VW in Aufruhr

- Wolfsburg - VW-Patriarch Ferdinand Piech hat zugeschlagen. Mit seiner Aussage, die Vertragsverlängerung mit Vorstandschef Bernd Pischetsrieder sei eine "offene Frage", löste Piech ein mittleres Erdbeben bei Volkswagen aus. Beobachter sprechen von einer "Demontage" Pischetsrieders. In Unternehmenskreisen hieß es, bei VW sei eine "offene Feldschlacht" ausgebrochen - und dies mitten in einer überaus schwierigen Phase: Die Konzern-Kernmarke VW steckt mitten in einer harten Sanierung.

Piech hatte in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview gesagt, er selbst wolle mit den Anteilseignern für eine weitere Zusammenarbeit mit Pischetsrieder stimmen. Dieser könne aber auf eine starke Opposition der Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat stoßen. Er habe das Gefühl, dass es derzeit ein Stimmenverhältnis von zehn zu zehn gebe, sagte Piech - und fügte hinzu: "Ich kenne kein Unternehmen in Deutschland, wo jemand mit zehn Arbeitnehmer-Gegenstimmen überleben konnte."

Pischetsrieder, seit 2002 VW-Vorstandschef, reagierte mit fast denselben Worten und sagte der "Financial Times Deutschland": "Auch ich kenne keine Firma, bei der ein Vorstand gegen den Willen der zehn Arbeitnehmervertreter bleiben kann."

Nord/LB-Analyst Frank Schwope kommentierte: "Das sieht ein wenig nach einer Demontage Pischetsrieders durch Piech aus." Offenbar liege dies auch an Differenzen aus der Vergangenheit. Schwope nannte das Aus für Piechs Lieblingsprojekt Phaeton in den USA und die Wahl des neuen Arbeitsdirektors Horst Neumann. Diesen hatte Piech gemeinsam mit der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat durchgeboxt - gegen den Willen unter anderem von Pischetsrieder.

In Wolfsburg hieß es zudem, Piech sei auch deswegen verärgert über seinen Nachfolger Pischetsrieder, weil dieser, wie auch Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU), die Doppelrolle Piechs als Porsche-Miteigentümer und VW-Aufsichtsratschef - vorsichtig ausgedrückt - kritisch sah.

Offiziell blieben auch am Tag nach dem Piech-Ausbruch alle Seiten in Deckung. Wulff wollten sich nicht äußern, Porsche-Chef Wendeling Wiedeking - als Vertreter des größten VW-Aktionärs - ließ lediglich verlauten: "Das ist ein Thema, das nur in den Aufsichtsrat gehört."

Hinter den Kulissen aber war zu hören, Wiedeking könne öffentlich nichts sagen, weil Piech quasi bei Porsche sein Chef sei. Das, was in Wolfsburg laufe, sei "unternehmensschädigend". Das Ganze habe den Anschein, als dass der "alte Löwe" Piech zeigen wolle, dass er noch da sei. Man habe den Eindruck, in Wolfsburg herrsche eine "selbstzerstörerischen Stimmung".

Auch der VW-Betriebsrat, der laut Piech Vorbehalte gegen eine Pischetsrieder-Vertragsverlängerung hat, hält sich offiziell zurück. VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte am Mittwoch dünn kommentiert, das "Thema" stehe zur Zeit nicht an.

Die Rolle der Arbeitnehmervertreter sei undurchsichtig, sagte Nord/LB-Analyst Schwope. Von außen betrachtet wäre es nicht nachvollziehbar, wenn Betriebsrat und IG Metall gegen eine Vertragsverlängerung mit Pischetsrieder seien. Schließlich sei dieser vergleichsweise "human" und "moderat". Schwope: "Er ist eigentlich ein Segen für die Arbeitnehmervertreter." Mögliche Nachfolger, etwa VW-Markenchef Wolfgang Bernhard, könnten einen härteren Kurs fahren.

Bernhard fand in einem Zeitungsinterview, das just am Donnerstag erschien, erneut drastische Worte für die Lage der Marke: Für VW gehe es derzeit "ums Überleben".

In der Wolfsburger Gerüchteküche ist Bernhard neben Audi-Chef Martin Winterkorn, der als Piechs Wunschkandidat gilt, ein heißer Kandidat für den VW-Chefposten - falls der Aufsichtsrat den Vertrag mit Pischetsrieder nicht verlängert oder dieser selbst hinschmeißt. Doch ob Bernhard den Arbeitnehmervertretern zu vermitteln wäre, gilt als sehr fraglich.

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