Appetit auf Schnitzel und Wachstum

- München - Mitunter dauert es einige Zeit, bis auch über den Atlantik dringt, was im fernen Europa vor sich geht. Als etwas vor nicht allzu langer Zeit ein Mitarbeiter der staatlichen österreichischen Standortagentur Austrian Business Agency (ABA) einen Unternehmer in den USA überzeugen wollte, in der Alpenrepublik zu investieren, zögerte der. "Österreich", murmelte er.

 "Arbeiten Sie dort schon mit Computern?" Was noch nicht alle Amerikaner mitbekommen haben, hat sich bei den Deutschen mittlerweile herumgesprochen. Der früher oft als rückständig belächelte Nachbar zählt heute zu den fortschrittlichsten Ländern der Welt -und hat die Piefkes im Norden in puncto Wohlstand überholt.

Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt deutlich höher, die Arbeitslosenquote wesentlich niedriger und die Wirtschaft wächst doppelt so schnell. Vom "besseren Deutschland" war deswegen zuletzt häufig die Rede. Das sehen auch viele Teutonen so. Über 50 000 haben sich aufgemacht, um in dem Acht-Milllionen-Staat einen Job, Ausbildungs- oder Studienplatz zu finden. Und auch die Firmen ziehen mit: Hunderte Betriebe haben in den letzten Jahren ihre Zelte in Österreich aufgeschlagen, darunter BMW oder der Luxus- Konzern Escada.

Allein in den ersten neun Monaten diesen Jahres hat die ABA 43 Unternehmen über die Alpen gelotst; ein Drittel kam aus Bayern. "So viele wie nie", sagt Agentur-Chef René Siegl. Während sich die Arbeitskräfte nach einer Perspektive sehnen, suchen die Firmen Absatzchancen und teils auch ein unternehmer-freundlicheres Klima. Siegls Mitarbeiter gehen in Deutschland deswegen gezielt mit den Argumenten niedrigere Steuerbelastung und Lohnkosten sowie längere Arbeitszeiten auf Investorenfang.

Dort gefällt das nicht jedem: "Aggressiv" sei die ABA-Strategie, Firmen direkt anzuschreiben und abzuwerben, polterte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück im April. Bayerns früherer Wirtschaftsminister Otto Wiesheu soll wegen zugespitzter Werbesprüche regelmäßig getobt haben. Nach Ansicht von Judith Grohmann baut die derzeitige Spitzenposition Österreichs auf weit mehr als Marketing und Steuersätze auf Osteuropa- Niveau.

"Wir sind nicht nur ein tüchtiges und sparsames, sondern auch charmantes Volk", sagt die Journalistin, die für unsere Zeitung aus Wien berichtet und das Buch "Das Ösi-Phänomen" geschrieben hat. Auf gut 200 Seiten analysiert die Journalistin darin, "was die Österreicher so erfolgreich macht" und lässt dabei auch soziale Fähigkeiten wie das Netzwerken, den Witz oder Sinn für Selbstironie nicht aus. Österreich sei nicht nur eine Brutstätte der Neurosen, sondern auch ein Land mit Titelsucht und Minderwertigkeitskomplexen, schreibt Grohmann.

Dafür besäßen die Austriaken aber auch die Fähigkeit, die Dinge lockerer zu nehmen als die Deutschen: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht so ernst." Eine Ausgabe des Werks, das mittlerweile in dritter Auflage erscheint, soll mittlerweile sogar bei Angela Merkel auf dem Nachttisch liegen. Nachhilfe in Sachen Schmäh? Manchem geht die Ösi-Euphorie aber auch ein Stück zu weit. Dass der Nachbar an Deutschland vorbeigezogen ist, liege nicht an der besseren Standortqualität. "Die ist unterm Strich auf beiden Seiten gleich", sagt etwa Reinhard Dörfler, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern. Vielmehr habe das Land, das an Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Slowenien grenzt, erheblich vom Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Osterweiterung profitiert -während die Kosten der Wiedervereinigung die deutsche Volkswirtschaft belasteten. Auch Firmenlenker, die beide Länder kennen, wissen nicht nur von den Vorzügen in Österreich zu berichten.

"Ein Bayer zieht eher nach Wien als umgekehrt", witzelt etwa der Vorstand der Salzburg-München Bank, Ludwig Straßner. Auch der Rosenheimer Antennen- Hersteller Anton Kathrein ist jenseits der Grenze nicht nur auf Flexibilität gestoßen. Sein Fazit lautet dennoch: "Ich fühl mich in Tirol und Bayern wohl."

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