Auch 80 Jahre nach Gründung ist I.G. Farben noch nicht abgewickelt

- Frankfurt - Eigentlich dürfte es die I.G. Farben nicht mehr geben. Der Zusammenschluss deutscher Chemie-Unternehmen zum weltgrößten Konzern der Branche, der an diesem Freitag genau 80 Jahre zurückliegt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten rückgängig gemacht. Inzwischen wacht eine Insolvenzverwalterin über die wenigen verbliebenen Vermögenswerte. Dennoch wird mit den Aktien der I.G. Farben immer noch spekuliert.

Im Dezember 1925 besiegeln acht deutsche Chemie-Unternehmen, die seit längerem zusammenarbeiten, die Fusion zur "Interessengemeinschaft Farben". Die bekanntesten unter ihnen, Bayer, BASF und Hoechst, sind Industrie-Titanen, die weltweit bei der Herstellung künstlicher Farbstoffe vorn liegen. Obwohl Hitler den Konzernen mit ihren internationalen Verflechtungen zu Beginn seiner Terrorherrschaft skeptisch gegenübersteht, weiß er um die Bedeutung der I.G. Farben für seine Rüstungspläne. So spielt der Chemie-Gigant dann auch eine zentrale Rolle für die Nazis. Während des Krieges beschäftigt die I.G. Farben Tausende von Zwangsarbeitern - auch im Massenvernichtungslager Auschwitz. Dort werden die Opfer der Nazis durch das Giftgas Zyklon B ermordet, hergestellt von einer gemeinsamen Tochter der Degussa und der I.G. Farben. Nach der Niederlage Deutschlands wird der Konzern aufgespalten, und die ehemaligen Bestandteile entwickeln sich in den Jahrzehnten des Wiederaufbaus zu blühenden Konzernen. Übrig bleibt die "I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft in Abwicklung". Ihr gegenüber sollen ehemalige Zwangsarbeiter ihre Forderungen geltend machen können. Auf Rest-Vermögen in Ostdeutschland hat das Unternehmen jedoch zunächst keinen Zugriff.

Die Liquidationsscheine der I.G. Farben werden an der Börse gehandelt. Auch nach der Wiedervereinigung existiert das Unternehmen weiter - mit einem kleinen Büro in Frankfurt unweit des ehemaligen Hauptquartiers des 1930 von Hans Poelzig erbauten I.G.-Farben-Hauses. Heute wird dieses überdimensionierte Gebäude mit mehr als 700 Räumen von der Universität genutzt. Den Restkonzern leiten zwei so genannte Liquidatoren - seit 1998 der Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt und der Rechtsanwalt Volker Pollehn. Sie gründen eine Stiftung, die sich um das wertvolle historische Archiv der I.G. Farben kümmern soll.

Fünf Jahre später gibt es das merkwürdige Unternehmen immer noch, und inzwischen ist es auch noch pleite. So verrückt es klingt, die I.G. Farbenindustrie AG in Abwicklung meldete 2003 Insolvenz an. Zur Insolvenzverwalterin wird die von den Liquidatoren wenig geschätzte Rechtsanwältin Angelika Amend ernannt. "Ich bin froh, dass wir dieses fürchterliche Kapitel in der deutschen Geschichte nun endlich zum Abschluss bringen können", resümiert sie. Derweil steht das ausgelagerte I.G.-Farben-Archiv für wissenschaftliche Arbeiten nicht zur Verfügung. Die Historiker vom renommierten Fritz-Bauer-Institut, einem Frankfurter Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust, haben nach eigenen Angaben gerade um eine erste Sichtung des Materials gebeten.

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