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Viele Unternehmen, die auf erneuerbare Energie setzen, finanzieren sich auch über Anleihen (im Bild der Offshore-Windpark Alpha Ventus in der Nordsee). Im Fall einer Insolvenz verlieren Kleinanleger im Extremfall ihr ganzes Geld.

Insolvenzen

Anleihegläubiger stehen oft in letzter Reihe

München - Immer mehr Unternehmen versuchen, sich im Rahmen einer Insolvenz zu sanieren. Das geht meist zu Lasten von Kleinanlegern, die viel oder alles verlieren.

Unternehmen wie der Windpark-Entwickler Windreich wollen eine Insolvenz in Eigenverwaltung durchführen. Das klingt nach Überleben: Die Geschäftsführung der Gesellschaft soll in Zusammenarbeit mit einem vom Gericht bestellten Sachverwalter einen Sanierungsplan ausarbeiten.

„Sanierungsplan“ könnte immer mehr zu einem Schreckensbegriff für Kleingläubiger werden. Spezialisierte Anwaltskanzleien haben darin ein Geschäftsmodell entdeckt und werben massiv für so ein Insolvenzverfahren, das die Eigenkapitaldecke stärkt. Dazu gibt es verschiedene Methoden, die aber letztlich dazu führen, dass Kleingläubiger viel Geld oder gar alles verlieren.

Das versprochene neue Eigenkapital besteht unter dem Strich daraus, dass Gläubiger auf ihre Forderungen verzichten. Windreich ist ein aktueller Fall. Doch noch läuft eine ganze Reihe von Insolvenzverfahren, oder sie sind abgeschlossen: Praktiker, Rödental, IVG, Wiesmann. Immer heißt es aufpassen.

Der Verzicht trifft nicht alle Gläubiger. Das Insolvenzrecht kennt da mehrere Gruppen:

Am besten stehen die da, die in Juristendeutsch „Aussonderungsberechtigte“ genannt werden. Das sind zum Beispiel Verpächter eines Grundstücks. Sie dürfen sich zuerst das holen, was ihnen ohnehin gehört.

Nicht viel schlechter stehen die Gläubiger da, die offiziell „Absonderungsberechtigte“ heißen. Sie haben ihre Forderungen durch ein Pfandrecht abgesichert. Etwa eine Grundschuld auf ein Grundstück. Wenn das verkauft wird, werden damit erst die Ansprüche des jeweiligen Absonderungsberechtigten befriedigt. In der Regel sind das Banken. Nur wenn was übrig bleibt, kommen die weiteren Gläubiger zum Zug.

An nächster Stelle stehen Massegläubiger. Sie haben dem Unternehmen erst nach der Insolvenzanmeldung Geld zur Verfügung gestellt und bekommen bevorzugt zum Zug.

Erst dann sind die Insolvenzgläubiger an der Reihe. Sie müssen sich das teilen, was die anderen übrig gelassen haben. Ein Teil ihres Geldes ist so gut wie immer verloren. Es gibt Quoten von 80, aber auch fünf Prozent. Anleihegläubiger gehören – mit etwas Glück – zu dieser Gruppe.

Nun kommt aber noch die Besonderheit einer Sanierungs-Insolvenz zum Tragen: Im Insolvenzplan können innerhalb der Insolvenzgläubiger einzelne Gruppen gebildet werden, die unterschiedlich behandelt werden. Das schwächt die aufgesplitterten und damit wenig wehrhaften Kleingläubiger zusätzlich.

Zum Schluss kommen die nachrangigen Gläubiger. Dazu können auch Anleihegläubiger gehören, wenn sie auf den Vorrang ihre Forderungen verzichtet haben. Sie gehen in der Regel leer aus.

Kann man dagegen gar nichts tun? Doch. „Für Kleinanleger ist es unserer Erfahrung nach besonders wichtig, dass sie sich einschalten, bevor der Insolvenzplan verabschiedet wird“, sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Klaus Nieding. Damit ihre Interessen überhaupt miteinbezogen werden, sollten die Anleihengläubiger ihre Forderungen für den Insolvenzplan bündeln. Kommen sie dort nicht vor, gehen sie womöglich am Ende leer aus: „Der Insolvenzplan ist nachher bindend.“

Das sind zusammengefasst die Aussichten im Insolvenzverfahren. Doch was kann man sonst noch tun?

Verkaufen: Windreich hatte zwei Anleihen mit einem Gesamtvolumen von rund 125 Millionen Euro ausgegeben. „Besitzer dieser Anleihen haben jetzt zwei Möglichkeiten“, erklärt Verbraucherschützer Niels Nauhauser. Sie können abwarten und hoffen, dass sie einen möglichst großen Teil ihres Geldes wiedersehen. „Sie können die Reißleine ziehen und die Papiere über die Börse verkaufen.“ Die Börse Stuttgart, an der das Papier notiert ist, hat den Handel allerdings bis auf weiteres ausgesetzt. Wird er wieder aufgenommen, müssen Anleger voraussichtlich mit Verlusten leben.

Schuldige finden: Darüber hinaus sollten die Anleihenzeichner mögliche Schadenersatzansprüche gegen ihre Anlageberater prüfen, empfiehlt Verbraucherschützer Nauhauser. „Es kann eine Falschberatung vorliegen.“ Bereits jetzt sind Klagen von Anlegern anhängig, die sich im Falle von Windreich schlecht informiert sehen.

Was ist zum Beispiel, wenn eine Bank, die schon Gläubiger ist, versucht hat, Anleihen zu verkaufen, um die spätere Insolvenzmasse aufzufüllen, aus der sie dann bevorzugt bedient wird? Schadenersatzansprüche können im Fall Windreich möglicherweise gegen die Bank Sarasin bestehen. „Die Bank befand sich in einem massiven Interessenkonflikt“, erklärt Rechtsanwältin Daniela Bergdoldt. Der Grund: Sarasin hat Windreich-Anleihen verkauft, dabei aber verschwiegen, dass sie selbst ein Interesse an dem Verkauf hatte. Windreich stand bei dem Geldinstitut mit über 70 Millionen Euro in der Kreide. Die Kanzlei von Bergdolt hat deswegen erste Klagen eingereicht. Das Geldinstitut wollte auf Anfrage keine Stellung zu den Vorwürfen nehmen. Es handele sich dabei um ein laufendes Verfahren, hieß es.

Martin Prem/dpa

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