„Arbeit verkommt zur Ramschware“

München - Selten war die Lage am bayerischen Arbeitsmarkt so gut wie aktuell. Doch der DGB warnt vor den (Spät-) Folgen schlecht bezahlter und unsicherer Jobs. Dieser Trend sei vor allem im Hinblick auf drohende Altersarmut eine tickende Zeitbombe – „Panikmache“, kontert die Wirtschaft.

„Immer mehr Menschen in Bayern arbeiten und bleiben dennoch arm“ – das seien die Schattenseiten des bayerischen Arbeitsmarktes, sagte Matthias Jena, Vorsitzender des DGB Bayern gestern in München. Besonders gefährdet durch prekäre, also unsichere und nicht existenzsichernde Beschäftigung seien junge Erwerbstätige, Frauen und ältere Arbeitnehmer. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Bayern zusammen mit dem Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie (Inifes) aus Stadtbergen (Landkreis Augsburg) hervor.

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren habe man einen massiven Anstieg dieser problematischen Beschäftigungsverhältnisse verzeichnet, sagte Jena. So gebe es immer mehr Menschen, die auch mit mehreren Jobs gleichzeitig nicht über die Runden kämen. Ein Grund: die geringe Bezahlung.

„Jede dritte Frau in Vollzeitbeschäftigung ist Niedriglohnbezieherin“, sagte der Gewerkschafter. Die Grenze verlaufe derzeit bei rund 1800 Euro brutto im Monat. Die mit knapp 70 Prozent höchste Wahrscheinlichkeit, in diesen Niedriglohnbereich abzurutschen – egal ob Mann oder Frau –, habe man in der Gastronomie, sagte Inifes-Direktor Ernst Kistler. Es sei daher kein Wunder, dass gerade diese Branche nicht genügend Fachkräfte finde.

Keine Wohnung mit befristetem Vertrag

Am häufigsten tauchen laut DGB „Nicht-Normalbeschäftigte“ im Dienstleistungsbereich auf. Die Quote der atypischen Arbeiter liege hier bei 45 Prozent – als solche gelten Angestellte mit befristeten Verträgen oder geringfügiger Bezahlung (Mini- und Midi-Jobs), sowie Teilzeitkräfte mit weniger als 20 Wochenstunden oder Leiharbeiter. Mindestens eines dieser Kriterien treffe im Durchschnitt auf nahezu jeden dritten Arbeitnehmer in Bayern zu. „Meistens sind diese atypischen Beschäftigungsverhältnisse auch prekär“, meint Gewerkschafter Jena.

Schließlich könne bereits ein befristeter Vertrag, wie ihn mittlerweile über 40 Prozent der Neueingestellten in Bayern bekommen, unangenehme Folgen haben. Nicht nur, dass er die Betroffenen selbst in Unsicherheit bei der Lebensplanung lässt. Auch Vermieter oder Banken reagieren skeptisch. So gestalte sich die Wohnungssuche oder die Finanzierung etwa einer neuen Küchenzeile immer schwieriger, sagte Jena. „Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist längst kein Garant mehr für einen erfolgreichen Berufseinstieg.“

Ärgerlich sei auch, dass sich Unternehmer immer neue Schlupflöcher suchten, beschwert sich der DGB-Bayern-Chef. Kaum sei die Leiharbeit aus Gewerkschaftssicht besser geregelt, nutzten die Betriebe nun vermehrt Werkverträge, um diesen Beschäftigten „drastisch weniger Lohn“ als der Stammbelegschaft zu zahlen.

„Arbeit verkommt immer mehr zur Ramschware“, mahnte Jena und forderte eine Re-Regulierung des Arbeitsmarktes mit einem Mindestlohn, strenger Kontrolle sowie klaren Regeln. Schließlich steige durch die zunehmenden prekären Beschäftigungsverhältnisse die Gefahr, im Alter zu wenig Geld zu haben. Die steigende Armutsgefährdung älterer Menschen in Bayern sei eine tickende Zeitbombe, warnte Jena.

Die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) ist von dem aktuellen DGB-Report wenig beeindruckt. „Das ist Panikmache“, teilte vbw-Chef Bertram Brossardt gestern mit. Von einer Re-Regulierung des Arbeitsmarktes hält er absolut nichts – „das würde zu einer höheren Arbeitslosigkeit führen“, ist sich der Arbeitgebervertreter sicher.

Stefanie Backs

Rubriklistenbild: © dpa

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