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Richard Lutz (54) ist als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn verantwortlich für 300.000 Beschäftigte. 

Richard Lutz spricht offen

Bahn-Chef Lutz im Interview: „Pünktlichkeit ist noch nicht dort, wo wir sie uns wünschen“

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Seit eineinhalb Jahren ist Richard Lutz Bahnchef. Im Interview spricht er über Pünktlichkeit, Digitalisierung und besseres Internet in den Zügen.

Berlin - Richard Lutz ist nach dem Sommerurlaub gut erholt. Der 54-jährige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn hat aus seinem Büro im 25. Stockwerk des Bahntowers am Potsdamer Platz in Berlin den wohl schönsten Blick auf die Hauptstadt. Im Regal hinter seinem Schreibtisch stehen Eisenbahnmodelle. An der Wand seines Besprechungsraums hängt ein Original von Udo Lindenberg, ein Geschenk seiner Frau. Es zeigt den Musiker im Comic-Stil auf dem berühmten Sonderzug nach Pankow. „Hey Honey, keine Panik“ steht darauf geschrieben. Den Rat kann Lutz gut gebrauchen. Seit eineinhalb Jahren ist Lutz Bahnchef und zugleich Finanzvorstand des Konzerns mit 300 000 Beschäftigten, bei dem es an vielen Stellen Probleme gibt.

Herr Lutz, welche Gedanken sind Ihnen beim Anblick der einstürzenden Brücke in Genua durch den Kopf gegangen?

Richard Lutz: Ich war erschrocken. Es zeigt die große Verantwortung, die mit dem Betreiben einer Infrastruktur verbunden ist. Brücken, Straßen oder Schienen ertragen vieles geduldig. Doch diese Geduld ist nicht unendlich. Gott sei Dank sind wir uns mit dem Bund einig, dass wir die zum Substanzerhalt notwendigen Investitionen und Instandhaltungen in der Infrastruktur durchführen. Bis 2019 werden 875 Brücken saniert. Beim Thema Sicherheit gibt es keine Kompromisse – das gilt auch für unsere Bahnbrücken. Im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln ist die Bahn immer noch das sicherste.

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Nicht sicher ist die Pünktlichkeit. Nur 72 Prozent der Fernzüge sind pünktlich. Warum bekommen Sie das nicht in den Griff?

Lutz: Im bisherigen Jahresdurchschnitt sind es nach den herausfordernden Hitzewochen jetzt rund 76 Prozent – keine Frage, das ist unbefriedigend. Die Pünktlichkeit ist noch nicht dort, wo wir sie uns wünschen. Von extremen Witterungsbedingungen mal abgesehen, stehen wir vor einem Dilemma: Während wir immer mehr Baustellen haben, nimmt erfreulicherweise die Zahl der Reisenden stetig zu. Wo ausreichende Kapazitäten vorhanden sind, gibt es die geringsten Probleme. So erreichen auf der Neubaustrecke Berlin-München fast 90 Prozent der ICE-Sprinter ihr Ziel pünktlich. In anderen Regionen ist die Infrastruktur knapp und das Verkehrswachstum groß – beispielsweise in Nordrhein-Westfalen. Dort leiden unsere Kunden besonders unter Störungen und Unregelmäßigkeiten.

Was bedeutet eine knappe Infrastruktur?

Lutz: Auf unserer Infrastruktur – den Gleisen und Bahnhöfen – kann nur eine begrenzte Anzahl an Zügen fahren. Sind Strecken stark befahren, sorgt oft schon ein verspäteter Zug im ganzen System für Verzögerungen. Vergleichbares kennt man von der Autobahn. In Stoßzeiten wie zum Ferienbeginn oder Feierabend steigt das Verkehrsaufkommen. Wenn dann noch Baustellen hinzukommen, entsteht ein Stau. Das ist bei der Bahn nicht anders.

Wie wollen Sie dies lösen?

Lutz: Der Schlüssel für eine gute Betriebsqualität und Pünktlichkeit ist die Kapazität. Wir wollen die Kapazitäten vor allem durch Digitalisierung erhöhen und künftig noch besser auslasten. Ein Plus von bis zu 20 Prozent halten wir für realistisch. Ein enormer Fortschritt!

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Wann werden alle Strecken digitalisiert – und was bringt dies?

