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Arbeitszeit als Vertrauenssache: Webasto schafft die Stechuhr ab

- Stockdorf - "Die Arbeit macht Spaß." Franz-Josef Kortüm glaubt nicht nur selbst, was er sagt. Der Chef von Webasto geht auch davon aus, dass die Mitarbeiter das so sehen. Und wenn Arbeit Spaß macht, wozu muss man kontrollieren, wann einer arbeitet? Der weltweit produzierende Autozulieferer aus Stockdorf (Kreis Starnberg) zieht die Konsequenz und schafft die Stechuhr ab.

<P>Das nennt sich Vertrauensarbeitszeit. Jeder kommt, wann er es für richtig hält. Vertrauen, aber nicht ohne Kontrolle. Die unmittelbaren Vorgesetzten sehen durchaus, was jeder leistet. Darauf kommt es an: Ergebnis statt Anwesenheit. Deshalb ist Kortüms Plan gar kein Zugeständnis an die Mitarbeiter. Er erwartet sich Vorteile fürs Unternehmen. "Am Ende werden die Leute mehr arbeiten - ohne Ausgleich."<BR><BR>Das ist der Grund, warum Arbeitsmodelle ohne Zeiterfassung nicht überall gut ankommen: Die Gewerkschaften etwa fürchten, "Selbstausbeutung der Mitarbeiter" und sperren sich. Doch im Betrieb sieht Kortüm Zustimmung: "Wir machen das mit dem Betriebsrat, notfalls auch ohne Gewerkschaft."<BR><BR>Auch an anderen Ecken verändert sich bei Webasto die Arbeitswelt. Kortüm zeigt auf Café-Stühle, die unter einem Glasdach mitten in der Unternehmenszentrale stehen. "Wir wollen, dass die Mitarbeiter nicht nur über Mail kommunizieren." Die zusätzlich zur Kantine gebaute Cafeteria soll diesem Ziel dienen - wenn der Arbeitsanfall es erfordert auch am späten Abend. Auch dann soll Arbeit Spaß machen.<BR><BR>Doch wird es auch Verlierer geben: Wer bisher früher kam oder später ging, nur um Stunden zu schinden, kann künftig davon nichts mehr haben. "Wer die Zeiterfassung missbraucht hat", sagt der Webasto-Chef, "wird es schwerer haben." So erwartet er auch: "Wir werden den einen oder anderen verlieren."<BR><BR>Nicht nur von den weltweit 5231 Mitarbeitern wird mehr erwartet. Die Führungsstruktur wird straffer. Zwei statt drei Vorständen übernehmen Zentralfunktionen, die bisher von den drei Sparten des Unternehmens selbst wahrgenommen werden. Aus diesen werden sieben Geschäftseinheiten mit mehr Verantwortung. Das Unternehmen wird auf Höchstleistung getrimmt. Der Spezialist für Autoheizungssysteme und Dachkonstruktionen hat aber keine Wahl. Auf der einen Seite drücken die großen Autokonzerne die Preise. Die noch kleineren Lieferanten haben beim Preis keinen Spielraum mehr. </P><P>So bleibt: Der Weg ins Ausland oder Rationalisierung. Schon heute gibt es Produktionsstandorte in ganz Europa in den USA, in Asien und Afrika. Deren Zahl soll wachsen. 5 bis 10 % mehr Effizienz pro Jahr peilt Kortüm auch im Inland an. Arbeitsplatzverlust sei damit aber nicht verbunden. Im Gegenteil: Die Zentrale in Stockdorf direkt an der Würm ist - mitten im Wohngebiet - an ihrer Wachstumsgrenze angelangt. Deshalb wird gebaut: Neben dem bisherigen Dornier-Werk Oberpfaffenhofen ist ein neuer Standort geplant.<BR><BR>Trotz aller Wachstumspläne bleibt Webasto bei seinen Kernbereichen Dächer, Klima und Heizung. "Gesamtfahrzeugkompetenz", also Autoproduktion im Auftrag eines großen Herstellers, ist kein Thema. Auch wenn Webasto auf der IAA zum zweiten Mal ein ganzes Fahrzeug präsentiert. Doch "Welcome 2", war - auch wenn man das nach dem Umbau nicht mehr sieht - einmal ein Mercedes. Mit Ausstattungsmerkmalen, die dieser nicht hat: Ein Schiebedach, das auch die Holme wegschiebt, eine Hebebühne am Kofferraum, und als Gag, wie Kortüm einräumt, ein integriertes ausfahrbares Schuhputzgerät.<BR><BR></P>

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