Schlüsselnotdienste

Ausgesperrt und abgezockt

München - Es ist schnell passiert: Man will nur kurz zum Nachbarn oder den Müll raustragen und schwupp, plötzlich fällt die Haustür zu. Ist dann noch Wochenende oder ein Feiertag, kann der Notruf beim Schlüsseldienst teuer werden, manchmal sogar extrem teuer.

Und auf einmal stand Marlene Dreher da. Ihre Einkaufstüte in der einen, ihre Haustürschlüssel in der anderen Hand. Immer wieder versuchte sie, ihre Wohnungstüre aufzusperren. Aber nichts rührte sich. Der Schließkolben des Schlosses war kaputt. Der Hausmeister war nicht da, nur ein Aufkleber mit der Nummer eines Schlüsseldienstes klebte am Schwarzen Brett. Marlene Dreher rief an – auch im Vertrauen darauf, dass der Schlüsseldienst vom Schwarzen Brett schon seriös sein werde.

427 Euro für 30 Minuten Arbeit

Es war der Anfang einer wochenlangen Streiterei, wer für die 427 Euro aufkommt, die der Schlüsseldienst Frau Dreher in Rechnung stellte. Für 30 Minuten Arbeit. Abzocke oder freie Marktwirtschaft? Eine Frage, die Gerichte durchaus unterschiedlich beantworten. In jedem Fall ist das Beispiel eines von vielen.

Rudolf Baier arbeitet bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Baier kennt solche Fälle. Baier meint jedoch: „Ganz ehrlich, da sind die Leute meist selber schuld. Den Preis muss ich eben schon am Telefon ausmachen.“ So schlau war Marlene Dreher freilich. Ihr wurde am Telefon gesagt, dass es zwei Preisklassen für die Öffnung der Türe gebe. Die teurere: Es ist ein Notfall, der Schlüsseldienst kommt sofort. Die weniger teure: Frau Dreher erhält einen Termin in zwei Stunden. Über den Preis selbst könne man erst vor Ort Genaueres sagen. Dreher sagt: „Ich habe mich für den Termin entschieden und gewartet.“ Genützt hat es nichts: Der Schlüsseldienst stellte ihr Posten in Rechnung, die man auch als dreist bezeichnen könnte. Zum Beispiel berechnete er die An- und Abfahrt genauso wie die Arbeitszeit, zusätzlich zur Instandhaltungspauschale für das Auto. Alleine diese Kosten betrugen knapp 200 Euro. Ohne Mehrwertsteuer.

Niedrige Hürden für Betriebsgründung

Der Markt für Schlüsseldienste ist bei weitem nicht so streng reguliert, wie es manche Experten gerne hätten. In München und Oberbayern kann prinzipiell jeder so ein Unternehmen gründen, die Hürden dafür liegen nicht besonders hoch. Dazu braucht es entweder einen Meisterbrief in einem metallverarbeitenden Handwerk – oder eine Ausnahmebewilligung der zuständigen Handwerkskammer. Dafür ist ein Test notwendig, der bei der Innung abgelegt wird. Darin muss gezeigt werden, dass man eine Tür ohne Beschädigungen öffnen kann. Kostenpunkt der Lizenz zum Türöffnen: rund 200 Euro. Kurios: Die Ausnahmebewilligung ist auf alle Mitarbeiter des Schlüsselnotdienstes übertragbar. Auch wenn diese keiner offiziellen Stelle je bewiesen haben, dass sie die notwendigen Kenntnisse zum Schließkolbenwechseln besitzen.

Preis orientiert sich am regional Üblichen

Richard Tauber ist Geschäftsführer des Fachverbands Metall Bayern. Er ist der Ansicht, dass die seriös arbeitenden Firmen an dem oft schlechten Ruf ihrer Branche selbst schuld sind. „Man hat das Feld den schwarzen Schafen überlassen. Die seriösen Betriebe bieten meistens keinen 24-Stunden-Service, weil sich das für sie nicht rechnet.“

Für Schlüsseldienste gibt es zudem keinen festen Tarif. Die Preise orientieren sich daran, was in der Region üblich ist.

So lehnte das Amtsgericht in Augsburg im Februar die Klage eine Frau ab, der ein Schlüsseldienst für eine Minute Arbeit 376 Euro in Rechnung stellte. Aus ihrer Sicht handelt es sich bei dem Preis um Wucher. Die Frau fühlte sich in einer Notlage ausgenutzt. Der Richter sah das anders. Es habe sich um einen Preis gehandelt, der in der Region üblich sei. Die Frau musste zahlen.

Die Verbraucherzentrale Bayern beobachtet solche Fälle genau. Tatjana Halm ist dort Juristin. Das Argument von Rudolf Baier, man könne ja den Preis vorher ausmachen, lässt sie nicht gelten. „Die Dienste sagen am Telefon oft, über den Preis könne man erst vor Ort Auskunft erteilen.“ Wie im Fall Dreher ja auch geschehen.

Bei Nötigung die Polizei rufen

Halm rät dazu, im Extremfall nur den angemessen erscheinenden Teil der Rechnung zu bezahlen und am besten gar nichts oder nur unter Vorbehalt zu unterschreiben. Sollte der Mitarbeiter des Schlüsseldienstes damit drohen, das kaputte Schloss wieder einzubauen – was durchaus vorkommt – oder den Betroffenen zum Gang zum Geldautomat zwingen will, könne man auch die Polizei rufen.

Marlene Dreher hatte Glück im Unglück. Sie konnte sich mit ihrem Vermieter darauf verständigen, dass er zumindest einen Teil der Rechnung bezahlt. Seitdem hängt am Schwarzen Brett des Hauses die Telefonnummer eines Schlüsseldienstes, den die Hausverwaltung kennt.

 

von Patrick Wehner

Rubriklistenbild: © dpa/dpaweb-mm

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