+
Massenproteste in Spanien: Tausende gehen gegen den Sparkurs der Regierung und die hohe Arbeitslosigkeit auf die Straße. In Spanien sind mittlerweile mehr als die Hälfte der Jugendlichen unter 25 Jahren ohne Job.

Junge Fachkräfte gesucht

Arbeitslose Spanier für Bayerns Betriebe

München - Jeder zweite Spanier unter 25 Jahren hat keine Arbeit. In Bayern fehlen dagegen junge Fachkräfte. Was liegt näher, als arbeitslose Spanier nach Bayern zu holen. Zwei Vermittler und ihre Modelle.

Ein Arztkittel, ein Stethoskop um den Hals, nur der Kopf, der fehlt. Auf einem anderen Plakat lächeln junge Frauen und Männer in Anzügen in die Kamera. Nur einer in der Runde hat kein Gesicht. „Te necesitamos“ ist darüber zu lesen. Übersetzt heißt das „Wir brauchen dich“. Bald sollen die Plakate in ganz Spanien hängen. Wenn die Werbekampagne aufgeht, machen sich bald die ersten Spanier auf den Weg nach Bayern, um hier mit Hilfe der Peters Bildungsgruppe Deutsch zu lernen und einen Job zu finden.

In Spanien sind mehr als die Hälfte der Jugendlichen unter 25 arbeitslos. Das sind rund 920.000 junge Menschen, die keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt finden, obwohl sie oft gut ausgebildet sind. In Deutschland herrscht dagegen Fachkräftemangel – besonders betroffen ist Bayern. Laut einer Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft werden 2015 in Deutschland drei Millionen Fachkräfte fehlen – rund 520.000 entfallen auf Bayern. Die Peters Bildungsgruppe will Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Und sie sind nicht die Einzigen. Auch die Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern arbeitet daran, arbeitslose Spanier in bayerische Betriebe zu vermitteln.

„Wir wollen aus einer verlorenen Generation eine gesuchte Generation machen“, sagt Franz Hacker, Geschäftsführer der Peters Bildungsgruppe. Das Programm dazu heißt „Lenguro“. Im September startet die Werbekampagne in Spanien. Im November sollen die ersten Spanier anreisen. Auf dem Campus der Bildungsgruppe in Waldkraiburg (Landkreis Mühldorf am Inn) sollen sie wohnen und Deutsch lernen. Ein Crash-Kurs, acht Stunden pro Tag. In vier Stufen werden die Spanier auf den Berufsstart in Deutschland vorbereitet. „Wir wollen die Spanier nicht nur nach Deutschland holen und ihnen Deutsch beibringen, sondern sie in den Arbeitsmarkt integrieren“, sagt Hacker.

Die Teilnehmer müssen mindestens 18 Jahre alt sein. Nach oben gibt es keine Altersgrenze. „Eine Schulausbildung sollte vorhanden sein, eine Arbeitsausbildung ist nicht Voraussetzung“, sagt Petra-Maria Klier, Geschäftsführerin der Peters Bildungsgruppe. Und die Kosten? Sie liegen zwischen 1950 und 2700 Euro pro Monat – je nach Level. Enthalten sind Unterkunft, Sprachkurs, Bewerbungsunterstützung plus Jobangebot. Ein Gesamtpaket, das seinen Preis hat. Hunderte Spanier könnte die Bildungsgruppe so pro Jahr in den bayerischen Arbeitsmarkt integrieren. „Wir haben Kapazitäten frei und machen aus der Not eine Tugend“, sagt Hacker. Läuft Lenguro erfolgreich an, sei es denkbar, das Programm auf andere südeuropäische Länder auszuweiten.

