Aufbruch eines milliardenschweren Visionärs

Pharmakonzern Ratiopharm: - Starnberg - Philipp Merckle, Chef des Pharma-Unternehmens Ratiopharm und einer der reichsten Männer in Deutschland, will mit seiner "Aufbruch-Tour" den Klimawandel stoppen - indem er Schiffe chartert und seinen Gästen Visionen von einer besseren Welt eintrichtert: Einer Welt ohne Skandale um geschmierte Ärzte und Apotheker, die Ratiopharm einst den guten Ruf kosteten.

Der Aufbruch für Bayern beginnt an Fronleichnam um 19.47 Uhr. Es ist Philipp Merckles siebter Aufbruch in acht Tagen. Merckle, seit knapp zwei Jahren Chef des Pharmakonzerns Ratiopharm und selbsternannter Visionär "für eine bessere Zukunft", weiß nach sechs gleichen Aufbrüchen in Köln, Hamburg, Frankfurt, Dresden und Berlin, wie ein "symbolischer Aufbruch" zu laufen hat.

Zunächst flanieren die Gäste über den Steg, der mit einem roten Teppich ausgelegt ist. An Bord des Schiffes, heute ist es die MS Starnberg am gleichnamigen See, bekommen sie Sekt mit Häppchen serviert - und dazu das Gefühl, wichtig zu sein. Sie verbringen vier Stunden an Bord, sie sehen mit einem Bier oder Wein in der Hand von der Fensterfront aus, wie die Segelboote vorbeischwimmen, wie der See glitzert, wenn die Sonne untergeht und den Himmel orange färbt ­\ und hören, wie das milliardenschwere Familienunternehmen aus Ulm die Welt ins Gleichgewicht bringen will.

"World in Balance" heißt Merckles 2006 gegründete Stiftung und auch seine persönliche Aufbruch-Tour. Kurz nachdem das Schiff abgelegt hat, sagt der 40-Jährige in weichem Schwäbisch: "Was will man in so einem Unternähmen bewägen? Reicht es, dass sich Absatzzahlen bewägen?"

Die Absatzzahlen von Ratiopharm bewegen sich zweifelsohne - leider nach unten. 2006 hatte der Konzern 815 Millionen Euro umgesetzt, 49 Millionen weniger als noch im Vorjahr: Der Preisverfall auf dem Markt und das Feilschen der Krankenkassen um Rabatte machen dem Unternehmen immer mehr zu schaffen.

"Ratiopharm-Chef wirbt für eine bessere Welt - und hat im eigenen Unternehmen alle Hände voll zu tun", schrieb erst vor wenigen Tagen das Handelsblatt. Die Strategie, Gutes zu tun, um (vermeintlich) nebenbei den Ruf der Firma zu retten, ist durchdacht - und notwendig nach dem Skandal vom Sommer 2005, als das Unternehmen in die Schlagzeilen geriet, nachdem aufgeflogen war, dass es versucht hatte, Ärzte mit Zuwendungen und Umsatzbeteiligungen zu ködern, damit sie ihren Patienten Ratiopharm-Medikamente verordnen.

Wenn Merckle in diesem Zusammenhang "von einer Situation der Schande" spricht, glaubt man ihm - immerhin hat er nie versucht, die Affäre zu vertuschen, im Gegenteil: Er ging in die Offensive, feuerte die Geschäftsführung und die Vertriebschefin. Das Unternehmen kooperiert, bestätigt die Staatsanwaltschaft.

"Wir sollten beginnen, die Vision zu verwirklichen", sind Sätze, die Merckle auf seiner Weltverbesserungs-Schiffstour oft sagt - und auch so meint. Denn wer Geld hat, kann sich Visionen leisten. Genauso kann er sich eine persönliche Assistentin und einen Unternehmenssprecher leisten, die ihm beide wie ein Schatten folgen, um ihn zu bewachen, damit dem Chef kein medienunwirksamer Ton über die Lippen kommt oder ein Schnappschuss in einer Zeitung erscheint, der "so nicht abgesprochen" war.

Merckle selbst - wenn er mal er selbst sein kann ­\ wirkt auf den ersten Blick wie der nette Nachbarsbub von nebenan: die rote Krawatte etwas schlampig gebunden, die braunen Haare leicht zerzaust, der dunkelblaue Anzug fast ein bisschen zu groß. Er steht auf der Bühne der MS Starnberg, mehr als 200 Augenpaare fixieren sein Gesicht, Merckle spielt mit dem Ehering, verhaspelt sich, "ich will etwas wagen", sagt er - und holt Arved Fuchs auf die Bühne, der seit 1977 Expeditionen in die Arktis und Antarktis macht. Fuchs spricht von der "Gefahr des Klimawandels", er mahnt vor der bedrohlichen Eisschmelze und dem dramatischen Eisbärensterben: "Was wir falsch machen, werden unsere Kinder büßen."

Als Nächster kommt Mark Ehrenfried, ein Wunderkind am Klavier, längst weltberühmt. Merckle klopft ihm auf die Schulter und sieht dabei stolz aus. Bevor sich Mark an den schwarzen Flügel setzt, sagt er: "Es gibt viele Inbalancen auf der Welt." Mark ist 15. Es klingt komisch, wenn ein Kind von "Inbalancen" und "Visionen" spricht. Mark hat den Ratiopharm-Aufbruch eben richtig begriffen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Microsoft startet Vorverkauf seiner neuen Konsole Xbox One X
Microsofts neues Konsolen-Modell Xbox One X können nun auch Nutzer in Deutschland vorbestellen.
Microsoft startet Vorverkauf seiner neuen Konsole Xbox One X
Katar verhindert angeblich saudische Flüge nach Mekka
Katar verweigert der staatlichen saudischen Fluggesellschaft nach deren Angaben bislang die Landeerlaubnis, um Pilger aus dem Emirat zur Hadsch-Wallfahrt nach Mekka zu …
Katar verhindert angeblich saudische Flüge nach Mekka
Apfelbauern rechnen mit deutlich geringerer Ernte
Kalte Nächte im April - Apfelbauern in den wichtigen Anbaugebieten am Bodensee und im Alten Land erwarten deswegen nun massive Schäden. Die Landwirte rechnen mit einer …
Apfelbauern rechnen mit deutlich geringerer Ernte
Siemens verliert Streit um Turbinen vor Moskauer Gericht
Siemens hat im Streit um sanktionswidrig auf die Halbinsel Krim gebrachte Gasturbinen eine Niederlage erlitten.
Siemens verliert Streit um Turbinen vor Moskauer Gericht

Kommentare