Viel zu tun gibt es derzeit in der deutschen Industrie (hier ThyssenKrupp). dpa

Arbeitsmarkt: "Deutsches Jobwunder" hält an

Nürnberg - Die Arbeitslosenzahlen sinken, die Zahlen der Beschäftigten steigen - der Jobmarkt legt eine glänzende Mai-Bilanz hin. Nur bei der Dynamik zeigt er erste Schwächen.

Nach all dem Koalitionskrach und Parteiengezänk um Energie, Atom und Strom in den vergangenen Tagen war man sich bei diesem Thema erleichternd einig: Alles gut am Arbeitsmarkt. Als „topfit“ und „solide“ beschrieb ihn Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CSU).

Die aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) lesen sich glänzend: Mit 2,96 Millionen rutschte die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland unter die symbolträchtige Marke von drei Millionen. Damit lag die Arbeitslosenquote im Mai bei exakt sieben Prozent - im April waren es noch 7,3, vor einem Jahr 7,7 Prozent. Bayern schnitt mit 3,6 Prozent im Bundesvergleich - traditionell - am besten ab. Seit knapp zwei Jahrzehnten waren bei der Regionaldirektion nicht mehr so wenig Menschen ohne Arbeit gemeldet wie jetzt im Mai mit exakt 245 304.

Positiv ist auch die Entwicklung bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, dem statistischen Spiegelbild zur Arbeitslosigkeit: Die Zahl derjenigen mit einem regulären Job stieg nach den jüngsten Daten vom März mit 4,64 Millionen auf den höchsten Stand in diesem Monat seit Beginn der Messung im Jahr 1973, erklärte Bayerns BA-Chef Ralf Holtzwart.

„Bei einem anhaltenden Aufschwung ist es nur noch eine Frage von wenigen Monaten, bis erstmals die Marke von 4,7 Millionen überschritten wird“, teilte Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) mit. „Sogar die 4,8-Millionen-Marke können wir mit etwas Glück in diesem Jahr noch erreichen.“

Allerdings beginnt sich die Nachfrage nach Arbeitskräften abzuschwächen. Im Mai wurde erstmals seit Januar 2010 wieder ein leichter Rückgang bei den neu gemeldeten offenen Stellen verzeichnet. „Inwieweit die Verringerung des Stellenzugangs den Beginn einer Abschwächung des Booms darstellt, ist schwer abschätzbar“, sagte Holtzwart. Angelockt von den vorsommerlichen Temperaturen, haben viele Firmen bereits in den ersten Monaten neue Leute gesucht. Jetzt sind die Stellen besetzt - und die Neuanmeldungen gehen logischerweise zurück.

Am stärksten ist dabei der Bedarf an Arbeitskräften in der Zeitarbeitsbranche gewachsen - binnen Jahresfrist stieg die Zahl der Beschäftigten hier um 35,5 Prozent an. Auch im verarbeitenden Gewerbe, im Gesundheitswesen, dem Handel und dem Baugewerbe wurden viele Stellen neu geschaffen. Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) mahnte deshalb, dass gerade in dieser Situation auch Langzeitarbeitslose eine Chance bekommen müssten. Das Vorhaben der schwarz-gelben Bundesregierung, Ein-Euro-Jobs und andere arbeitsmarktpolitische Maßnahmen zu kürzen, sei „das falsche Signal“.

Keine nennenswerte Konkurrenz für Arbeitslose stellen nach dem Beginn der EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit am 1. Mai bislang osteuropäische Arbeitskräfte dar. Der von manchen befürchtete Ansturm sei ausgeblieben, sagte BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker. „Wir spüren bislang keine messbaren Folgen.“ Auch Umfragen bei grenznahen Arbeitsagenturen hätten gezeigt, dass es keinen großen Zustrom osteuropäischer Jobsucher gebe. „Es tröpfelt lediglich ein bisschen“, sagte Becker. Als Barriere hätten sich in vielen Fällen fehlende Deutschkenntnisse erwiesen

Kaum ein Arbeitsmarktexperte zweifelt derzeit daran, dass das im Ausland viel bestaunte „deutsche Jobwunder“ angesichts einer boomenden Wirtschaft mit dicken Auftragspolstern vorerst weitergeht. Denn viele Unternehmen suchen reihenweise gute Ingenieure, Techniker und Facharbeiter und werben sich nach Beobachtungen der Bundesagentur für Arbeit sogar gegenseitig Kräfte ab. Zu groß ist bei manchem Firmenchef die Sorge, mit Lieferproblemen dauerhaft alte Kunden zu verlieren.

S. Backs, E. Richter und K. Tscharnke

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