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Daniela Bergdolt gibt Anlegern eine Stimme: Die Rechtsanwältin mit der adrett toupierten Hochsteckfrisur wird in Chef-Etagen wegen ihrer scharfen Zunge gefürchtet. Wenn sie in einer Hauptversammlung ein rotes Halstuch trägt, müssen sich die Dax-Chefs warm anziehen. Rot bedeutet bei Bergdolt nämlich Konfrontationskurs.

„Aktionäre sind keine Zocker“

Expertin: So investieren Sie richtig

München - Anlegervertreterin Daniela Bergdolt rät zum Einstieg an der Börse. Im Interview erklärt sie, wann ein Angebot unseriös ist.

Daniela Bergdolt stand schon bei vielen Hauptversammlungen am Rednerpult und hat vieles erlebt: Untreue, Schmiergeldaffären, Bilanzbetrug und den Absturz von Unternehmen. Bergdolt ist bayerische Landeschefin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Sie vertritt die Interessen von Anlegern – wenn nötig auch vor Gericht. Wir haben mit ihr über riskante Anlagen, Münchner Dax-Unternehmen und hohe Managergehälter gesprochen.

Wir sind mitten in der Hauptversammlungssaison. Ist dieses Jahr ein gutes Jahr für Aktionäre?

Das Geschäftsjahr 2012 ist viel besser gelaufen, als viele dachten. Die südeuropäische Krise hat bei uns nicht so durchgeschlagen, wie befürchtet. Viele Unternehmen konnten durch den chinesischen Markt und den Umsatz in Schwellenländern Verluste aus Südeuropa kompensieren. 2012 haben die AGs gut verdient und ihre Aktionäre mit hohen Ausschüttungen am Erfolg beteiligt. Dieses Jahr werden die Dividenden in dieser Höhe bestätigt oder erhöht, zum Beispiel bei BMW.

Wird 2013 da mithalten können?

Das ist nicht mit großer Sicherheit zu sagen. Der Start war vielversprechend, aber zugleich hinterlässt Südeuropa mittlerweile Bremsspuren.

Sie vertreten die DSW in Bayern. Gehen Sie zu jeder Hauptversammlung?

Ich gehe zu allen bayerischen Dax-Unternehmen, den Rest besuche ich je nach Sachlage.

Hat sich die Transparenz in den Unternehmen verändert?

Grundsätzlich ja. Es fällt vielen aber nach wie vor schwer zu sagen: Ich habe einen Fehler gemacht. Dazu braucht es charakterliche Größe.

Wo gibt es momentan Krisen?

Die Probleme liegen weniger bei Aktiengesellschaften als vielmehr im Bereich der Anleihen, insbesondere der Mittelstandsanleihen – zum Beispiel bei Solar Millennium, Windreich oder WGF. Was mich aber 2012 am meisten getroffen hat, war die kalte Enteignung bei Pfleiderer. Das war ein Schlag ins Gesicht der Anteilseigner. Hier wurden Altaktionäre im Zuge eines neuen Gesetzes enteignet und ein Finanzinvestor hat die Pfleiderer AG übernommen. Leider ist die gesetzliche Lage im Moment so, dass wir da nichts machen können.

Wie ist die Lage bei den Münchner Dax-Unternehmen?

Insgesamt neutral bis gut. BMW steuert bewährt gut durch das Jahr. Siemens hat nicht viel verloren, die Dividende ist gut, aber das Unternehmen gibt noch kein gänzlich überzeugendes Bild ab. Infineon ist auf dem Weg, ein – für diese Branche – stabiles Unternehmen zu werden. Allianz und Münchener Rück haben sich ebenfalls wacker geschlagen – zwei stabile Unternehmen mit einer guten Ausschüttung. Besonders erfreulich ist aber die Entwicklung bei Linde. Der Vorstandschef, Wolfgang Reitzle, hat binnen weniger Jahre aus diesem verschlafenen Kühlgerätehersteller eine Erfolgsstory gemacht. Jetzt ist Herr Reitzle allerdings erzürnt, weil er, wenn sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender ausläuft, nicht Aufsichtsratsvorsitzender werden kann.

Was halten Sie davon, dass Firmenchefs eine Auszeit nehmen müssen, bevor sie in den Aufsichtsrat wechseln können?

Vorstandsvorsitzende sollten in den Aufsichtsrat wechseln dürfen. Sie sollten nur nicht sofort den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen. Wird der Vorstandsvorsitzende nahtlos Aufsichtsratschef, muss er seine eigene Arbeit als Firmenchef aufarbeiten. Da besteht die Gefahr, dass etwas unter den Teppich gekehrt wird.

Finden Sie, dass deutsche Manager zu viel verdienen? Sollte man die Gehälter deckeln?

