Autozulieferer Grammer

Übernahmekrimi in der Oberpfalz

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Der weltweit agierende bayerische Fahrzeugzulieferer Grammer steht vor einer Übernahmeschlacht. Eine bosnische Investorenfamilie will in Amberg die Macht übernehmen.

Amberg – Grammer mit Zentrale in Amberg (Oberpfalz) ist einer der verborgenen Global Player aus Bayern: Weltweit die Nummer eins bei Sitzen für Bau- und Agrarfahrzeuge, in Europa und Amerika die Nummer zwei bei Sitzen für größere Nutzfahrzeuge, und in Europa Marktführer für Pkw-Kopfstützen – und vielleicht bald Teil eines undurchsichtigen Firmenimperiums. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor will dort über ein Firmengeflecht die Macht übernehmen.

Die Cascade international Investment GmbH, der derzeit zweitgrößte Aktionär der im S-Dax gelisteten Grammer AG, fordert „Einflussnahme auf die Besetzung der Verwaltungs-, Leitungs- und Aufsichtsorgane“ und verlangte deshalb von Grammer, eine außerordentliche Hauptversammlung einzuberufen. Konkret sollen alle Aktionärsvertreter im Aufsichtsrat – bis auf einen – abberufen werden und anschließend auch Konzernchef Hartmut Müller. Von Misserfolgen keine Rede, auch sonst gibt es keine Kritik am bisherigen Management und auch keine Begründung des Begehrens. Das Unternehmen suchte vergeblich das Gespräch mit seinem Investor – und wies das Ansinnen des „Minderheitsaktionärs“ am Ende zurück.

Das mit dem Minderheitsaktionär ist aber nicht so sicher. Tatsächlich meldete Casacade dem Unternehmen, dass man den Anteil von zehn Prozent der Stimmrechte an der Grammer AG überschritten habe. Ein klarer Fall von Minderheit, nicht einmal eine Sperrminorität. Wer aber ist Casacade? Das Unternehmen gehört zu 100 Prozent der niederländischen Eastern Horizon Group. Und diese Gesellschaft gehört mehrheitlich Kenan und Damir Hastor, den beiden Söhnen des bosnischen Unternehmers Nijaz Hastor.

Den beiden Hastor-Söhnen gehört auch je zur Hälfte die Halog GmbH & Co KG, die mit gemeldeten 10,22 Prozent gegenwärtig größter dem Unternehmen bekannter Grammer-Aktionär ist. Damit verfügen die Hastors bereits über mehr als 20 Prozent der Grammer-Stimmrechte. Wenn man berücksichtigt, dass die nächste Meldeschwelle für Aktionäre bei 15 Prozent liegt, könnte es bereits erheblich mehr sein.

Dazu kommt: Fast nie ist auf Hauptversammlungen mehr als die Hälfte der Anteilseigner vertreten: Bei Grammer waren es nach Angaben des Unternehmens bei den letzten Aktionärstreffen zwischen 45 und 50 Prozent. Das bedeutet: Schon zweimal 15 Prozent können locker zu einer Hauptversammlungsmehrheit reichen, mit der die Familie aus Bosnien die Macht übernehmen kann.

Auch die Kunden von Grammer sehen die Entwicklung mit Sorgen. Denn die Hastors haben mit zwei Unternehmen ihrer Prevent-Gruppe im vergangenen Jahr durch einen Lieferstopp große Teile der Produktion von Volkswagen lahmgelegt. Der Lieferstreik zwang Volkswagen zu erheblichen Zugeständnissen gegenüber den beiden Lieferanten. Und Daimler wurde von der Prevent-Gruppe mit Millionenklagen wegen gekündigter Lieferverträge überzogen – letztlich erfolglos.

Allerdings sind keine Aktivitäten anderer Investoren erkennbar, die gegen die feindliche Übernahme von Grammer gerichtet sein könnten. Einzig die IG Metall bekennt nun öffentlich Farbe: „Einem möglichen feindlichen Übernahmeversuch durch die Hastor-Familie werden wir uns als Arbeitnehmer vehement widersetzen“, kündigt der Bayern-Chef der Gewerkschaft, Jürgen Wechsler an. Frank Iwer, Auto-Experte der IG Metall, fürchtet um die Zukunft: Die Erfahrungen mit Prevent zeigten die Bereitschaft, „zugunsten kurzfristiger Gewinne die gesamten Kundenbeziehungen und damit die Zukunft der Arbeitsplätze sowie des Unternehmens insgesamt infrage zu stellen“.  

mit Material von dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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