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Da war die Welt noch in Ordnung: Im März ahnte Audi-Chef Rupert Stadler (r.) noch nicht, dass er im Juni in U-Haft sitzen und Bram Schot (li.) neuer Interimschef werden würde. 

Stadler kaum mehr zu halten

Mammutaufgabe Audi: Was auf den neuen Chef jetzt zukommt

Der Aufsichtsrat hat Audi-Vertriebschef Bram Schot zum Interimschef bestellt. Die langfristige Nachfolge Stadlers soll in den nächsten Wochen geregelt werden.

München – Der Aufsichtsrat der Ingolstädter VW-Tochter Audi hat den inhaftierten Audi-Chef Rupert Stadler beurlaubt. Auch von seinen Pflichten als Vorstand der Audi-Mutter VW ist der gebürtige Oberbayer auf eigenen Wunsch entbunden worden. Zum Interimschef des Premiumherstellers wurde der Niederländer Abraham Schot bestellt, der erst seit Herbst 2017 Audi-Vertriebschef ist.

Zuvor hatten sich die Aufseher von Audi und die des über zwei Tage lang parallel tagenden VW-Aufsichtsrats im Umgang mit der Personalie Stadler schwergetan. Da es völlig offen sei, wie lange der Topmanager in U-Haft bleiben müsse, sei die Entscheidung zur Beurlaubung des Mannes, der seit 2007 an der Spitze von Audi steht, unumgänglich gewesen, hieß es aus dem Umfeld des Audi-Aufsichtsrats. Einen Kandidaten zur langfristigen Nachfolge Stadlers gebe es noch nicht. Dessen Karriere bei Audi und VW gilt als unwiderruflich beendet, auch wenn das in einer offiziellen Audi-Mitteilung anders klingt: „Die Entbindung wird vorübergehend vorgenommen, bis der Sachverhalt geklärt ist, der zu seiner Verhaftung geführt hat“, heißt es dort zur Beurlaubung des bisherigen Audi-Chefs. „Es ist undenkbar, dass Stadler an seinen Schreibtisch zurückkehrt“, stellt dagegen ein Insider aus dem unmittelbaren Umfeld des Managers klar.

Stadler wohl nicht mehr zu halten

Stadler sitzt seit Montag wegen Verdunklungsgefahr und Betrugsvorwürfen im Zusammenhang mit Abgasmanipulationen in der Justizvollzugsanstalt Augsburg. Und inzwischen hat sich offenbar auch im VW-Imperium die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Manager nicht mehr zu halten ist. Nicht sofort gekündigt worden ist ihm dem Vernehmen nach, weil für ihn die Unschuldsvermutung gilt und ein Rauswurf damit arbeitsrechtlich nicht erlaubt ist. Würde Stadlers Vertrag jetzt einseitig gekündigt, könnte das sehr teuer werden, sagt ein Rechtsexperte. Aus Arbeitnehmersicht sei die Beurlaubung Stadlers die richtige Entscheidung, sagt Irene Schulz, die für die IG Metall im Audi-Aufsichtsrat sitzt.

Audi müsse handlungsfähig bleiben, betonte Aufsichtsratskollege Peter Mosch. Er ist Audi-Gesamtbetriebsratschef und sitzt parallel auch im VW-Aufsichtsrat. Interimschef Schot müsse den Autobauer nun wieder in ruhigeres Fahrwasser bringen, die interne Aufklärung konsequent zum Abschluss bringen und das Tagesgeschäft im Auge behalten.

Schot hat den Vorteil, komplett unbelastet von der jüngsten Vergangenheit um manipulierte Dieselmotoren zu sein. Er ist erst im September vorigen Jahres als Vertriebschef in den Audi-Vorstand berufen worden. Als Kandidat für eine langfristige Lösung gilt er dennoch nicht.

„Unwetter aus heiterem Himmel“

Die Inhaftierung Stadlers hat den Konzern und dessen Aufseher offenbar kalt erwischt, obwohl Staatsanwälte wegen der Verwicklungen von Audi in die VW-Abgasaffäre zuletzt die Daumenschrauben immer mehr angezogen hatten. „Das ist wie ein Unwetter aus heiterem Himmel über uns gekommen“, beschreibt ein Insider die Befindlichkeiten in Ingolstadt und Wolfsburg, was auf eine gewisse Wagenburg-Mentalität hinweist. Zudem hatten die bei VW dominierenden Eignerfamilien Porsche und Piëch bis zuletzt zu Stadler gestanden.

Die Justiz hat jedenfalls konkrete Hinweise, dass der 55-Jährige entweder Beweismittel verschwinden lassen oder sich mit Zeugen beziehungsweise anderen Beschuldigten absprechen wollte. Am Dienstag hat Stadler sich mit seinem Anwalt getroffen. Voraussichtlich ab Mittwoch will er aussagen. Von dem, was er dabei preisgibt, hängt ab, ob er rasch gegen Kaution aus der U-Haft freikommt.

Stadler wurde zuletzt auch VW-intern schleppende Aufklärung vorgeworfen. Audi hat einen Teil jener Dieselmotoren mit Schummelsoftware entwickelt, die konzernweit in Autos verschiedener Marken eingebaut wurden. Welche Motoren betroffen sind, können die Ingolstädter zweieinhalb Jahre nach Ausbruch der Affäre immer noch nicht genau sagen. Das zu ändern, wird eine der ersten Aufgaben von Interimschef Schot sein.

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