+
Rund 1200 Lufthansa-Passagiere strandeten am Dienstag am Flughafen München. Für rund 760 von ihnen konnte die Airline Hotelzimmer buchen, der Rest musste auf Feldbetten in den Terminals schlafen.

Tarifstreit bei Lufthansa

"Ufo darf Unternehmen nicht kaputtstreiken"

München - Noch immer keine Bewegung im Tarifstreit zwischen Flugbegleitern und Lufthansa. Der Schaden geht in die Millionen, doch die Airline bleibt hart. Denn für die Lufthansa geht es ums Überleben.

Der Schaden könnte für die Lufthansa kaum größer sein: 760 Hotelzimmer allein für in München gestrandete Passagiere musste die Airline von Dienstag auf Mittwoch mieten und trotzdem blieb für 400 Menschen am Flughafen München keine andere Möglichkeit, als auf den bereitgestellten Feldbetten zu übernachten. Nachdem am Dienstag 129 Lufthansa-Flüge und damit rund ein Viertel aller Verbindungen von München annulliert worden waren, fielen gestern laut Lufthansa noch sieben Flüge aus. Doch schon am Freitag will die Gewerkschaft Ufo ihren Arbeitskampf bundesweit fortsetzen.

Der Streik der Flugbegleiter kratzt nicht nur am Image der Lufthansa, er kostet richtig Geld. Wie viel, das will die Airline nicht verraten. Doch Frank Skodzik, Luftfahrtexperte bei der Commerzbank schätzt, dass ein bundesweiter Streiktag die Lufthansa einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ kostet.

Die sichersten Fluglinien der Welt

Das sind die sichersten Fluglinien der Welt

Trotz dieses immensen Drucks könnte der Streik noch eine ganze Weile dauern. „Der Arbeitskampf ist für die Lufthansa von grundsätzlicher Bedeutung“, sagt Unternehmensberater und Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt unserer Zeitung. „Das ist eine durchaus existenzielle Frage.“ Denn die Fluglinie hat sich selbst ein striktes Sparprogramm verordnet. Allein beim Passagierverkehr will die Lufthansa 900 Millionen Euro zusätzlich generieren – zwei Drittel davon durch die Reduktion von Kosten. Nötig wird das Sparprogramm, weil die Lufthansa von zwei Seiten in die Zange genommen wird: Auf den Kurzstrecken ist die Konkurrenz der Billigfluglinien groß, bei den Langstrecken steht die größte deutsche Fluglinie mit Airlines vor allem aus den Golfstaaten in hartem Wettbewerb. Analyst Skodzik ist sich deshalb sicher: „Die Lufthansa kann den Arbeitskampf nicht nur noch lange durchhalten, sie muss es sogar, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Das Personal sei nach dem Kerosin der zweitgrößte Ausgabenposten bei der Lufthansa, sagt Experte Großbongardt. Das Sparprogramm lasse sich nur umsetzen, wenn die Gewerkschaft ihre Forderungen nicht verwirklichen kann. „Deshalb ist die Schmerzgrenze bei der Lufthansa in diesem Tarifstreit höher“, sagt Großbongardt.

Zwar könne der Arbeitskampf noch einige Tage weitergehen, schlussendlich werde man aber einen Kompromiss finden. „Auch die Ufo wird einsehen, dass sie das Unternehmen nicht kaputtstreiken darf“, sagt Luftfahrtexperte Großbongardt. „Die Gewerkschaft setzt sonst auch die Solidarität der anderen Berufsgruppen aufs Spiel.“ Wie ein Kompromiss aussehen könnte, ist noch nicht absehbar. Die Positionen liegen weit auseinander:

Gehalt

Nach drei Jahren ohne Erhöhung sind Forderung und Angebot längst nicht so dicht beieinander, wie es auf den ersten Blick aussieht. Zwar bietet die Lufthansa offiziell 3,5 Prozent mehr Gehalt, die Gewerkschaft fordert fünf Prozent. Doch die Laufzeiten machen erhebliche Unterschiede aus: Ufo rechnet die bis März 2015 reichende Lufthansa-Offerte auf unter 1 Prozent im Jahr herunter. Nicht alle Bestandteile des Angebots würden sich zudem dauerhaft auf die Gehaltstabelle auswirken.

Tarifstruktur

Lufthansa will zudem die tarifliche Lohnstruktur mit ihren zahlreichen Aufstiegen zeitlich strecken und neue Tabellen für Neueinsteiger durchsetzen. Bis zur Endstufe könne es nach den Vorstellungen der Lufthansa im schlechtesten Fall 46 Jahre dauern, rechnet Ufo vor. Die Endstufen für die neuen Flugbegleiter lägen bis zu 1300 Euro im Monat unter dem jetzigen Niveau. Für die Bestandsbelegschaft will Lufthansa die individuellen Steigerungen für ein Jahr aussetzen. Die von Ufo bekämpften Eingangsstufen von gut 1500 Euro Grundgehalt brutto sollen beibehalten und etwas angehoben werden.

Leiharbeit

Lufthansa setzt in Berlin Leiharbeitskräfte der Firma Aviation Power ein, die anfangs zwar das gleiche Gehalt erhalten, aber länger arbeiten müssen und geringere Aufstiegsmöglichkeiten haben. Lufthansa hat zugesagt, das Modell bei einem Abschluss zu beenden.

Billigtochter

Ufo sperrt sich gegen die Gründung einer internen Billigtochter für die Direktverkehre außerhalb der Drehkreuze Frankfurt und München. Dort soll ein Tarifvertrag gelten, der in Summe rund 40 Prozent unter Lufthansa-Niveau liege, sagt Ufo. Intern heißt das Projekt „Direct4U“. Ufo fürchtet, dass es unter einem Lufthansa-Namen vermarktet wird. Benötigt werden rund 2000 Flugbegleiter, von denen 800 von der Tochter Germanwings kommen sollen, die in der neuen Firma aufgeht. Direct4U ist strategisches Kernstück des Score-Sparprogramms.

Auch um die Pausenregelungen, Zulagen sowie die Gewinnbeteiligung gibt es derzeit noch Streit. Lufthansa verlangt zudem zwei Stunden Mehrarbeit im Monat und bietet eine Jobgarantie.

Von Philipp Vetter und Christian Ebner

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Dax schließt unter 13 000 Punkten
Frankfurt/Main (dpa) - Die Rekordfahrt am deutschen Aktienmarkt ist am Donnerstag ausgebremst worden. Händler nannten als Grund vor allem Gewinnmitnahmen, nachdem die …
Dax schließt unter 13 000 Punkten
Preise für Nordsee-Krabben fallen
Ein Krabbenbrötchen für zehn Euro? Die Zeiten sollten erst einmal vorbei sein. Seit dem Herbsttief "Sebastian" Mitte September sind die Nordsee-Krabben wieder da. Und …
Preise für Nordsee-Krabben fallen
Air Berlin: Bund will mehr soziales Engagement der Lufthansa sehen
Lufthansa hat sich begehrte Teile des insolventen Konkurrenten gesichert - mit Rückenwind vom Bund. Doch nun gibt es in der Regierung auch Erwartungen.
Air Berlin: Bund will mehr soziales Engagement der Lufthansa sehen
Wenn Tante Emma fehlt: Ladenmangel auch in Bayerns Innenstädten
Auch in Bayerns Städten fehlt immer häufiger der Laden um die Ecke, um sich schnell Butter oder Milch zu kaufen. Doch es könnte ein neues Geschäftsmodell geben.
Wenn Tante Emma fehlt: Ladenmangel auch in Bayerns Innenstädten

Kommentare