Aufschwung und Mehrwertsteuer: Gewerkschaften fordern mehr Lohn

- München -­ Die Gewerkschaften wollen sich bei den anstehenden Tarifverhandlungen nicht mehr zurückhalten. Angesichts der rosigen Wirtschaftslage, stagnierender Reallöhne und dem Anstieg der Mehrwertsteuer verlangen die Arbeitnehmervertreter deutlich höhere Gehaltszuwächse als in den vergangenen Jahren.

Die Unternehmer hingegen mahnen weiterhin zur Zurückhaltung, um den Aufschwung nicht zu gefährden.

Nachdem hochrangige Politiker der Großen Koalition in den vergangenen Tagen für ordentliche Gehaltsaufschläge plädiert hatten, schlossen am Dienstag IG-Metall-Funktionäre Lohn-Forderungen von über sechseinhalb Prozent und mehr nicht aus. "Es gibt ein breites Spektrum, und ich bezweifle auch nicht, dass Kolleginnen und Kollegen in Betrieben, denen es sehr gut geht, acht Prozent fordern", sagte Bezirks-Chef Werner Neugebauer. Eine konkrete Zahl nannte er nicht; die will die IG Metall erst im Februar bekannt geben. Im vergangenen Jahr hatte die Gewerkschaft fünf Prozent gefordert und letztlich 3,4 Prozent herausgeholt.

Auch in anderen Branchen zeichnen sich lebhafte Lohnverhandlungen ab. Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, Hubertus Schmoldt, kündigte an, er wolle bei der anstehenden Tarifrunde mehr durchsetzen als zuletzt. "Es muss mehr sein, als es war", sagte Schmoldt. Bei der letzten Tarifrunde 2005 hatten Arbeitgeber und Gewerkschaft eine Entgelterhöhung um 2,7 Prozent plus Einmalzahlung vereinbart. Deutlich höhere Lohn-Forderungen zwischen vier und sechs Prozent wollen außerdem die Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG) und Verdi stellen.

Die Gewerkschafter begründen ihre Forderungen mit der positiven konjunkturellen Entwicklung und den steigenden Renditen in vielen Unternehmen. Flankiert werden ihre Vorstöße von Wirtschaftswissenschaftlern wie dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger oder Gustav Horn. Ihrer Meinung nach würde dadurch die Binnenkonjunktur angekurbelt und der Aufschwung stabilisiert. "Es kann nicht sein, dass die Konzerne verdienen wie nie, aber die Mitarbeiter davon nicht profitieren", erklärte Horn in der "Bild"-Zeitung.

Wie aus einem kürzlich veröffentlichten Gutachten der Wirtschaftsweisen hervorgeht, sind die realen Nettoverdienste in Deutschland 2005 und 2006 um deutlich über ein Prozent zurückgegangen, nachdem sie in den zwei Jahren davor kaum gewachsen waren. Gleichzeitig steigen derzeit in vielen Branchen jedoch wieder die Unternehmensgewinne: So hat das Magazin "Börse Online" berechnet, dass die 30 Dax-Unternehmen ihre Gewinne im laufenden Jahr um acht Prozent auf über 57 Milliarden Euro steigern werden. "Davon wollen die Mitarbeiter jetzt etwas sehen", sagte der Chef des gewerkschaftsnahen WSI-Tarifarchivs, Reinhard Bispinck.

Die Arbeitgeberseite bewertet die Begehrlichkeiten der Beschäftigten kritisch. Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, warnte davor, die Wettbewerbsvorteile, die sich Deutschland nicht zuletzt durch eine moderate Lohnpolitik erarbeitet habe, durch zu hohe erfolgsunabhängige Lohnsteigerungen aufs Spiel zu setzen. Der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven, sagte: "Wer jetzt schon im Vorgriff auf die Tarifrunden massive Lohnsteigerungen fordert, gefährdet den Aufschwung, bevor der sich verstetigt."

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