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Der Welthandel leidet unter Zöllen und Restriktionen (im Bild der Containerhafen in Hamburg). Auch der Abschwung in China, ein für Europa extrem wichtiger Handelspartner, drückt die Konjunktur.

Konjunkturelle Lage in Deutschland

„Der Aufschwung ist zu Ende“: Ein Experte verrät, was nun auf uns zukommt

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Handelskrieg, Brexit und eine schwächere Konjunktur in China belasten die Unternehmen in ganz Europa. Was können die Staaten, was kann die Notenbank tun, um der Flaute zu begegnen?

Der Jahre währende Aufschwung in Deutschland ist zu einem Ende gekommen. Handelskrieg, Brexit und eine schwächere Konjunktur in China belasten die Unternehmen in ganz Europa. Was können die Staaten, was kann die Notenbank tun, um der Flaute zu begegnen? Darüber sprachen wir mit Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Die Konjunktur trübt sich ein. Nur eine Delle oder schon eine Rezession?

Nur von einer Delle zu sprechen, wäre schönfärberisch. In den Daten zu den Auftragseingängen kann ich jetzt schon den drittstärksten Rückgang seit Anfang der 90er-Jahre erkennen. Ich glaube zwar nicht, dass es so schlimm kommt wie bei der letzten Rezession während der Finanzkrise 2008/2009, aber es wird auch kein Mini-Abschwung.

Der Bürger wird den Abschwung spüren?

Ja. Es gibt bereits Spuren am Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit ist in den zurückliegenden Monaten leicht gestiegen und die Zahl der Beschäftigten legt kaum noch zu. Aber am Ende dürfte es nicht so schlimm werden. Schließlich haben immer noch viele Unternehmen Nachwuchsprobleme. Sie werden wie in der vorangegangenen Rezession alles daran setzen, die begehrten Fachkräfte zu halten – etwa durch Kurzarbeit oder die Auflösung von Guthaben auf Arbeitszeitkonten.

Was die USA mit der drohenden Rezession zu tun haben

Wenn Sie nicht Chefvolkswirt der Commerzbank wären, sondern Bundeskanzler, was würden Sie jetzt tun, um der Flaute zu begegnen?

Die drohende Rezession kommt von außen, vor allem aus China, wo die Konjunktur wegen des Handelskriegs mit den USA schwächelt. Deshalb läuft der deutsche Export nicht mehr so rund wie früher. Umso wichtiger ist es jetzt, amerikanische Strafzölle auf europäische Autos zu verhindern. Die Bundesregierung sollte sich dafür stark machen, dass die Europäische Union US-Präsident Trump endlich den Wind aus den Segeln nimmt. Ich habe nie verstanden, warum die Europäische Union ihre Autozölle nicht von den geltenden zehn Prozent auf die 2,5 Prozent absenkt, die die Amerikaner bisher erheben.

Trump also nachgeben?

Ich bin dafür, Trump so zu nehmen, wie er ist, und ihm die Möglichkeit zu geben, seinen Wählern Erfolge zu präsentieren. Wenn die Autozölle dadurch vom Tisch kommen, wäre das für uns in der gegenwärtig delikaten Konjunkturlage extrem wichtig. Das betrifft nicht nur die Autoindustrie, die ohnehin mit strukturellen Problemen zu kämpfen hat, sondern eine weitere deutsche Schlüsselindustrie: den Maschinenbau.

Ein Konjunkturprogramm würden Sie nicht schnüren?

Ein mehrjähriges Investitionsprogramm für eine bessere Infrastruktur würde bei den Unternehmen Vertrauen schaffen. In einer Rezession bleiben sie dann eher bei der Stange und werden alles tun, um ihre Mitarbeiter zu halten.

Wohin müssten staatliche Investitionen fließen?

Es geht um bessere Straßen, Brücken, Schienenwege. Außerdem brauchen auch die Unternehmen auf dem Land endlich ein schnelles Internet. Wie sollen sie „Industrie 4.0“ in die Welt verkaufen, wenn bei ihnen das Internet dauernd hakt? Außerdem müssen die Schulen auf Vordermann gebracht werden. Es kann nicht sein, dass vier Fünftel unserer mittelständischen Kunden in einer Umfrage beklagen, Lehrstellen nicht besetzen zu können, weil die Kandidaten nicht ausreichend schreiben, lesen und rechnen können.

Jörg Krämer ist seit 2006 Chefvolkswirt der Commerzbank in Frankfurt.

Dafür würden Sie notfalls auch die schwarze Null im Bundeshaushalt fallen lassen?

Ja, würde ich. Es geht aber nicht nur um Geld. Es kann nicht sein, dass es 20 Jahre dauert, bis der Bau einer Umgehungsstraße beginnt. Das Planungsrecht gehört dringend entschlackt. Und wir brauchen den politischen Mut, wieder Großprojekte anzugehen, auch wenn es Widerstand gibt.

„Das Letzte, was wir jetzt noch brauchen, ist ein harter Brexit“

Mitten in diese sich entfaltende Rezession kommt jetzt womöglich noch ein harter Brexit. Ist der an den Finanzmärkten schon eingepreist?

Vermutlich noch nicht vollständig. Deshalb würden die Finanzmärkte negativ reagieren, wenn es zu einem harten Brexit käme. Vor allem wäre es eine schlechte Nachricht für die Unternehmen. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist ein harter Brexit.

Was kann die EU noch tun?

