Auch Amerika ächzt unter Ölpreis-Schock

Washington - Schlechte Zeiten für die Polizisten der Stadt Newberry im US-Bundesstaat South Carolina. Wann immer sie mindestens 60 Sekunden mit ihren Streifenwagen anhalten, darf künftig der Motor nicht mehr laufen -­ was bei der Sommerschwüle die Gesetzeshüter mächtig ins Schwitzen bringt.

Doch Polizeichef Jackie Swindler bleibt hart: "Das Auto", sagt er, "ist doch kein rollendes Büro." In anderen US-Städten werden derzeit weniger Polizisten als geplant eingestellt ­ damit die Behörden für die verbleibenden Cops ausreichend Sprit einkaufen können.

Ein scheinbar unaufhaltsam steigender Öl- und Benzinpreis ­ und verzweifelte, aber auch kreative Maßnahmen. Wie beim Autohändler "Max Motors" in Butler im Bundesstaat Missouri. Weil dort die Neuwagen-Nachfrage nach General-Motors-Modellen dramatisch einbrach, bietet Firmenchef Mark Muller derzeit Kaufinteressenten einen besonderen "Deal": Wer ein Fahrzeug erwirbt, bekommt einen Revoler im Wert von 250 US-Dollar (rund 170 Euro) ­ oder einen Benzingutschein gleichen Wertes. Die Verkaufszahlen haben sich seitdem vervierfacht.

Landesweit sind die steil nach oben gekletterten Preise an der Tankstelle längst zum dominierenden Gesprächs- und TV-Thema geworden. Schlagzeilenträchtig sind dabei vor allem die dramatischen negativen Konsequenzen in einer Industrienation, die wie kaum ein anderes Land spritvernichtende Vehikel wie den protzigen "Hummer" produziert hat ­ so, als gäbe es unbegrenzte Vorräte des nun so teuren Rohstoffs. Der Vorstandschef des Automobilkonzerns Ford kündigte einen drastischen Produktionsstopp an. Vor allem die "Säufer", die beim Kunden so beliebten SUV (Sport Utility Vehicel) sollen künftig in deutlich geringeren Stückzahlen gebaut werden. "Wir müssen schließlich mit der Realität leben", sagt Ford-Chef Alan Mulally.

Eine Nation, in der Fußgänger

als Sonderlinge gelten

Zwar liegt der Benzinpreis in den USA mit rund vier Dollar pro Gallone (umgerechnet 0,70 Euro pro Liter) immer noch deutlich unter dem europäischen Niveau. Doch in einem Land, das in manchen Großstädten Fußgänger als Sonderlinge ansieht und in dem die meisten Familien drei oder vier Fahrzeuge besitzen, scheint damit bereits die Schmerzgrenze erreicht ­ und überschritten. Das bekommen derzeit auch die Tankstellenbesitzer zu spüren: Denn an jenen Zapfsäulen, wo noch keine Vorkasse erbeten wird, häuft sich der Benzindiebstahl. "Es ist schlimm geworden", klagt Dan Gilligan vom Verband der Tankstellenpächter, der rund 8000 Stationen repräsentiert. Zwar sorgen Videokameras zumeist dafür, dass das Nummernschild ermittelt werden kann. Doch die Staatsanwälte ziehen in der Regel nur dann vor Gericht, wenn der Fahrer zweifelsfrei identifiziert wird.

Grund zur Klage haben derzeit auch ­ pünktlich zum Beginn der Sommer-Reisesaison ­ die Flugpassagiere in den USA. Als erste Gesellschaft kündigte in dieser Woche "American Airlines" an, für das erste aufgegebene Gepäckstück 15 Dollar zu verlangen, ein zweites würde sogar mit 25 Dollar zu Buche schlagen. "Unsere Industrie kann so nicht weitermachen", verteidigte ein American-Sprecher den neuerlichen Griff in die Verbraucher-Tasche nach einer vorausgegangenen Preiserhöhungsrunde. Andere Gesellschaften dürften bald nachziehen. Natürlich hat auch die Suche nach den Schuldigen für die Preisexplosion längst begonnen.

Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress sahen sich am Donnerstag die Vertreter großer Mineralöl-Konzerne harscher und oft feindseliger Fragen durch Abgeordnete ausgesetzt. Diese glauben den Konzern-Behauptungen nicht, der Markt werde vor allem durch Angebot und Nachfrage bestimmt. "Sie haben Quartal für Quartal Rekordgewinne, aber keine ethische Marschrichtung in Bezug auf die Benzinpreise", wetterte die demokratische Parlamentarierin Dianne Feinstein. Ihr Kollege Dick Durbin droht sogar mit massiven Konsequenzen für den Fall eines Wahlsieges von Barack Obama. "Hier muss doch der Präsident einschreiten. Sie alle sollten sich im Weißen Haus dafür verantworten, was sie der amerikanischen Wirtschaft antun."

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