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Ralf Holtzwart ist seit Januar – erneut – Chef der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit. Den Posten hatte er bereits bis vor zwei Jahren inne. Zwischenzeitlich war er als Berater bei der EU-Kommission in Brüssel. Dort half er Arbeitsämtern aus unterschiedlichen EU-Staaten beim Erfahrungsaustausch. Diese Aufgabe galt von Beginn an als zeitlich begrenzte Tätigkeit.

Interview zur Lage in Bayern

Arbeitsmarkt: „Fokus auf Flüchtlinge völlig überzogen“

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Auf dem bayerischen Arbeitsmarkt läuft es rund. Dennoch: Viele Unternehmen können offene Stellen nicht besetzen. Wie lässt sich die Lücke schließen? Wie der Lehrlings-Mangel beheben? Und welche Rolle spielen Flüchtlinge dabei? Wir sprachen mit Ralf Holtzwart, dem Chef der Bundesagentur für Arbeit in Bayern.

Heute gibt es in Bayern Zwischenzeugnisse, mit denen sich viele Jugendliche für eine Lehrstelle bewerben. Wie stehen die Chancen auf einen Ausbildungsplatz ?

Der bayerische Ausbildungsmarkt ist momentan ein Angebotsmarkt. Das heißt, wir haben viele Lehrstellen im Angebot – und zwar in allen Regionen und Branchen. Die Zahl der Ausbildungsstellen, die bei uns seit Oktober 2016 gemeldet wurden, liegt aktuell bei rund 77 300 – und damit gut drei Prozent über dem Vorjahr. Dem standen im Januar knapp 53 000 Bewerber gegenüber. Die jungen Leute können es sich also aussuchen. Bevor sie eine Wahl treffen, rate ich allerdings allen Jugendlichen, sich in einer unserer Agenturen oder im Berufsinformationszentrum beraten zu lassen. Es gibt unterschiedliche Berufsbilder. Die individuellen Kompetenzen müssen erforscht werden. Das kann man nicht 1:1 aus den Schulnoten herauslesen. Außerdem sollten die jungen Leute die Zukunftsperspektiven in einem Beruf bedenken.

Im vergangenen Jahr sind erneut tausende Lehrstellen in Bayern unbesetzt geblieben. Was erwarten Sie in diesem Jahr?

Ich denke, das wird sich auf dem gleichen Niveau bewegen. Im vergangenen Jahr hatten wir am Ende rund 12 000 unbesetzte Stellen. Gleichzeitig hatten wir 1000 junge Menschen, denen wir kein Angebot machen konnten.

Warum lässt sich für 1000 Jugendliche kein Ausbildungsplatz finden, wo doch 12 000 Stellen unbesetzt sind?

Die Neigungen der jungen Leute und die angebotenen Stellen decken sich eben nicht immer. Außerdem passt die Qualifikation oft nicht zum Angebot. Wir versuchen in solchen Situationen Wege zu suchen, um aus dieser Pattsituation heraus zu kommen – zum Beispiel über eine assistierte Ausbildung. Dabei begleiten wir den Auszubildenden im Betrieb und unterstützen ihn zum Beispiel in Form von Nachhilfe.

Ist angesichts des Mangels die Bereitschaft in den Betrieben, auch Jugendlichen mit schlechteren Noten eine Chance zu geben, gewachsen?

Es hat ein Umdenken stattgefunden – etwa im Handwerk und den Berufen der Industrie- und Handelskammer. Den Unternehmen ist bewusst, dass sie sich aktiv um den Nachwuchs kümmern müssen. Die Zeiten, in denen es wahnsinnig viele Menschen auf dem Ausbildungsmarkt gab und nur wenige Stellen, ist vorbei. Und so bekommen heute auch Jugendliche eine Chance, die sie vor zehn Jahren noch nicht bekommen hätten.

Nicht nur Lehrstellen bleiben in Bayern offen, auch viele reguläre Jobs können nicht besetzt werden. Durch die Integration von geflüchteten Menschen kann der Fachkräftemangel gelindert werden, heißt es. Wie sieht die Realität in Bayern aus?

Etwa die Hälfte der Menschen aus den Asylherkunftsländern, die in den Arbeitsmarkt integriert sind, haben einen Helferjob – vor allem in der Gastronomie, im Bereich Logistik und Reinigung. Die anderen 50 Prozent sind als Fachkräfte und Akademiker beschäftigt. In der Tat sind unter den Flüchtlingen also Fachkräfte, die wir dringend brauchen.

