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Die Arcandor Zentrale in Essen.

Arcandor-Insolvenz: Spekulationen um Eick-Abgang

Essen - Schicksalstag für Arcandor: Nach der Vorlage aller Gutachten soll voraussichtlich am kommenden Dienstag (1. September) das Insolvenzverfahren für Arcandor eröffnet werden.

Wenn das Essener Amtsgericht voraussichtlich am 1. September die Insolvenzverfahren für das Handels- und Touristikunternehmen und zahlreiche Tochtergesellschaften eröffnet, steht nicht nur die Zukunft von rund 38 000 Beschäftigten auf dem Prüfstand. Nach nur einem halben Jahr an der Spitze des Unternehmens stehen auch die Aufgaben von Konzernchef Karl-Gerhard Eick selbst zur Disposition. Über einen Abgang des ehemaligen Telekom-Managers wird bereits heftig spekuliert.

Nachdem das Unternehmen die Suche nach einem Gesamtinvestor offiziell eingestellt hat, hat die Holdinggesellschaft mit dem Kunstnamen Arcandor (vorher KarstadtQuelle) mit ihren Chef Eick praktisch keine Funktion mehr. Nun steht das Fahnden nach Einzellösungen für die Warenhaustochter Karstadt und des Versandhändlers Primondo auf der Tagesordnung.

Der Quelle-Katalog: Früher und heute

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In den kommenden Wochen sollen die 94 Mitarbeiter der Zentrale darüber informiert werden, ob sie für die weitere Abwicklung des Insolvenzverfahrens noch benötigt werden. Zumindest Eick hat sich vor seinem Amtsantritt gut abgesichert: Unabhängig davon, ob er seinen Fünf-Jahres-Vertrag erfüllt oder nicht, sollen ihm die Gesellschafter der Bank Sal. Oppenheim die Summe von 10 bis 15 Millionen Euro garantiert haben. Sorgen um den eventuellen Ausfall von Zahlungen aus der Insolvenzmasse muss er sich nicht machen.

Auf die leichte Schulter dürfte Eick seinen Abschied dennoch nicht nehmen. “Er hat sich seine Zeit bei Arcandor doch etwas anders vorgestellt“, sagte ein Insider. Zwar hat Eick die Misere des Konzerns nicht verschuldet, doch mit seinen Versuchen den Konzern als Ganzes zu retten, ist er auf ganzer Linie gescheitert. Weder Staatshilfe noch einen Notkredit bekam er durch. Auch die Eigentümer wollten oder konnten nicht weiter Geld nachschießen und die verzweifelte Suche nach einem Investor lief ins Leere.

Die Fäden laufen nach der offiziellen Eröffnung des Verfahrens künftig in der Hand des Insolvenzverwalters zusammen. Zum vorläufigen Verwalter für 40 der 51 betroffenen Arcandor-Gesellschaften hatte das Gericht den Juristen Klaus Hubert Görg bestellt. Neben der Holding Arcandor AG betrifft dies auch die wichtigsten Töchter Karstadt Warenhaus AG und die Dachgesellschaft für den Versandhandel, die Primondo AG mit ihrem Kernstück Quelle. Das Amtsgericht Fürth hatte zuvor bereits die Insolvenzverfahren für drei Quelle- Tochterunternehmen eröffnet.

Den bisherigen Plänen nach sollen die Warenhaus- und Versandhandelstöchter saniert werden. Allein bei Primondo würden dabei rund 3700 der 10 500 Stellen gestrichen. Im Kaufhausgeschäft kommt der Fortbestand von 19 der insgesamt 126 Waren- und Sporthäuser auf den Prüfstand, das könnte im schlimmsten Fall noch einmal mehrere Tausend Arbeitsplätze kosten. Für beide Töchter werden Partner gesucht.

Anfang November sollen die Pläne dann den Gläubigerversammlungen vorgelegt werden. Die verpfändeten Anteile an der Tourismustochter Thomas Cook, die selbst keinen Insolvenzantrag gestellt hat, werden voraussichtlich von den Banken verkauft.

Wie aussichtslos die finanzielle Situation Arcandors ist, hat auch Insolvenzprofi Görg verblüfft. In den vergangenen zwei Monaten hatte er jeden Stein umgedreht, in der Hoffnung vielleicht doch noch ungehobene Schätze zu finden, mit denen er Arcandor finanziellen Spielraum verschaffen könnte. Dabei musste er feststellen, dass unter Eicks Vorgänger Thomas Middelhoff bereits alles verkauft und verpfändet wurde, was nicht niet- und nagelfest war. Man habe sogar den Staub aus den Ecken gekehrt, um den auch noch zu Geld zu machen, fasste Görg die Lage vor wenigen Wochen frustriert zusammen. Es gebe nichts mehr, was nicht bereits anderen Leuten gehöre.

Die Arcandor-Anteilseigner müssen sich entsprechend auf einen Totalverlust einstellen. Vor allem Großaktionärin Madeleine Schickedanz sorgte mit eindringlichen Klagen über den drohenden Verlust ihres einst milliardenschweren Vermögens für Aufsehen. Aber auch für die übrigen Anteilseigner wird kaum etwas übrig bleiben, wenn alle Gläubiger bezahlt sind. “Diese Hoffnung geht gegen Null“, sagte Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Viele Anrufe von bestürzten und wütenden Aktionären habe er in den vergangenen Wochen erhalten. “Viele haben bis zuletzt noch gehofft, dass Eick es noch irgendwie hinkriegt.“ Die DSW setze nun auf eine zügige Untersuchung der Staatsanwalt Bochum, die gegen den früheren Arcandor-Chef Middelhoff wegen Untreue ermittelt. Dabei werden vor allem private Immobiliengeschäfte Middelhoffs unter die Lupe genommen.

Der Aktienkurs befindet sich seit Monaten auf Talfahrt. Mit einem Wert von zeitweise weniger als 20 Cent erreichte das Papier eine neuen Tiefpunkt. Die Analysten von der französischen Investmentbank Cheuvreux passten das Kursziel an: Angepeilt wird nun ein symbolischer Wert der Arcandor-Aktie von nur noch einem Cent, das Papier ist aus ihrer Sicht also wertlos. Andere Banken haben die Aktie bereits komplett von ihrer Beobachtungsliste gestrichen.

dpa

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