Aufseher Cromme rechnet mit hoher Strafe

Siemens-Skandale: - Siemens-Kontrolleur Cromme zeichnet ein bedenkliches Sittengemälde von Teilen des Konzernmanagements. Er spricht von unterdrückten Informationen zu Korruption und einer Wagenburgmentalität, sieht Siemens als Ganzes aber nicht gefährdet.

München ­- Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme hat gegen Topmanager des Münchner Technologiekonzerns schwere Vorwürfe erhoben. Er sieht es als gesichert an, dass ein Siemens-Zentralvorstand dem Aufsichtsrat entscheidende Informationen über Korruptionsverdachtsfälle vorenthalten hat, sagte Cromme in einem Interview mit dem "Spiegel". "Heute wissen wir, dass dort zumindest in einem Fall ein Manager saß, dem klar gewesen sein musste, dass die Mitglieder des Kontrollgremiums nur unzureichend oder falsch informiert wurden", sagte der Siemens-Aufseher.

Bei diesem Topmanager dürfte es sich um den voriges Jahr aus dem Konzern ausgeschiedenen Thomas Ganswindt handeln, der im Zuge der Affäre zeitweise in Untersuchungshaft saß und von der Münchner Staatsanwaltschaft beschuldigt wird. "Er wusste zumindest, dass die Fakten unrichtig waren", bestätigte Cromme bisherige Vermutungen, dem Aufsichtsrat seien gezielt Hinweise auf Korruption bei Siemens verschwiegen worden. Im Konzern herrsche intern an verschiedenen Stellen Angst und eine "Wagenburgmentalität". "Manche Leute wollen keine externen, unbestechlichen Manager, die aufräumen", ergänzte Cromme gegenüber der SZ. Diese Äußerung zielt auf die jüngste Bestellung des aus den USA kommenden Pharmamanagers Peter Löscher zum künftigen Siemens-Vorstandschef. Er soll Anfang Juli den an den diversen Affären gescheiterten Klaus Kleinfeld ablösen.

Löscher stärkt Cromme schon im Vorfeld seines Amtsantritts den Rücken. "Ich werde ihm helfen, falls da Querschüsse kommen sollten", betonte er. Zugleich warnte der Aufseher vor der Gefahr weiterer Enthüllungen. Bei einigen Topmanagern von Siemens kämen ihm Zweifel, ob sie ihrer Führungsverantwortung gerecht geworden seien. Einige hätten womöglich pflichtwidrig gehandelt, andere schützten Unwissenheit vor. "Ich frage mich, was von beidem schlimmer ist", kritisierte Cromme. Eine "Hexenjagd" wolle er im Konzern aber nicht auslösen. Cromme trat auch Befürchtungen entgegen, der Konzern könne im Zuge der Affären auseinanderbrechen. "Siemens wird nicht zerschlagen", stellte der Oberkontrolleur klar. Jedoch werde auf die Münchner "eine beachtliche Strafe" der US-Börsenaufsicht SEC zukommen. Vermutungen, es könnten drei oder fünf Milliarden Euro werden, seien allerdings "völlig aus der Luft gegriffen". Nicht ausgeschlossen, wenn auch eher unwahrscheinlich sei, dass Siemens auf eine schwarze Liste komme und von Aufträgen in einzelnen Ländern ausgeschlossen werde, räumte Cromme ein. Siemens werde alles tun, um solche Sanktionen zu vermeiden. Geld für mutmaßliche Strafzahlungen sei noch nicht zurückgestellt. Befürchtungen der Siemens-Belegschaft, die Strafen könnten Betriebsrenten schmälern, wies der Aufsichtsratschef zurück. "Die Altersvorsorge ist sicher", sagte er.

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