Autokäufer fühlen sich als Testfahrer

- München - Die Zahl der Rückrufaktionen der Autohersteller wegen Sicherheitsmängeln steigt rasant an. Nach Berechnungen des ADAC wurden im vergangenen Jahr fast eine Million Fahrzeuge von den Herstellern in die Werkstätten gerufen, weil Zweifel an der Verkehrssicherheit bestanden (wir berichteten kurz in unserer gestrigen Ausgabe). Die Zahl der offiziellen Rückrufaktionen vervierfachte sich in den vergangenen vier Jahren auf rund 100, wenn Wiederholungsaufrufe nicht mitgezählt werden.

<P>2004 erwartet der ADAC einen neuen Höchststand. Angesichts dieser Entwicklungen forderte der Automobilclub Konsequenzen für Autoindustrie und Gesetzgeber. Denn nicht immer beseitigen die Hersteller Sicherheitsmängel auf eigene Kosten oder sie tarnen aus Sorge vor Imageschäden notwendige Rückrufe als normale Serviceaktionen, oft zum Nachteil der Fahrzeugbesitzer, wie der ADAC-Experte Anton Demmel berichtet. Jüngst habe ein Hersteller sogar den möglichen Bruch eines Teils der Radaufhängung als nicht sicherheitsrelevant bezeichnet und somit einen offiziellen Rückruf vermieden. "Oft ist das Argument, das Fahrzeug bleibe beherrschbar", sagt Demmel. "Doch man darf nicht nur vom versierten Autofahrer ausgehen, der mit solchen Gefahrensituationen umgehen kann."<BR><BR>Besonders ärgerlich findet es der ADAC, wenn Fahrzeugbesitzer für die Mängelbeseitigung selbst aufkommen sollen. Ein Hersteller habe die Kostenübernahme von Bedingungen abhängig gemacht, wie Laufleistung, Alter und erfolgten Inspektionen, berichtet Demmel.<BR><BR>Insgesamt bewertet der Automobilclub die Entwicklung der Rückrufzahlen aber positiv: "Der Anstieg ist nicht Besorgnis erregend", betont Demmel. "Die Sensibilität der Hersteller ist heute viel höher." Probleme gebe es eher mit den kleineren Herstellern, die häufiger den Spielraum ausreizten, Rückrufe mit Serviceaktionen zu umgehen. <BR>Tatsächlich zugenommen haben laut ADAC die Elektronik-Probleme, die in den vergangenen zehn Jahren einen Anstieg von fast 0 auf über 20 Prozent verzeichnen. Fahrassistenzprogramme verbessern zwar generell die Sicherheit, können aber bei gravierenden Fehlfunktionen auch das Gegenteil bewirken. Zudem erhöhen laut Demmel die zunehmende Vielfalt von Modellen und die Ausstattungsvarianten die Anfälligkeit für mögliche Pannen. Gleiches gelte für die kürzer werdenden Entwicklungszeiten. Dass Neuwagenkäufer aber mittlerweile die Testfahrer der Autoindustrie seien, hält Demmel für einen unberechtigten Vorwurf: "Rückrufaktionen sind wesentlich teurer als Maßnahmen innerhalb der Produktion."</P>

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