Anti-Diskriminierung ohne Gesetz

- München - Menschen ausländischer Herkunft haben es schwerer, einen Job zu bekommen. Auch Frauen in Führungspositionen sind nicht allzu häufig zu finden. Das ist bekannt und soll durch EU-Richtlinien bekämpft werden. Die Berliner Regierung sattelte auf die Umsetzung des EU-Rechts drauf: Sie will auch die Diskriminierung wegen sexueller Orientierung, Alter oder Behinderung bestrafen.

<P>Vertreter der Wirtschaft rennen dagegen an. Sie sehen ein bürokratisches Monster auf sich zukommen. In größeren Unternehmen wird die Diskussion weniger heiß geführt, denn viele tun heute schon mehr, als ein Gesetz von ihnen verlangen kann. Diskriminierung lohnt sich nicht; im Gegenteil: Für den Unternehmenserfolg ist es wichtig, Mitarbeitern optimale Entwicklungschancen zu bieten.<BR><BR>"Wir sind ein internationales Unternehmen und können nicht nur Bayern einstellen", sagt Marc Hassinger von BMW. Die Herkunft spielt keine Rolle. Und auch die Vorherrschaft von Männern etwa in Technologie-Berufen würden Unternehmen gerne abbauen. "Girls-Days" sollen Hürden schleifen. Siemens, Infineon, EADS, Knorr-Bremse und BMW haben entsprechende Programme und versuchen, jungen Frauen die Scheu vor "Männerberufen" zu nehmen.<BR><BR>Oft ist der Erfolg bescheiden. So zum Beispiel in einer klassischen Domäne der "Herren der Schöpfung": dem Flugzeugcockpit. Unter über 9000 Deutschen mit der Lizenz, Verkehrsflugzeuge zu führen, finden sich gerade 225 Frauen. Da ist es schwer, die Quote zu erhöhen. Die Münchner Fluggesellschaft DBA leistet gewissermaßen Pionierarbeit. Mit zwei weiblichen Kapitänen (von insgesamt 94) und fünf Copilotinnen (von insgesamt 73) liegt sie weit über dem Durchschnitt der Branche, in der der Frauenanteil bei den Cockpit-Besatzungen bei knapp über einem Prozent liegt.<BR><BR>Auch mittelgroße Unternehmen gehen bei dem, was sie sich selbst abverlangen, über künftige gesetzliche Vorschriften hinaus. Bei Webasto zum Beispiel sieht man die Pläne "sehr gelassen". Der Automobilzulieferer aus Stockdorf ist es gewohnt, sich an anderen Normen messen zu lassen: Etwa denen des "Great Place to Work"-Instituts, das den Spezialisten für Dachsysteme und Standheizungen wiederholt zu den 50 besten Arbeitgebern in Deutschland gerechnet hat. Derzeit werden die Verhaltens-Richtlinien überarbeitet: Diskriminierung soll keinen Platz im Unternehmen haben.<BR><BR>Vor allem kleinere Betriebe aber dürften Probleme bekommen - weil viele nicht wissen, wie schnell man leichtfertig dagegen verstößt. Das reicht von der Formulierung von Stellenanzeigen (in denen künftig keine "jungen Führungskräfte" mehr gesucht werden dürfen, weil ältere dadurch diskriminiert wären), über Beförderungen (wenn ein Bewerber sich übergangen fühlt), bis hin zu Kündigungsschutzprozessen (in denen aussichtslose Fälle plötzlich den Diskriminierungsjoker ziehen können).<BR><BR>In jedem Fall sieht Volker Schlehe, Jurist bei der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern, einen enormen Beratungsbedarf bei den Unternehmern. Arbeitgeber sollen auf neue Pflichten vorbereitet werden. So kann es künftig entscheidend sein, die Gründe für eine Bewerberauswahl schriftlich festzuhalten, weil beim Diskriminierungsversuch die Beweislast umgekehrt werden soll. Man muss Richter davon überzeugen, dass man nicht diskriminiert hat.<BR><BR>Doch grundlegende Veränderungen werden selten durch Gesetze eingeleitet, sondern durch unternehmerischen Weitblick. Während vielerorts Ältere schon unter 50 Jahren zum alten Eisen gerechnet werden, hat BMW für das neue Werk in Leipzig sogar gezielt nach Älteren gesucht. "Wir wollen auch dort eine ausgewogene Struktur", sagt Unternehmensprecher Hassinger.</P><P> </P>

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