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Eine flexiblere Ausbildungsordnung fordert Christine Haderthauer (hier zu sehen im Siemens-Ausbildungszentrum) von den Wirtschaftskammern und Verbänden.

„Ausbildungssituation ist historisch optimal“

München - Bayerns Betriebe bilden mehr Lehrlinge aus – und doch bleiben wieder viele Stellen unbesetzt. Wir sprachen mit  Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) über die Vorreiterrolle der Großkonzerne und warum sie immer noch Gespenster bei der Diskussion über den Frachkräftemangel sieht.

Frau Haderthauer, mehr Lehrstellen, weniger Nachwuchs – eine Traumkombination für jeden Schulabgänger?

Ja, das kann man so sagen. Die Ausbildungssituation ist historisch optimal. Dennoch gibt es auch jetzt unversorgte Bewerber.

Wieso?

Angebot und Nachfrage passen nicht immer optimal zusammen: Manchmal sind freie Stellen und Bewerber in verschiedenen Regionen. Oder die freien Stellen entsprechen nicht den Vorstellungen der Bewerber. Manchmal passt auch das Anforderungsprofil des Ausbildungsplatzes nicht zum Bewerber. Immerhin kommen derzeit in Bayern auf 100 unversorgte Bewerber 177 freie Stellen. Im vergangenen Jahr war das Verhältnis noch 100 zu 125. In München warten auf 100 unversorgte Bewerber sogar 235 freie Stellen.

Wie schafft man es, diese Jugendlichen in eine Ausbildung zu bringen?

Wir versuchen mit Programmen, wie beispielweise „Fit for Work“, die eingangs genannten Effekte abzufedern. Beispielsweise unterstützen wir Unternehmen, die Stellen für Bewerber schaffen, die sonst nichts gefunden hätten, weil sie entweder keinen Schulabschluss haben oder insgesamt leistungsschwächer sind und daher mehr Förderbedarf haben.

Für was dürfen Betriebe diese Fördergelder einsetzen?

Die Unternehmen haben mit solch einer Ausbildungsstelle mehr Aufwand und bekommen daher einen Zuschuss, um sie bei den Ausbildungskosten zu entlasten. So gibt es einmalig 5000 Euro für jede Stelle, die an einen Jugendlichen aus einer Praxisklasse oder an einen Jugendlichen ohne Abschluss geht. 3000 Euro gibt es für jede zusätzliche Lehrstelle im Bereich Altenpflege.

Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit bricht nahezu jeder fünfte Azubi seine Ausbildung vorzeitig ab – und das bereits im ersten Lehrjahr. Woran liegt’s?

Im Gegensatz zu den 80er Jahren, als nur die besten eines Jahrgangs eine Stelle bekommen haben, bekommen heute auch Bewerber mit schlechteren Startbedingungen und weniger Durchhaltevermögen eine Chance, weil der Markt leergefegt ist. Wir unterstützen diese Jugendlichen, ihre Ausbildung durchzustehen, etwa mit sozialpädagogischer Begleitung.

Erschwerend kommt beim Schritt in die Arbeitswelt hinzu, dass es in Deutschland über 300 verschiedene Berufe gibt. Wie soll ein Jugendlicher da den richtigen für sich finden?

Die Berufsbilder sind in der Tat in ihrer Fülle schwer zu überschauen. Da helfen gute Information, die bereits an der Schule stattfindet, aber auch Online-Angebote und Berufsmessen, wie die „Berufsbildung“ 2012 in Nürnberg. Interessant finde ich auch Programme wie BMW derzeit eines ausprobiert: Da können die Azubis im ersten Jahr erst mal ein Grundmodul machen und dann, wenn sie mehr Orientierung haben, überlegen, welches Berufsbild es denn nun genau werden soll. Hier sollten Verbände und Kammern ansetzen und die Ausbildung so gestalten, dass ein Wechsel leichter wird.

Sie fordern also eine höhere Durchlässigkeit bei den Berufen?

Ja, das hilft auch den Betrieben, da die Mitarbeiter so flexibler eingesetzt werden können.

Kann die Politik da Einfluss nehmen?

Leider wenig, die Ausbildungsinhalte regeln die Kammern.

Also sind jetzt vor allem die Konzerne gefordert?

Die sind naturgemäß in solchen Dingen Vorreiter, auch weil sie eine große Anzahl an Azubis haben. Da kann ein Konzern wie BMW Dinge erproben, die einem Mittelständler oft gar nicht möglich sind.

Damit hängt die Zukunft der dualen Ausbildung also an den großen Konzernen?

Ganz im Gegenteil. Rund 80 Prozent der Azubis in Bayern lernen und arbeiten bei kleinen und mittelständischen Betrieben. Aber die großen Konzerne können nun mal Trendsetter sein, wenn es darum geht etwas Neues auszuprobieren. Daraus können sich dann Impulse ergeben für die Kammern und Verbände, die die Ausbildungsordnungen gestalten.

In welchen Berufsfeldern liegt Zukunft?

Mir ist wichtig nicht nur über Ingenieure zu reden. Wenn die Produktion abwandert, geht die Forschung und Innovation mit. Und nur durch Handel und Dienstleistung werden wir unsere Wirtschaft nicht vital halten können. Wir brauchen die praktischen Berufsbilder der Fachkräfte, die dafür sorgen, dass die Produktion im Land bleiben kann. Hier ist unser duales Ausbildungssystem auch weiterhin der Schlüssel zum Erfolg. Dies wird übrigens von den Hauptschulen, Mittelschulen und Realschulen getragen, nicht von den Gymnasien. Neben den produzierenden Berufen sind es auch die sozialen, die in den kommenden Jahren immer mehr an Bedeutung gewinnen.

Die Wirtschaft klagt über einen Fachkräftemangel, was Sie als Gespensterdiskussion bezeichnet haben. Sehen Sie diese Gespenster immer noch?

Mehr denn je und die Gespenster werden sogar immer größer. Im Ernst: Wir haben mit der EU-Freizügigkeit seit dem Sommer einen europäischen Arbeitsmarkt, der größer ist, als der in den USA und in dem vor allem die Jugendarbeitslosigkeit enorm ist. Wir tun gut daran, in die europäischen Nachbarländer zu schauen, wo viele Fachkräfte arbeitslos auf der Straße stehen. Angesichts dieser Situation wäre es zynisch zusätzliche Zuwanderung von außerhalb der EU zu fordern. Im Übrigen: Wir werden nur dann Fachkräfte gewinnen, wenn wir attraktive Rahmenbedingungen bieten – und das geht nicht über befristete Verträge oder unbezahlte Praktika.

Das Interview führte: Stefanie Backs

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