+
Seit mehr als 100 Jahren am Marienplatz: 1904 zog Sport Münzinger ins Erdgeschoss des Rathauses.

120 Jahre Sport Münzinger

Ausstatter von König und Kaiser

München – Erst kam der König, später der Kaiser. Das Münchner Sporthaus Münzinger, das vor 120 Jahren gegründet wurde, stattete nicht nur bis in die Ära Beckenbauer hinein den FC Bayern aus, sondern Jahrzehnte zuvor bereits Ludwig III.

Es hätte nicht viel gefehlt, und Rolf Baumgärtner wäre in die Geschichte eingegangen als der Bub, der das Münchner Rathaus auf dem Gewissen hat. Im Jahr 1960, Baumgärtner war damals Lehrling bei Sport Münzinger, schickte ihn sein Chef ins Lager im zweiten Untergeschoss des Rathauses. Einen kaputten Benzinkocher sollte der 16-Jährige dort reparieren, doch er stellte sich ungeschickt an. „Auf einmal hat’s das Ding zerrissen“, erzählt er. Schnell breitete sich brennendes Benzin in dem Kellerraum aus. Baumgärtner und ein Kollege schlugen mit Lumpen auf die Flammen ein und schafften es, das Feuer zu löschen, bevor es unkontrollierbar wurde.

Schon zu Zeiten Ludwigs III. versorgte Münzinger Münchner mit Tennisschlägern. Hier eine Aufnahme von 1924.

Obwohl der heute 65-Jährige seitdem viel erlebt und Karriere gemacht hat – er war Filialleiter bei Münzinger und Store-Manager beim früheren Konkurrenten und jetzigen Partner Sport Schuster –, weiß er noch immer ganz genau, an welcher Stelle der rotbraune Boden damals zu brennen begann. Und obwohl das Sporthaus damals, anders als bei einem späteren Brand 1975, keinerlei Schaden nahm und in diesem Jahr wohlauf sein 120-jähriges Bestehen feiert, streicht Baumgärtner immer noch ein wenig verlegen mit der Schuhsohle über den Boden, wenn er auf die alten Fliesen deutet.

Hermann Münzinger gründete 1889 den Vorläufer des heutigen Sporthauses. In der Folge wurde die Firma von Generation zu Generation weitergegeben. Auch heute, nach dem Zusammenschluss mit Sport Schuster im Jahr 2003, ist mit Dorothée Münzinger noch ein Mitglied der Familie in der Geschäftsführung aktiv.

Als Urgestein des Unternehmens hat er Unmengen von Anekdoten zu erzählen, doch alle Details der Firmengeschichte kann auch Baumgärtner nicht kennen. Zu lange ist es her, dass Hermann Münzinger 1889 seinen Gummiwaren- und Sportartikelhandel gründete. Schon damals war der Laden mitten in der Innenstadt, wenn auch noch nicht am Marienplatz, sondern in der Brienner Straße. Schon damals zog die zentrale Lage prominente Kundschaft an. 1892 wurde Münzinger „Königlich Bayerischer Hoflieferant“ und versorgte Ludwig III. – zunächst noch Prinz und später der letzte König von Bayern – und seine Frau Marie Therese mit verschiedenen Sportartikeln. Welcher Art von Leibesübung das royale Paar frönte, ist laut Baumgärtner und seinem Kollegen Werner Ebentheuer nicht überliefert. Möglich, weil damals sehr populär, seien aber Bogenschießen, Tennis und Fechten.

Jahrzehnte nach dem Ende der bayerischen Monarchie führte Münzinger gleich zwei für den Freistaat kaum minder bedeutende Institutionen auf der Kundenliste. Die Mannschaften der Sechzger und der Bayern wurden von dem damaligen Familienbetrieb beliefert. Wie große Stars benahmen sich die Kicker seinerzeit noch nicht. So sei Gerhard Bechthold, der Anfang der 60er-Jahre bei den Löwen im Tor stand, im Laden ein und aus gegangen. „Der war damals bei Coca-Cola beschäftigt und hat dreimal in der Woche bei uns den Getränkeautomaten aufgefüllt“, erinnert sich Ebentheuer.

Auch bei der Ausstattung der Mannschaften hat sich einiges verändert. „Adidas hat uns damals Trikots und Schuhe geschickt, wir haben sie an den FC Bayern weitergegeben“, berichtet Baumgärtner. Die Zeiten derartiger Exklusiv-Verträge sind längst vorbei, die Bayern verdienen mittlerweile selbst Millionen an Produkten mit ihrem Vereinslogo. Der Versuch, sich dieses Geschäft schon vor Jahrzehnten zu sichern, wurde bei Sport Münzinger, der heute auf Lacoste- und Fußballartikel spezialisiert ist, nicht unternommen. „Einige hier haben schon geahnt, wie sich das entwickeln könnte“, sagt Ebentheuer. „Aber man hat es nicht verfolgt.“

Von Andreas Zimniok

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Geschäftsklima-Index steigt auf weiteres Rekordhoch
München (dpa) - Die Stimmung in vielen deutschen Unternehmen bleibt blendend: Der Geschäftsklima-Index des Ifo-Instituts ist im November auf das nächste Rekordhoch …
Geschäftsklima-Index steigt auf weiteres Rekordhoch
Immobilienboom treibt Neugeschäft am Bau auf Hoch seit 1999
Wiesbaden/Berlin (dpa) - Die niedrigen Zinsen und die starke Nachfrage nach Immobilien bescheren dem Bauhauptgewerbe Rekorde. Im September verzeichnete die Branche das …
Immobilienboom treibt Neugeschäft am Bau auf Hoch seit 1999
Uber informierte erst potenziellen Investor Softbank über Datenklau
Daten von über 50 Millionen Passagieren und rund 7 Millionen Fahrern wurden geklaut. Doch der Konzern Uber informierte seine Kunden darüber erst ein Jahr später.
Uber informierte erst potenziellen Investor Softbank über Datenklau
Deutsche sind Bargeldkönige der Eurozone
Frankfurt/Main (dpa) - In Deutschland haben die Bürger laut einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) so viel Bargeld in der Brieftasche wie in keinem anderen Land …
Deutsche sind Bargeldkönige der Eurozone

Kommentare