Auswandern - Teil 2: Euphorie weicht dem Kulturschock

Schweiz - Die meisten Auswanderer zieht es nach nebenan. Die Schweiz ist nach den USA das beliebteste Zielland. Doch Koffer packen und ab über die Grenze - das geht nicht. Es gibt etliche Hürden, die den Traum von der neuen Heimat schnell platzen lassen.

Fast 23 000 Deutsche sind im vergangenen Jahr in die Schweiz ausgewandert. Damit ist die Confoederatio Helvetica das mit Abstand beliebteste Zielland. In die USA - bis 2005 stets die Nummer eins - wanderten 14 200 Bundesbürger aus, nach Österreich über 11 000, nach Spanien knapp 9000 und nach Australien rund 3000.

Nicht jeder ist überall willkommen

Ein unbefristetes Visum für die USA zu bekommen, sei derzeit äußerst schwierig, erklärt Christiana Tings, Sprecherin des gemeinnützigen Raphaels-Werks, das bundesweit Auswanderer bei ihrem Vorhaben berät. "Um richtig einzuwandern, braucht es entweder viel Glück in Form einer Green Card oder Familienangehörige im Land", sagt Tings. Rentner seien als Dauerbewohner in den Vereinigten Staaten gar nicht erwünscht, außer sie betätigen sich als Investor und bringen "eine größere Summe Geld" ins Land.

Kein Geld, aber einen Eheschein müssen Paare vorweisen, die etwa nach Saudi-Arabien gehen. "Eine Partnerschaft allein gilt nicht, auch wenn sie schon über Jahre besteht", sagt Tings.

Nicht jeder darf im neuen Land arbeiten

Wer als Arbeitnehmer innerhalb der Europäischen Union eine Stelle antritt, ist Tings zufolge rechtlich mit inländischen Arbeitnehmern gleichgestellt und braucht keine zusätzlichen Genehmigungen. "In anderen Ländern muss man sich meist um eine Arbeitserlaubnis bemühen", sagt Tings. Aber dafür braucht es zuerst ein entsprechendes Visum, das man bereits vor der Ausreise beantragen muss. "Man kann nicht mit einem Touristenvisum nach Kanada fahren, sich dort eine Arbeit suchen und dann sagen: ,Ich lebe hier!", verdeutlicht die Sprecherin.

Geklärt werden müsse auch, ob die berufliche Ausbildung und Zertifikate im Ausland anerkannt sind. "Gerade bei medizinischen Berufen ist das wichtig", sagt Tings. Hier müssten Auswanderer meist nochmals spezielle Tests absolvieren.

Wer nicht von seiner Firma aus ins Ausland entsandt wird und sich selbst um einen Job bemühen muss, könne im Internet auf diverse Datenbanken zurückgreifen. Innerhalb der EU gibt es das Netzwerk "Eures" (www.europa.eu.int/eures).

Rente, Versicherung und Sozialleistungen

"Wer seinen Hauptwohnsitz ins Ausland verlagert, muss sich dort eine Krankenversicherung suchen", sagt Tings. In Deutschland abgeschlossene Auslandskrankenversicherungen kommen in der Regel nur für Notfälle und innerhalb eines begrenzten Zeitraums bei Krankheit auf. Relativ unproblematisch gestalte sich das Thema Rente innerhalb der EU oder in Ländern, die mit Deutschland ein Sozialversicherungsabkommen geschlossen haben. "Gesetzliche Rentenansprüche, die in Deutschland erworben wurden, zählen dort weiter", erklärt Tings. Im Ausland geleistete Beitragszeiten könne man sich anrechnen lassen, und Auswanderer könnten im Ausland mit zumindest ähnlichen Leistungen wie in Deutschland rechnen.

Besteht allerdings kein solches Abkommen, wie zum Beispiel mit Neuseeland, müssen Auswanderer auf diese Vorzüge verzichten.

Umzugsstress und Gesundheits-Check

Sind alle diese Ansprüche geregelt, Visa und Arbeitserlaubnis bewilligt, wird das Vorhaben konkret: Jetzt gilt es, den Umzug zu organisieren und dabei die jeweiligen Zollbestimmungen zu beachten. Nicht vergessen dürfen Auswanderer auch ganz banale Dinge, wie Strom und Telefon abbestellen, Kinder beim Kindergarten und die Familie beim Einwohnermeldeamt abmelden. "Am besten hinterlässt man dort seine neue Adresse", sagt Tings, "sollte es Rückfragen geben." Sie rät außerdem jedem, der sich ins Abenteuer stürzt, dazu, sich vorher nochmals gründlich beim Arzt durchchecken zu lassen.

Soziale Kontakte gegen Kulturschock

"Es geht nicht darum auszuwandern, nur um Deutschland zu verlassen", erklärt Christiana Tings die Philosophie einer gelungenen Emigration. Vielmehr gehe es darum, gezielt in ein anderes Land zu gehen, "weil man dort unbedingt hin möchte und nicht, weil man in Deutschland alles schlecht findet". Vor Ort sei es wichtig, sich auf die jeweilige Kultur einzulassen, Kontakte zu Einheimischen zu knüpfen und nicht alles mit Deutschland zu vergleichen - "dann klappt die Eingliederung meist ganz gut", sagt Tings.

Dennoch seien Kulturschocks nach der ersten Euphorie keine Seltenheit. Da sehe man beispielsweise in Spanien anfangs nur Sonnenschein und fröhliche Urlauber. "Aber dann merkt man, dass die Nachbarn ganz anders sind als in Deutschland, dass sie einen nicht mit offenen Armen empfangen und dass die Behördengänge recht kompliziert sind", verdeutlicht Tings. Da könne es nach einigen Monaten zu einer Ernüchterung kommen.

Eine Rückkehr immer mit vorbereiten

"Wer auswandert, muss eine mögliche Rückkehr immer mit vorbereiten", sagt Christiana Tings, schließlich könnte das Vorhaben unter Umständen nicht klappen. Das kann sich nach wenigen Wochen herausstellen oder erst nach vielen Jahren geschehen. Deshalb sollten Auswanderer nicht alle Brücken in der alten Heimat abreißen, rät Tings. Zwar könne es sich kaum einer leisten, eine Wohnung in Deutschland zu unterhalten. "Aber ein Ort zum Unterkommen bei Freunden oder der Familie ist wichtig", betont Tings, "denn Rückkehrer bekommen keine staatliche Unterstützung." Und wer gar seine deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben hat, weil er mit Deutschland nichts mehr zu tun haben wollte, "wird behandelt wie jeder andere Nichtdeutsche".

Im dritten und letzten Teil der Auswanderer-Serie erklären wir, warum immer mehr Deutsche wieder nach Hause wollen, und auf was für harte Bedingungen sich viele Auswanderer bei ihrer Rückkehr einstellen müssen.

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