Nach Bayern kommen nicht nur viele Flüchtlinge, auch aus anderen europäischen Ländern ziehen Menschen nach Bayern, um hier zu leben und zu arbeiten. Welchen Einfluss hat dieser Zuzug auf den Arbeitsmarkt?

Einen großen. In Bayern sind über 670 000 Ausländer beschäftigt. 2015 war jeder Zweite, der eine Stelle in Bayern angenommen hat, Ausländer. Gemessen an der Anzahl beschäftigter Ausländer liegt Bayern im Ländervergleich an der Spitze. Der größte Anteil kommt übrigens aus der Türkei – gefolgt von Rumänien, Polen und Italien. Diese Bewegungen findet seit Jahren statt und bereichern Bayern.

In Anbetracht des starken Zuzugs scheint flächendeckende Vollbeschäftigung in Bayern nicht mehr allzu fern. Wann denken Sie, ist es soweit?

Vollbeschäftigung ist gar nicht unser Ziel. Es wird immer Menschen geben, die es aus eigener Kraft nicht schaffen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, und Unternehmen, die Mitarbeiter suchen und sie nicht finden. Unsere Arbeit wird immer anspruchsvoller, umso niedriger die Verfügbarkeit von Arbeitskraft auf dem Markt wird. Die große Herausforderung für uns sind derzeit die 100 000 arbeitslosen Menschen ohne Qualifizierung in Bayern, denen nur 13 000 offene Helfer-Stellen gegenüberstehen. Das passt nicht zusammen. Deshalb müssen wir neue Wege gehen. Da es keine Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt, müssen in den Betrieben mehr Menschen zu Fachkräften weitergebildet werden.

Zurück zum Thema Flüchtlinge: In Bayern hat das Innenministerium verfügt, dass nur Flüchtlinge mit hoher Bleibeperspektive eine Arbeitserlaubnis beziehungsweise einen Ausbildungsplatz erhalten sollen. Bremst diese Regelung die Integration?

Es gab zwischenzeitlich Irritationen vonseiten der Wirtschaft – vor allem im Zusammenhang mit Beschäftigten aus Afghanistan. Mittlerweile hat das Innenministerium Rahmenbedingungen geschaffen, mit denen die Wirtschaft leben kann. Für die Wirtschaft macht die Investition in Menschen nur Sinn, wenn sie sicher sein kann, dass sich das lohnt – ein Auszubildender also mindestens bis zum Ende der Ausbildung bleiben kann.

Wie viele Flüchtlinge haben denn bisher in Bayern einen Job gefunden?

Unsere aktuellen Zahlen zeigen, dass geflüchtete Menschen auf dem bayerischen Arbeitsmarkt angekommen sind. Laut Bundesamt für Migration haben 2015 und 2016 rund 149 000 Menschen einen Asyl-erstantrag in Bayern gestellt. Viele warten noch auf ihren Aufenthaltsstatus. 50 000 geflüchtete Menschen sind bei uns arbeitssuchend gemeldet. Und etwa zehn Prozent wurden bereits erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert. Konkret ist die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den acht nicht-europäischen Asylherkunftsländern seit Beginn der aktuellen Flüchtlingsbewegung im Juli 2015 bis November 2016 um 68,5 Prozent beziehungsweise 11 100 Personen gestiegen.

Wie wird sich der Zuzug von Flüchtlingen auf lange Sicht auf den bayerischen Arbeitsmarkt auswirken?

Ich denke, in zehn Jahren wird die Hälfte der Flüchtlinge integriert sein. Mengenmäßig wirkt sich das auf den bayerischen Arbeitsmarkt aber überhaupt nicht aus – bei 5,4 Millionen Beschäftigten. Man muss bedenken: Wir hatten im vergangenen Jahr über eine Million Menschen in Bayern, die in die Jobcenter der Arbeitsagenturen gekommen sind. 50 000 Flüchtlinge machen nur einen verschwindend kleinen Teil aus. Der Fokus auf Flüchtlinge ist völlig überzogen.

Sie stoßen also nicht an Ihre Kapazitätsgrenzen?

Nein. Die Integration ist zwar arbeitsaufwendig, aber die Mühe ist es wert.

Interview: Manuela Dollinger, Corinna Maier, Sebastian Hölzle

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