Interview zur EADS-Raumfahrtsparte

Astrium: Als Zulieferer an die Weltspitze

Ottobrunn – Die Raumfahrt-Tochter Astrium ist der letzte operativ tätige Teil der EADS auf dem ehemaligen Gelände von MBB in Ottobrunn. Wir sprachen mit Thomas Müller, Vorstandsmitglied von Astrium und Leiter des Standorts im Münchner Südosten, über die künftige Entwicklung.

Hat der Standort Ottobrunn noch Zukunft?

Astrium, also die Raumfahrtsparte der EADS, ist hier in Ottobrunn immer größer geworden und wird auch in Zukunft wachsen. Wir haben jetzt 1050 Mitarbeiter und sind damit der größte Raumfahrtstandort in Bayern. Das zeigt schon, dass wir diesem Standort eine ganz besondere Bedeutung beimessen. Wir können natürlich nicht alles ersetzen, was in der Luftfahrt abgewandert ist. Der EADS-Forschungsbereich „Innovation Works“, der 250 Mitarbeiter hat und auf 300 Mitarbeiter aufbauen will, bleibt aber in Ottobrunn. Absolutes Hightech, was ja auch früher MBB ausgemacht hat, wollen wir weiter stärken.

Sie sind Teil eines internationalen Konzerns. Was ist das Besondere am Standort Ottobrunn?

Wir führen hier die Entwicklung von EDRS, der neuen Datenautobahn im Weltraum. Damit stehen Daten über Naturkatastrophen in Echtzeit zur Verfügung. Wir verbinden unsere Soldaten in Afghanistan mit der Heimat. Ottobrunn ist aber auch auf die Zulieferung von Subsystemen spezialisiert und wird zur Drehscheibe dieser Aktivitäten. Was vielleicht wenige wissen: Wir sind der weltweit zweitgrößte Raumfahrtzulieferer.

Bei Zulieferindustrie denkt man sofort an Autos. Was muss man sich bei Ihnen darunter vorstellen – eine Art Bosch der Raumfahrt?

Nein, wir sind nicht Bosch. Wir sind Astrium. Aber in einem Punkt passt der Vergleich: Wir wollen die Nummer eins unter den Raumfahrtzulieferern werden. Wir bauen beispielsweise die riesigen Solar-Panels für die Stromversorgung von Satelliten. Wir fertigen Onbord-Computer, Speichersysteme etwa für Radarsatelliten, und wir bieten optische Systeme an. Wir bringen sozusagen die Intelligenz in den Satelliten. Wir liefern Massenspeicher nach Japan. Und ein Antennenmesszentrum nach Russland. Das alles kommt aus Ottobrunn.

Früher waren Sie auch im Triebwerksbau tätig. Hat sich das verändert?

Nein, im Gegenteil. Wir investieren gerade zehn Millionen Euro in eine neue Galvanik. Wir werden für die Oberstufe der neuen Ariane 5 hier die Schubkammer bauen. Auch das fällt unter Zulieferindustrie.

Amerikaner wollen in der Raumfahrt auch mit den Europäern zusammenarbeiten. Inwieweit profitiert der Standort Ottobrunn?

Unser globales Geschäft bekommt auch insgesamt immer mehr Bedeutung. Auch deshalb die strategische Neuorientierung. Satelliten weltweit zu verkaufen, wird immer schwieriger, weil es für viele Schwellenländer wichtig ist, eigene Satelliten zu bauen. Anstatt mit ihnen zu konkurrieren, wollen wir auf der Zulieferseite erfolgreich sein. Dann bleiben sie unsere Kunden, nach dem Motto „Astrium inside“.

Früher hatten Sie in Bayern kaum Konkurrenten. Inzwischen hat sich der OHB-Konzern aus Bremen mit Kayser-Threde in München und MT-Technologies in Augsburg zwei starke bayerische Standbeine dazugekauft. Wird das Rennen um gute Mitarbeiter härter?

Wettbewerb ist immer gut und hat uns gezwungen, uns zu bewegen, schneller zu werden und über die Grenzen hinauszudenken. Natürlich haben wir den Wettbewerb um Akademiker. Aber wir haben als Astrium einen sehr guten Stand. Wir bleiben mit Abstand der größte Spieler in Bayern, decken die gesamte Raumfahrt ab und sind international. Wir bauen hier in Ottobrunn den Campus Aerospace auf, um die Forschung nahe bei uns zu haben. Das wird eine hochinteressante Zusammenarbeit.

Jugendliche sind begeistert von Raumfahrt. Nur wenige können daraus einen Beruf machen. Wie kommt man zu Astrium?

Wer Raumfahrttechnik studiert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit beruflich mit uns zu tun bekommen. Auch Wirtschaftsingenieure werden gesucht, weil sie die technische und die kaufmännische Seite kennen. Aber auch andere, die sich für Raumfahrt interessieren und weltoffen sind, können zu uns kommen. Wir brauchen ja auch Kaufleute und Juristen.

Haben auch Facharbeiter bei Ihnen noch Chancen?

Wir haben in Ottobrunn 75 Prozent Akademiker. Für unsere Kleinserien, die immer wieder neu entwickelt werden müssen, brauchen wir vor allem Ingenieure. Wir suchen aber weiterhin auch hoch qualifizierte Facharbeiter. Wir haben 36 Auszubildende. Bei insgesamt 250 Nicht-Akademikern hier am Standort ist das nicht schlecht.

Worauf kommt es bei den Mitarbeitern an: Wie wichtig sind Fremdsprachen?

Englisch ist ein Muss. Eine zweite Fremdsprache ist wünschenswert. Man braucht eine positive Einstellung zur internationalen Zusammenarbeit – vor allem Offenheit. Wir verlangen von den jungen Leuten bei uns, auch schon von den Studenten, dass sie bereit sind, auch ganz woanders hinzugehen. Wir wollen aber auch Engländer und Franzosen hier in Ottobrunn haben.

Sie wollen noch größer werden. Wie groß?

Wir werden in den nächsten Jahren als Zulieferer die Nummer eins sein und beim Umsatz von einem hohen dreistelligen Millionenbetrag ausgehend eine Milliarde überschreiten.

Interview: Martin Prem

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