Audi: „Wir müssen uns an die Höhenluft gewöhnen“

München - Audi-Finanzvorstand Axel Strotbek spricht im Merkur-Interview über Wachstumsaussichten des Autobauers und die Auswirkungen auf das Personal.

Die Ingolstädter Autobauer geben Vollgas – Audi glänzt mit historisch guten Zahlen, hat den bayerischen Rivalen BMW im Visier und zahlt seinen Mitarbeitern Rekordprämien von über 8000 Euro. Über die Strategie, chinesische Vorlieben und die künftige Produktion in den USA sprachen wir mit dem Audi-Finanzvorstand Axel Strotbek.

Herr Strotbek, sind Sie eigentlich schwindelfrei?

Sie meinen, wegen des Ergebnisses müssten wir ins Schwindeln kommen?

Wer hoch steigt, kann ja tief fallen. Ich hätte Höhenangst.

Uns freut die Entwicklung. Das ist das Ergebnis harter Arbeit. Unsere Mitarbeiter hier in Deutschland, aber auch an unseren anderen Produktionsstandorten weltweit haben alles gegeben, um die Nachfrage zu befriedigen. Wir müssen uns an die Höhenluft gewöhnen: Wir glauben, dass die Nachfrage im Premium-Segment weiterhin stabil bleibt, wenn keine volkswirtschaftlichen Turbulenzen eintreten.

Sie rechnen fürs laufende Jahr mit einem ähnlichen Ergebnis wie 2011. Ist das nur Vorsicht?

Vorsichtiger Realismus. Wir sind sehr gut ausgelastet und haben ein hervorragendes Portfolio mit jungen Produkten. Wir haben dadurch Rückenwind in vielen Märkten, spüren an der ein oder anderen Stelle in Europa aber auch Gegenwind. Ich kann heute trotz positiver Entwicklung im Januar und Februar noch nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass sich das im gesamten Jahr fortsetzt. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Lage bis zum Sommer auch in kritischen Ländern wie Spanien und Italien tendenziell verbessert.

Spanien kriselt nun schon recht lang.

In Spanien haben wir trotz schwieriger Rahmenbedingungen im Februar das Absatzniveau des Vorjahres erreicht. In Italien ist es ebenfalls schwieriger. Aber wenn die staatlichen Refinanzierungen sauber stehen und die neue Regierung Maßnahmen ergreift, um auch strukturelle Probleme anzugehen, ist eine schnellere Erholung möglich.

Wie sind die Perspektiven in Deutschland?

Wir waren im letzten Jahr die wachstumsstärkste Industrienation weltweit. Darauf können wir stolz sein. Da macht sich auch bezahlt, was wir in den letzten zehn Jahren an Veränderungen betrieben haben. Unsere Technologien sind weltweit gefragt. Der Exportanteil der deutschen Industrie hat die ganze Volkswirtschaft beflügelt und natürlich auch den Automobilmarkt.

Hoffen Sie fürs laufende Jahr auf einen positiven Binneneffekt?

Wir gehen davon aus.

Amerika war lange Zeit ein schwieriger Markt für Audi. Nun haben Sie als Finanzvorstand ein weiteres Problem: Die Währung.

Im Gesamtjahr 2011 war der Wechselkurs von Euro zu Dollar unvorteilhafter für uns als im Vorjahr. In den ersten zwei Monaten 2012 hat er sich verbessert. Aber es gibt eine Heterogenität und eine Schnelllebigkeit, die wir nicht steuern können. Wir versuchen, uns mittelfristig ein Stück weit abzusichern. Viel wichtiger ist aber, dass Nordamerika sich für uns neben Europa und Asien zu einem dritten Standbein entwickelt. Das macht den Audi-Konzern viel robuster. Mit den Volumina, auf die wir hinzielen, ist der nächste Schritt logisch: Wir wollen auch in Nordamerika produzieren. Damit sind die Waren- und Währungsströme besser ausbalanciert. Schwankungen machen uns dann weniger aus.

Wie viele Autos wollen Sie dort bauen? Die Rede ist von 200 000.

200 000 ist unser langfristiges Absatzziel in den USA und bezieht sich auf das gesamte Portfolio. Für die Produktion in Nordamerika wollen wir ein Modell auswählen, mit dem wir den gesamten Weltmarkt bedienen können.

Sie zahlen den Mitarbeitern eine Rekord-Gewinnbeteiligung. Was bringt Ihnen das?

Unser Erfolg ist der Erfolg der gesamten Belegschaft. Die Entscheidung, dass die Mitarbeiter am Ergebnis beteiligt werden, liegt ein paar Jahre zurück. Natürlich soll die Mannschaft, jetzt wo es uns gut geht, auch davon profitieren. Ich denke, das ist eine starke Botschaft.

Sie haben an allen Standorten Personal aufgebaut. Ist das nicht eine Belastung für die Zukunft?

Wir glauben auch langfristig an unser Wachstumspotenzial. Es wäre kurzsichtig, nur auf Quartalsbasis zu denken. Wir haben auch im Krisenjahr 2009 gezielt rekrutiert, wo wir Bedarf hatten. Das hat uns auch bei der Attraktivität als Arbeitgeber sehr geholfen. Wir arbeiten zwar auch mit Leihkräften und einer Vielzahl von Dienstleistern zusammen, sodass wir atmen können, aber immer so, dass wir uns mit den Partnern auf der Arbeitnehmerseite verstehen und mit diesen schnell und flexibel auf veränderte Bedingungen reagieren können.

Wie viele Leiharbeiter haben Sie denn?

Insgesamt sind es momentan circa 2500. Es geht bei uns aber hauptsächlich darum, neue Anläufe abzufedern. Im letzten Jahr haben wir 400 Leiharbeiter in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen. Auch dieses Jahr wollen wir bis zu 700 Leiharbeiter fest einstellen.

Sie sind mit dem A1 in die Kleinwagenklasse eingestiegen, den Sie derzeit nur in Brüssel fertigen. Müssen Sie damit nicht auch in die Wachstumsmärkte?

Wir wollen zum Beispiel in China über die Abstrahleffekte der Spitzenmodelle die Marke positionieren und mit dem A1 auch im Einstiegsbereich Kunden gewinnen.

Wer in China etwas gelten will, fährt mit Chauffeur, deshalb bietet Audi dort extralange Fahrzeuge an. Ändert sich das?

Ich habe lang in China gelebt und denke, dass auch dort eine Generation heranwächst, die nicht eins zu eins die Rituale der Eltern übernimmt. Auf der anderen Seite wird das starke Wachstum dazu führen, dass verlängerte Modelle noch weiter ein Wachstumsmarkt sind. Das eine schließt das andere nicht aus.

Aus China kommen negative Signale: Staatliche Stellen sollen chinesische Fahrzeuge kaufen. Sind Sie davon betroffen?

Wir sind dort verwurzelt, sorgen für Beschäftigung und haben einen riesigen Zulieferpark. Mit einem Privatkundenanteil von 90 Prozent müssen wir uns aber keine Sorgen machen.

Die Internationalisierung hat auch Folgen für die Mitarbeiter. Wer früher bei Ihnen arbeitete, konnte sich in Ingolstadt und Neckarsulm sein Häuschen bauen und musste nie mehr umziehen. Wie steht das heute?

Es ist ja auch ein Vorteil, dass man in diesem Konzern die Möglichkeit hat, an verschiedenen Projekten und in verschiedenen Ländern mitgestalten zu können. Und das macht ein Stück weit sogar unsere Attraktivität als Arbeitgeber aus.

Interview: Martin Prem

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