Die gleiche Idee, aber ein anderes Konzept steckt hinter dem Spanien-Projekt der Handwerkskammer. Zielgruppe sind nur ausgebildete Handwerker, die zwischen 18 und 30 Jahre alt sind. Grundkenntnisse in Deutsch sollten vorhanden sein. „Ein spanischer Elektriker muss nicht das mitbringen, was ein deutscher Elektriker mitbringt, aber er darf nicht fachfremd sein“, erklärt Harald Gerster von der HWK. Gesucht werden nur spanische Fachkräfte, die von bayerischen Betrieben angefragt wurden. Momentan geht es um 40 bis 50 Stellen – vor allem im Raum München. Gesucht werden unter anderem Bäcker, Fleischer, Elektriker, Zimmerer, Mechatroniker und Friseure. Bei der Suche nach geeigneten Bewerbern arbeitet die Handwerkskammer mit dem spanischen Generalkonsulat in München, der Botschaft in Spanien und der spanischen Arbeitsagentur zusammen.

Die Schuldensünder der Euro-Länder im Ranking

Die Schuldensünder der Euro-Länder im Ranking

Im Herbst werden Mitarbeiter der Handwerkskammer gemeinsam mit Ausbildungsleitern der Innungen nach Spanien reisen. Dort finden die Bewerbungsgespräche statt, die Handwerker arbeiten zwei bis drei Tage zur Probe, dann fällt die Entscheidung. Bewerber und Betrieb müssen zusammenpassen. Damit der Berufsstart nicht an den Kosten scheitert, werden die Spanier laut Gerster finanziell unterstützt. Das Netzwerk „Eures“ stellt arbeitslosen Europäern bis zu 300 Euro für die Anreise zur Verfügung. Parallel ist die Handwerkskammer momentan auf der Suche nach einem geeigneten Förderprogramm.

Zum Jahreswechsel sollen die spanischen Handwerker nach München reisen. Dort arbeiten sie zunächst drei bis vier Tage pro Woche in ihren Betrieben, ein bis zwei Tage werden sie in den Bildungszentren der Innungen geschult. „Für einige Berufe ist das sehr wichtig“, erklärt Gerster. „Ein spanischer Bäcker muss zum Beispiel lernen, wie man Brezen dreht.“ In Kooperation mit den Volkshochschulen sollen Deutsch-Kurse stattfinden. Untergebracht werden die Neuankömmlinge vorerst in einem Wohnheim, später hilft die Handwerkskammer bei der Wohnungssuche.

„Die Menschen sollen heimisch werden. Wir wollen mit dem Programm keine konjunkturelle Spitze abdecken“, sagt Gerster. Dabei zähle Qualität statt Quantität. Eine gute Voraussetzung dafür, dass das Programm Erfolg haben wird – anders als der Kampf gegen den Fachkräftemangel in Schwäbisch Hall. Eine Werbeoffensive im Frühjahr sollte Fachkräfte aus Südeuropa scharenweise in die Stadt in Baden-Württemberg locken. 15 000 Bewerbungen gingen ein. Bis heute, sechs Monate später, haben lediglich 26 einen Job gefunden. Das Problem: Angebot und Nachfrage passten nicht zusammen.

Manuela Dollinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ministerin Barley droht mit Frauenquote für Vorstände
Die Leitung von Unternehmen ist immer noch überwiegend Männerdomäne. Eine Pflicht für Firmen, ihre Vorstände ausgeglichen zu besetzen, gibt es nicht. Jetzt ist sie …
Ministerin Barley droht mit Frauenquote für Vorstände
Mindestlohn hat untere Tarifgehälter angehoben
Der 2015 eingeführte gesetzliche Mindestlohn hat vor allem in typischen Niedriglohnbranchen gewirkt.
Mindestlohn hat untere Tarifgehälter angehoben
Reisemobile werden in Deutschland immer beliebter
Düsseldorf (dpa) - Reisemobile und Caravans sind in Deutschland so gefragt wie nie zuvor. Allein in den ersten sieben Monaten dieses Jahres seien mehr als 48 000 …
Reisemobile werden in Deutschland immer beliebter
Deutsche Post baut jetzt mit Ford größere E-Transporter
Die Post gehört zu den großen Herstellern von E-Autos in Deutschland. Bis 2050 will der Konzern seine Fahrzeugflotte komplett CO2-frei machen. Gemeinsam mit Ford stellt …
Deutsche Post baut jetzt mit Ford größere E-Transporter

Kommentare