtszeit, in die Hightech-Boom und -Krise fielen, wuchs das Unternehmen gewaltig und ebenso sein Gewinn. 1992 verdiente Siemens umgerechnet 920 Millionen Euro. Im Geschäftsjahr 2003/04, das am 30. September endete, waren es 3,4 Milliarden Euro, wie Pierer gestern mitteilte. Damit stieg der Gewinn gegenüber dem Vorjahr um fast 40 Prozent. Zieht man heuer aufgetretene Sondereffekte wie den Verkauf von Infineon-Aktien ab, hat Siemens 3,0 Milliarden Euro verdient - ein Zuwachs von 23 Prozent. Der Umsatz stieg erstmals nach drei Jahren wieder - wenn auch nur um ein Prozent auf 75,2 Milliarden Euro. Der Gewinnsprung soll sich für die Mitarbeiter in Form einer um zehn Prozent erhöhten variablen Jahreszahlung bemerkbar machen und für die Aktionäre in Form einer um knapp 14 Prozent auf 1,25 Euro erhöhten Dividende. Trotzdem zeigten sich die Anleger nicht zufrieden.</P><P>Die Siemens-Aktie verlor zwischenzeitlich fast 1,7 Prozent auf 59,53 Euro. Das lag wohl daran, dass viele Analysten einen höheren Gewinn erwartet hatten. Das Handygeschäft etwa litt unter sinkenden Marktpreisen sowie einem Software-Fehler bei der 65er-Serie und verbuchte 152 Millionen Euro Verlust, nachdem es im Vorjahr einen Gewinn erzielt hatte. "Die Handys müssen saniert werden", stellte der Siemens-Chef klar. In der Transport-Sparte fiel wegen zusätzlicher Rückstellungen für die fehlkonstruierte Alu-Trambahn "Combino" ein Verlust von 434 Millionen Euro an. Zudem belastete hier die Investitionszurückhaltung das Geschäft. Möglicherweise hing die negative Börsenreaktion auch mit dem Ausblick auf das neue Geschäftsjahr zusammen. Es gab praktisch keinen.</P><P>Abgesehen von Pierers Werben um Vertrauen für seinen Nachfolger ("Bei uns gibt es keinen Stillstand") und dem Bekenntnis zu einem kleinen Umsatzplus ("Wir wollen weiter wachsen"), hielt sich der scheidende Konzernlenker bedeckt. Nachfolger Kleinfeld muss sich zunächst an keinem Ergebnisziel messen lassen. Die Entwicklung von Währungseinflüssen und Rohstoffpreisen sei ebenso wenig absehbar wie die gesamte konjunkturelle Entwicklung. Zudem sei für den neu entstandenen Kommunikationsbereich Com, auf den fast ein Viertel des Siemens-Geschäfts entfällt, noch keine Prognose möglich. "Ich finde das auch nicht ideal", sagte Pierer. Konkrete Aussagen soll es Ende Januar geben, wenn am Tag der Hauptversammlung auch die Zahlen des ersten Quartals im neuen Geschäftsjahr veröffentlicht werden. Und das ist dann der Job von Klaus Kleinfeld.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Deutscher Wirtschaftsaufschwung gewinnt weiter an Tempo
Wiesbaden (dpa) - Angetrieben vom boomenden Export, Unternehmensinvestitionen und der Konsumfreude der Verbraucher hat die deutsche Wirtschaft zum Jahresbeginn ihr …
Deutscher Wirtschaftsaufschwung gewinnt weiter an Tempo
Deutschland ist Topadresse für ausländische Investoren
Frankfurt/Main (dpa) - Deutschland zählt einer Studie zufolge zu den Top-Adressen für ausländische Investoren in Europa. Im vergangenen Jahr investierten Unternehmen aus …
Deutschland ist Topadresse für ausländische Investoren
Euro-Finanzminister ringen um Griechenland-Hilfen
Wichtige Hürden vor der Auszahlung frischer Kredite an Griechenland sind bereits genommen. Aber ein alter Streit holt die Unterhändler immer wieder ein.
Euro-Finanzminister ringen um Griechenland-Hilfen
Am Hauptstadtflughafen soll billiger gebaut werden
Der BER ist nicht fertig, aber schon zu klein. Daher wird der Ausbau geplant - jedoch für kleineres Geld als bisher. Flughafenchef Lütke Daldrup muss sich derweil Fragen …
Am Hauptstadtflughafen soll billiger gebaut werden

Kommentare