Wer die Autofahrer abkassiert

München - Deutsches Benzin ist billig - wenn man die Steuern außer Acht lässt. Der Staat kassiert jedoch an der Tankstelle ab. Immerhin: Dadurch wirkt der Preis-Schock beim Rohöl hierzulande geringer, als er ist.

Für ein Barrel (159 Liter) Rohöl muss man in diesen Tagen mehr als 130 US-Dollar berappen - daran konnte auch der Öl-Krisengipfel im saudi-arabischen Dschidda am vergangenen Sonntag nichts ändern. Der Preis für den weltweit wichtigsten Rohstoff kennt seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. Während sich Analysten beim Erreichen von Rekordmarken die Augen reiben, steht auch der deutsche Autofahrer fassungslos an der Zapfsäule. Der Liter Benzin unter 1,50 Euro ist mittlerweile ein Schnäppchen. Dabei darf der Berufspendler ebenso wie der Urlaubsreisende noch froh sein. Denn ohne Steuern ist deutsches Benzin im EU-Vergleich sogar extrem billig.

Nur in Bulgarien, Irland und Schweden wäre steuerfreier Sprit derzeit günstiger zu haben. "Der deutsche Markt ist sehr wettbewerbsintensiv", begründet dies Reiner Wiek vom Energie-Informationsdienst. Sehr preissensible Verbraucher, ein relativ hoher Anteil mittelständischer Unternehmer, ein dichtes Tankstellennetz - der Experte kennt viele Gründe für die günstigen Netto-Preise in Deutschland.

"Brutto", also inklusive Steuern, kommt der deutsche Preis für Benzin allerdings wesentlich unfreundlicher daher. Bei dem Preis, der für den Geldbeutel des Autofahrers relevant ist, belegt Deutschland im EU-Vergleich mit dem fünften Rang eine Spitzenposition (siehe Tabelle unten). Seit Jahrzehnten hält der deutsche Staat beim Bezahlen an der Tankstelle kräftig mit die Hand auf, von Jahr zu Jahr mehr. Die Mineralölsteuer, also der Steuerbetrag pro Liter Sprit, wurde in der Vergangenheit kontinuierlich angehoben (siehe Grafik). Derzeit erhält der Fiskus von 1,50 Euro je Liter Benzin an der Tankstelle 65,45 Cent durch die Mineralölsteuer sowie knapp 24 Cent aufgrund der Umsatzsteuer - zusammen sind das fast 60 Prozent des Benzinpreises.

Nur gut die Hälfte der Kosten einer Tankfüllung gehen heute an den Staat - lange hat er sich nicht mehr so zurückgehalten. So lag der Steueranteil in den 90er-Jahren weitestgehend bei deutlich über 70 Prozent. Eingeläutet wurde damals das Abkassieren durch die Erhöhung der Mineralölsteuer um 40 Pfennig kurz nach der Wiedervereinigung. Auch die fünf Stufen der Ökosteuer von 1999 bis 2003 halfen dabei, den Steueranteil über 70 Prozent zu stabilisieren. Seitdem ist er allerdings im Sinkflug - und zwar ganz ohne Zutun des Staates. Verantwortlich dafür ist der rasant steigende Rohölpreis, der immer stärker auf die Benzinkosten durchschlägt und für deren Explosion in jüngster Zeit verantwortlich ist.

Die Deutschen trifft es dabei wie viele andere Europäer jedoch weniger hart als etwa die Amerikaner. Die Liebhaber von Vans, Geländewagen und sonstigen Spritfressern erleben derzeit ihr Waterloo. Der Anteil der Benzinsteuern liegt in den USA - bundesstaatenabhängig - nur bei gut 10 Prozent. Aber was den deutschen Autofahrer träumen lässt, wird bei explodierenden Rohölpreisen für die Amerikaner schnell zum Albtraum. In den vergangenen fünf Jahren hat sich der Preis an US-Tankstellen mehr als verdoppelt und liegt mittlerweile jenseits der 70 Eurocent pro Liter. Die Preissteigerungen in Deutschland von etwa 40 Prozent wirken da vergleichsweise harmlos. Die Erklärung dafür ist simpel: Zu zahlende Steuern schnellen nicht automatisch mit dem Rohölpreis in die Höhe und dämpfen so den Anstieg des gesamten Benzinpreises - ein Stabilisator, der in den USA fast gänzlich fehlt.

Trotzdem ist bei deutschen Autofahrern ebenso der Unmut groß. Und auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück kann sich nur auf den ersten Blick über ein Preisfeuerwerk an der Zapfsäule freuen. Er profitiert zwar über die Umsatzsteuer an jedem Cent für Benzin, würde aber ebenso viel Geld einsammeln, wenn die Bürger ihre Euro für Schuhe anstatt für Sprit ausgeben würden. Außerdem muss sich der Bund das Aufkommen der Umsatzsteuer mit Ländern und Kommunen teilen.

Viel lukrativer für Steinbrück ist hingegen die Mineralölsteuer, da sie allein in die Kassen des Bundes fließt. Doch die Einnahmen schrumpfen - seit 2003 von 43,188 auf 38,955 Milliarden Euro 2007. Der Grund: Als Mengensteuer wird die Mineralölsteuer als Festbetrag auf jeden Liter Benzin erhoben. Der Preis ist - im Gegensatz zu einer Wertsteuer wie der Umsatzsteuer - unerheblich. Verbrauchen die Autofahrer bei steigenden Preisen weniger Sprit, verliert Steinbrück Geld.

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