Atomrakete wird Linienbus ins All

- München - Osten und Westen rücken zusammen. Nicht erst mit dem geplanten Raumtransporter für Touristen läuft ein reger Technologietausch zwischen Russland und Westeuropa, von dem beide Seiten profitieren: Die Westeuropäer nutzen die preisgünstige und ausgereifte russische Technik, die Russen lasten brachliegenden Kapazitäten besser aus.

<P>Zwei unterschiedliche Kulturen stoßen da aufeinander. Die europäische EADS ist ein zusammengewachsener Verbund. Dagegen war die russische Luftfahrtindustrie bereits zu Sowjetzeiten zersplittert. Dort pflegen die Unternehmen traditionell einen feindschaftlichen Umgang miteinander - und suchen den Weg nach Westen.</P><P>Der in für All-Transporte günstiger Äquatornähe gelegene europäische Weltraumbahnhof Kourou wird derzeit für russische Sojus-Raketen ausgebaut. MiG-Jets sind seit der Wende Flugzeuge der Bundeswehr geworden. Andere Projekte nutzen den Technologietransfer in einst unvorstellbarer Weise:</P><P>So werden die gefürchteten sowjetischen SS-19 (in Russland "Rockot") Interkontinentalraketen auf eine neue Weise abgerüstet. Sie bringen mit europäischer Hilfe von Plesetsk (800 Kilometer nördlich von Moskau) aus Satelliten ins All. Die Rockots können bis zu zwei Tonnen Nutzlast befördern. </P><P>Vor allem kleinere künstliche Himmelskörper - auch aus Japan und den USA finden so einen zuverlässigen und preisgünstigen Träger. Die Oberstufe kann achtmal gezündet werden und damit an beliebigen "Haltestellen" im Orbit Satelliten aussetzen, um dann weiterzufliegen.</P><P>"Eurockot", so heißt das deutsch-russische Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in Bremen, ist nicht nur deshalb eine Art Weltraum-Linienbus. Es ist auch schnell verfügbar. Elf Tage nach einem Start ist der nördlichste Weltraumbahnhof der Welt wieder startklar. Bis zu zehn Starts im Jahr plant Eurockot. Das kann Jahrzehnte laufen. Außer rund 150 SS 19-Raketen lagern in den Weiten Russlands über 400 fast baugleiche SS-18.</P><P>Ein weiteres Projekt soll die Bekämpfung von Brandkatastrophen erleichtern. Eine Studie der EADS, von Irkut und Rolls-Royce war der erste Schritt, die russischen Beriew-200 Amphibien-Flugzeuge (sie starten auch im Wasser) als Feuerwehrautos der Luft zu vermarkten. Bis zu 13 Tonnen Wasser können diese tanken und über Brandherden abladen. Auch für Such- und Rettungsaktionen, Personen- und Gütertransport sowie die Meeresüberwachung ist die BE-200 geeignet.</P><P>Aus den USA wird mit Skepsis auf die Annäherung geblickt. Doch längst arbeiten auch US-Konzerne mit den Ex-Feinden aus dem Kalten Krieg zusammen. So steckt in einer Atlas-Rakete von Lockheed-Martin ein russisches Triebwerk. Das bringt den USA ein Stück technologische Unabhängigkeit. Denn ohne Patente des Münchner Technik-Pioniers Ludwig Bölkow vor allem in der Triebwerkstechnik wäre ein Großteil der bisherigen US-Raumfahrtprogramme nicht möglich gewesen.</P>

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