Zum Beispiel könnte sie in der Nordirland-Frage mehr Flexibilität zeigen. Ein souveräner Staat kann sich doch nicht diktieren lassen, dass eine seiner Provinzen, nämlich Nordirland, auf Dauer im EU-Binnenmarkt bleibt, während der Rest des Landes das nicht ist. Das würde eine Zollgrenze innerhalb Großbritanniens bedeuten. Das können die Briten nicht akzeptieren, deshalb gab es ja auch nie eine Mehrheit dafür im Parlament. Aber heute ist es durchaus möglich, Zollgrenzen so zu organisieren, dass normale Bürger sie kaum wahrnehmen. So könnte man zwei Spuren einrichten: eine für die Lastwagen der zollpflichtigen Unternehmen und eine für Privatpersonen, die man durchwinken kann. Außerdem ließen sich die Zollformalitäten für die Unternehmen nach dem Aufbau entsprechender digitaler Systeme ins Hinterland verlegen. Es wäre gut, wenn die EU die sogenannte Auffanglösung für Nordirland zeitlich begrenzt. In zwei oder drei Jahren, wenn eine weitgehend unsichtbare Grenze organisiert ist, könnte Großbritannien selbst entscheiden, ob Nordirland in der EU und Zollunion bleibt oder nicht. Dann käme das Ganze auch durchs Parlament. Die Europäische Union sollte von ihrem Abstrafmodus wegkommen und sich auf Großbritannien zubewegen.

Halten Sie ein Einlenken der EU für realistisch?

Ausgeschlossen ist es nicht, dass die EU am Ende doch noch über ihren Schatten springt. Die Briten verlangen ja nichts Unmögliches von der Europäischen Union, sondern nur die Hälfte der Milde, die die EU seit vielen Jahren der italienischen Regierung angedeihen lässt. Da akzeptiert die EU Haushaltsentwürfe, die offen gegen den Stabilitätspakt verstoßen.

Welche Rolle kann die Europäische Zentralbank (EZB) spielen, um der Flaute zu begegnen?

Normalerweise hätten wir jetzt einen Leitzins von zwei oder drei Prozent. Dann könnte die EZB ihre Zinsen deutlich senken und die Konjunktur stützen. Aber leider hat die EZB mit ihrer langjährigen Nullzinspolitik ihr Pulver bereits verschossen. Das rächt sich jetzt.

Die EZB will die Zinsen dennoch weiter senken.

Ja, wir erwarten, dass sie ihren Einlagensatz auf der nächsten Sitzung im September von minus 0,4 auf minus 0,6 senken wird. Das freut die Finanzminister der hoch verschuldeten Länder im Süden der Währungsunion. Aber der Konjunktur bei uns wird das nichts nützen. Sinkende Zinsen sollen ja bewirken, dass die Bürger und Unternehmen heute weniger sparen und Konsum und Investitionen vorziehen. Wenn aber der Leitzins schon so lange nahe oder unter null ist, dann ist schon längst alles vorgezogen.

Wird die Immobilienblase platzen? Das glaubt der Chefvolkswirt

Hat die EZB überhaupt noch einen Einfluss auf die Inflation?

In den ersten Jahren nach der Einführung des Euro war es für die EZB in Ordnung, wenn die Inflation zwischen null und zwei Prozent liegt. Dann hat sie ihr Inflationsziel geändert, seitdem strebt sie eine Inflation von knapp zwei Prozent an. Aber globale Wertschöpfungsketten und die Digitalisierung drücken die Inflation deutlich unter zwei Prozent. Anstatt ihren begrenzten Einfluss zu akzeptieren, kämpft sie gegen eine unvermeidlich niedrige Inflation und leistet so dem Entstehen gefährlicher Übertreibungen an den Immobilienmärkten Vorschub.

Platzen die Blasen demnächst?

Immobilien sind vor allem in Ballungsräumen teurer, als es Fundamentaldaten wie Haushaltseinkommen oder Bevölkerungswachstum nahelegen. Aber nach unseren Berechnungen gibt es deutschlandweit noch keine dramatische Überbewertung, noch keine Blase. Aber dazu könnte es in ein paar Jahren kommen, weil der Leitzins der EZB noch lange unter null Prozent liegen wird. Aber es ist sehr gefährlich, wenn eine Immobilienblase entsteht und dann platzt. Das haben wir vor gut zehn Jahren in den USA und in Spanien gesehen.

Was ist mit Aktien?

Da sehe ich keine deutliche Überbewertung. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der im Dax notierten Unternehmen entspricht dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Allerdings dürften die Gewinne der Unternehmen wegen des Konjunkturabschwungs weiter sinken.

Die Bundesregierung wird derzeit von Ökonomen hart dafür attackiert, dass sie mit ihrem Spardiktat die Konjunktur in Europa, zum Beispiel in Italien, ruiniert. Was sagen Sie?

Das höre ich schon seit Jahren, zum Beispiel von Paul Krugman. Es wird zwar viel übers Sparen geredet, aber wenn ich mir die Haushaltsdaten anschaue, dann war Mario Monti der letzte italienische Ministerpräsident, der wirklich gespart hat – damals war der Druck wegen der Staatsschuldenkrise hoch. Aber danach kehrte wieder der übliche Schlendrian ein. Die Staatsschulden sind mittlerweile mehr als doppelt so hoch, wie der Maastricht-Vertrag erlaubt. Wenn Italien unter etwas leidet, dann darunter, dass der Staat sich so hoch verschuldet hat, dass Anleger nicht mehr sicher sind, ob sie ihr Geld je zurückbekommen. Die Probleme Italiens sind hausgemacht, Deutschland ist daran nicht schuld.

Erwarten Sie von der neuen italienischen Regierung Besserung?

Nein. Der Hang zum Geldausgeben ist bei der neuen Regierung ähnlich groß wie bei der vorhergehenden Koalition. Und Brüssel wird genauso großzügig sein wie bisher und beide Augen zudrücken, wenn Italien die Regeln des Stabilitätspaktes wieder einmal bricht.

Interview: Corinna Maier, Georg Anastasiadis

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