Lutz: Die Digitalisierung wird viele positive Effekte bringen. Neue digitale Systeme werden zunächst auf besonders belasteten Strecken eingeführt. Wir investieren dort, wo der Kunde am meisten davon hat. Wie teuer das wird, klärt ein Gutachter im Auftrag des Bundes derzeit. Im Herbst wissen wir dazu mehr. Klar ist: Es wird sehr viel Geld kosten. Auf jeden Fall ist es deutlich günstiger als der Bau neuer Trassen – und es geht auch schneller.

Dauert das nicht noch wenigstens bis in die Mitte des nächsten Jahrzehnts?

Lutz: Salopp gesagt: Die Digitale Schiene Deutschland liegt noch nicht „schlüsselfertig“ bei uns im Schrank. Es wird eine technologische Herausforderung für die Industrie und die gesamte Eisenbahnbranche sein. Wir haben eine ähnliche Situation wie Anfang der 80er-Jahre, als industriepolitisch entschieden wurde, Hochgeschwindigkeitszüge einzuführen.

Die Bundesregierung will, dass die Bahn ihre Passagierzahlen bis zum Jahr 2030 verdoppelt. Ist das angesichts der Kapazitätsprobleme realistisch?

Lutz: Das politische Ziel für unseren Fernverkehr ist anspruchsvoll. Aber es zeigt doch, dass die Regierung genau wie wir an das Potenzial der Schiene glaubt. Deutschland braucht den Schienenverkehr auch dringend, um die Klima- und Umweltziele zu erreichen. Nun stellt sich die entscheidende Frage, wie die Bahn-Infrastruktur ausgebaut und wie viele neue Fahrzeuge angeschafft werden müssen, damit dieses Wachstum stattfinden kann. Wir werden die Verdopplung schaffen, und wenn es das eine oder andere Jahr länger dauert, wäre es immer noch eine fantastische Wachstumsgeschichte.

Warum hängen Sie nicht weitere Wagen an die Züge?

Lutz: Unsere Bahnhöfe sind nicht beliebig ausbaubar. Eine Verlängerung von derzeit 12 auf 13 Wagen mit mehr als 900 Sitzplätzen pro ICE ist realistisch und gut investiertes Geld. Aber schon bei 14 Wagen müssten wir zu viele Bahnsteige verlängern. Und schließlich müssen die Züge ja auch noch in die Instandhaltungswerke passen.

Müssen Kunden mit höheren Preisen rechnen?

Lutz: Wir wollen mit unserer Preispolitik Wachstum und Auslastung unterstützen. Wir waren in den vergangenen Jahren schon vernünftig unterwegs, und werden auch in diesem Jahr moderat vorgehen. Konkret: Im Durchschnitt werden die Preise des Fernverkehrs deutlich unterhalb der Inflationsrate steigen, die derzeit bei rund zwei Prozent liegt.

Ab wann sind Telefongespräche im gesamten Netz möglich?

Lutz: Wir wissen, wo Lücken und Engpässe bestehen. Aber die Bahn betreibt selbst nicht die Mobilfunknetze, hier sind wir auf die Mobilfunkunternehmen angewiesen. In unseren Zügen im Fernverkehr haben wir erst mal alles gemacht, was möglich ist. Wir hoffen, dass mit der Vergabe der 5G-Lizenzen ein großer Sprung nach vorne gelingt. Der Kunde erwartet in unseren Zügen zu Recht einen leistungsfähigen Service bei Telefonie und Internet.

Sie könnten Ihr Breitbandnetz für andere öffnen und damit den Ausbau des schnellen Internets für den nächsten Mobilfunkstandard 5G befördern. Das brächte Ihnen Investitionsmittel ein.

Lutz: Wir haben an unseren 33 000 Kilometern Streckennetz bisher 18 500 Kilometer mit Glasfaser ausgerüstet. Diese Glasfasern sind nicht vollständig von der Bahn ausgelastet. Das ist deshalb spannend, weil der Breitbandausbau in unserem Land nicht so schnell voran kommt wie gewünscht. Wir als Bahn könnten unser Glasfasernetz vermarkten und so Teil der Lösung werden.

Das könnte der Bahn die dringend benötigten Milliarden für Investitionen einbringen, oder?

Lutz: Ja. Und mit diesen zusätzlichen Mitteln könnte man den Ausbau des Breitbandnetzes mitfinanzieren. Aber bis es soweit ist, sind sehr viele Dinge zu klären. Und das bespreche ich erst einmal unter anderem vertraulich mit unserem Eigentümer.

Interview: Wolfgang Mulke

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