AUB-Affäre: Wusste von Pierer schon vor zehn Jahren Bescheid?

- München - Interne Siemens-Protokolle und Ermittlungsunterlagen sollen den scheidenden Aufsichtsratschef und seinen Konzern belasten.

Der Siemens-Skandal um die Arbeitnehmerorganisation AUB erhält neue Nahrung. Aus Ermittlungsunterlagen und internen Siemens-Protokollen soll hervorgehen, dass der Konzern die AUB entgegen aller bisherigen Behauptungen gezielt finanziert hat. Auch der gestürzte Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer soll schon vor zehn Jahren von dem Problem erfahren haben.

"Ich habe Verträge über Zahlungen an die AUB nicht gekannt", verteidigte sich von Pierer. Sein für diesen Mittwoch angekündigter Rücktritt als Aufsichtsratschef stehe mit neuen Papieren nicht in ursächlichem Zusammenhang, ergänzte ein Siemens-Sprecher. Ob die Dokumente authentisch sind, bleibt vorerst offen, da Ermittlungsbehörden zunächst nicht erreichbar waren.

Belastet werden von Pierer und der Konzern unter anderem vom Protokoll einer Aufsichtsratssitzung aus dem Jahr 1997. Darin ist festgehalten, dass schon damals ein IG- Metall-Vertreter den Vorwurf erhoben hat, die AUB werde finanziell von Siemens unterstützt. Der damalige Siemens- Aufsichtsratschef Hermann Franz habe bestimmt, dass es "zu dieser Angelegenheit keinen weiteren Diskussionsbedarf" gibt, zitiert die "Süddeutsche Zeitung" aus dem Protokoll der Sitzung, an der auch von Pierer teilgenommen hatte.

Weder Franz noch von Pierer sind später den Vorwürfen nachgegangen. Dazu habe es keinen Anlass gegeben, weil der Aufsichtsratschef das Thema beantwortet habe, erklärt von Pierer heute. Weitere Fragen dazu habe es nie gegeben. Die Richtigkeit des Protokolls stellt von Pierer nicht in Frage. Siemens vertritt bislang die Version, dass der vor kurzem als AUB-Chef abgetretene und seit zwei Monaten in Haft sitzende Wilhelm Schelsky vom Konzern nur in einer Funktion als Berater mit Millionenhonoraren versorgt wurde, aber keine Finanzierung der als managementfreundlich bekannten AUB als Gegengewicht zur IG Metall vorlag.

Das klare Gegenteil besagt ein offenbar von Ermittlern beschlagnahmtes Memorandum Schelskys. Es soll den Vermerk tragen: "Dieses Papier ist aus Sicherheitsgründen zu vernichten". Demnach haben 1988 zwei Siemens-Vorstände, der damalige Aufsichtsratschef und Schelsky einen Plan entworfen, um die Vorherrschaft der IG Metall im Arbeitnehmerlager von Siemens zu brechen.

Zielvorgabe durch Siemens sei es gewesen, bis zur Aufsichtsratswahl 1997/98 seitens der Arbeitnehmerseite 40 Prozent der Delegierten durch die AUB zu stellen. Ende der 80er-Jahre war Schelsky selbst noch bei Siemens angestellt. 1990 sei er von Siemens-Managern aufgefordert worden, den Konzern zu verlassen, um sich als von Siemens finanzierter Berater selbstständig zu machen, schreibt Schelsky in seinem Papier. Seit 1991 soll sich sein Honorar auf rund 50 Millionen Euro aufsummiert haben.

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