Ich glaube, darum wird im Moment zu viel Wirbel gemacht. Sicherlich ist ein Martin Winterkorn, auch wenn er noch so gute Arbeit bei Volkswagen leistet, mit seinen knapp 17 Millionen Euro Jahresgehalt eindeutig übers Ziel hinausgeschossen. Wir sind nicht die USA. Dort werden Managern 100 Millionen bezahlt. Dafür sitzen sie aber auch für ihre Fehler, wenn es sein muss, bis zum Lebensende im Gefängnis. Das tut in Deutschland niemand. Mein Appell ist, dass man auch als Vorstand ein gewisses Maß und eine gewisse Bescheidenheit haben sollte. Im Moment sind wir nicht mehr weit von einer gesetzlichen Regelung entfernt.

Neben den Managergehältern wird auch eine Quote für Frauen in Führungspositionen diskutiert. Brauchen wir hier eine gesetzliche Regelung?

Ich war 20 Jahre lang gegen eine Frauenquote. Mittlerweile bin ich allerdings der Meinung: Es geht nicht ohne. Es wurde bisher nichts erreicht. In den Aufsichtsräten sitzen lediglich ein paar Alibifrauen.

Ist eine Aktie derzeit ein gutes Investment?

Die Frage ist falsch gestellt. Die Aktie ist nicht derzeit, sondern immer ein gutes Investment! Derzeit spricht aber auch für sie, dass sie ein Sachwert ist – in inflationsgefährdeten Zeiten ist das extrem wichtig. Die Immobilienpreise schießen durch die Decke, weil alle glauben, Immobilien wären die einzigen Sachwerte. Das ist falsch. Eine Aktie ist ein klassischer Sachwert, weil man dadurch einen Teil eines Unternehmens kauft. Mir tut es wahnsinnig leid, dass die Aktie bei uns als Zockerpapier verteufelt wird. Aktionäre sind keine Zocker, sondern Investoren, also langfristig und strategisch denkende Anteilseigner. Hier muss ein Umdenken stattfinden.

Sollte man in Einzelaktien oder Fonds investieren?

Das kommt auf jeden Anleger selbst an. Bei Fonds kauft man immer die Kosten des Fondsmanagements mit ein. Ich persönlich würde direkt in eine Aktie investieren.

Wie entscheide ich als Anleger, welche die richtige ist?

Es geht vor allem darum, sich zu informieren. Man sollte sich ein Unternehmen aussuchen, bei dem man das Produkt versteht. Wenn es um eine große Summe geht, deren Verlust man nicht verschmerzen könnte, empfehle ich unabhängigen Rat einzuholen. Dasselbe gilt bei komplizierten Finanzprodukten.

Manche Anlagen klingen zu schön, um wahr zu sein. Wann sollten die Alarmglocken schrillen?

Man sollte vorsichtig sein, wenn Angebote übers Telefon gemacht werden. Außerdem sollten die Alarmglocken schrillen, wenn jemand versucht, zeitlich Druck aufzubauen. Grundsätzlich gilt: Jede Rendite, die höher ist als die marktübliche, erkauft man sich – meistens – mit Risiko. Ich warne auch jeden, dessen Motivation ausschließlich Steuerersparnis ist. Was unter dem Deckmäntelchen „Steuersparen“ angeboten wird, ist mit Vorsicht zu genießen. Man spart bei solchen Angeboten zwar oft die Steuer, aber dafür ist das Geld, das man investiert hat, oft weg, weil man ja reale Verluste macht. Grundsätzlich sollte man sich immer genau anschauen, welche Kosten man sich erkauft.

Ein Beispiel?

Ein geschlossener Immobilienfonds. Man muss sich hier klarmachen: Wenn ich den Verwaltungsaufwand für eine Immobilie nicht selbst betreibe, tut es jemand anderes, den ich dafür bezahlen muss. Dieses Geld muss erst einmal erwirtschaftet werden.

Welche Aktien würden Sie momentan kaufen?

Wir haben in der DSW klare Compliance-Regelungen. Sie besagen, dass wir auf keinen Fall in einen Interessenkonflikt kommen dürfen. Ich habe keine Aktien von Unternehmen, deren Hauptversammlung ich besuche. Ich kaufe allenfalls Index-Papiere.

Der Dax hat kürzlich die Marke von 8000 Punkten überschritten. Sollte man Aktien kaufen, wenn der Dax zulegt?

Der Dax ist in den letzten Jahren, gerade im Jahr 2012, wahnsinnig gestiegen. Es kommt bei einer Investition aber nicht so sehr auf den Dax-Stand an, sondern darauf, wie ein Unternehmen bewertet wird. Wie hoch steht die Aktie? Welche Dividende wird ausgeschüttet? Wie ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis? Welche Umsätze macht das Unternehmen? Wie sieht die Prognose aus? Diese fundamentalen Daten müssen stimmen.

Sind Sie optimistisch, was die weitere Entwicklung des Dax angeht?

Ich bin optimistisch für einzelne Aktien – wenn uns nicht irgendetwas Unvorhergesehenes um die Ohren fliegt. Zypern und Griechenland waren noch zu verschmerzen. Bekommt Italien keine stabile Regierung hin, wird das allerdings bedrohlich.

Zusammengefasst von Manuela Dollinger

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