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Verlassener Hauptbahnhof München: Der Tarifkonflikt bei der Bahn wurde von Lokführer-Streiks flankiert.

Nach Streiks

Bahn, GDL und EVG starten Verhandlungen

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München - Endlich: Am Freitag wollen Bahn und die verfeindeten Gewerkschaften GDL und EVG einen Ausweg aus dem Tarif-Dilemma suchen. Es sind Verhandlungen mit viel Konfliktpotenzial.

Nun also doch nicht das „3G-Prinzip“ (G steht für gleich): Am selben Ort, zur selben Zeit, mit den selben Leuten – so sollten die Tarifverhandlungen zwischen Bahn und den Gewerkschaften EVG und GDL ablaufen. Eigentlich. Jetzt kommt es doch anders.

Für den Start der Tarifverhandlungen an diesem Freitag in einem Frankfurter Hotel hatten sich die drei Kontrahenten – von Tarifpartnern kann man momentan nicht sprechen – am Dienstag extra in Köln getroffen. Eine Art Ablaufbesprechung, die sich dreieinhalb Stunden hinzog. Hinterher war klar: Es wird super-schwierig, und zeitgleich verhandeln kann man auch nicht.

Nun wird sich DB-Personalvorstand Ulrich Weber am Freitag ab 11 Uhr zunächst mit der EVG und ihrem Chef Alexander Kirchner zusammensetzen; von 16 bis 20.30 Uhr soll dann mit der GDL verhandelt werden. Dennoch vermieden es alle Beteiligten, von einem „Scheitern“ der Vorverhandlungen zu sprechen – selbst der ruppige GDL-Boss Claus Weselsky blieb ungewohnt wortkarg.

An den himmelweiten tarifpolitischen Meinungsverschiedenheiten ändert das nichts. Nach wie vor beharrt die Lokführergewerkschaft GDL darauf, auch für die bei ihr organisierten Zugbegleiter einen eigenen Tarifvertrag mit der Bahn abzuschließen. „Das ist der eigentliche Knackpunkt“, sagt der bayerische GDL-Vorsitzende Uwe Böhm. Während die Bahn und auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG das früher strikt ablehnten, scheint nun Bewegung in die Sache zu kommen.

Ziel der DB bleibe es zwar, konkurrierende Regelungen für eine Berufsgruppe zu vermieden, sagte DB-Personalvorstand Ulrich Webert. Doch das kann man auch so lesen: Wenn die Tarifverträge mehr oder minder identisch wären, spräche nichts dagegen, sie zwei Mal abzuschließen – einmal für das bei der GDL organisierte Personal, einmal für die Mitglieder der EVG. So zumindest die Interpretation auf GDL-Seite. Die Frage ist nur, ob die Bahn (und die EVG) sich auch auf Abweichungen einlassen – und wenn ja, in welchem Umfang. Da sei vieles denkbar, sagt Böhm, der das klar wünscht.

Die Spannbreite der Forderungen ist weit

Beispielsweise könnte ein Tarifvertrag eher auf mehr Geld abstellen, der andere eher auf Zeitausgleich für den anstrengenden Schichtdienst. Jeder Mitarbeiter habe da andere Präferenzen, meint er. Die Spannbreite der Forderungen ist weit: zwischen fünf und sechs Prozent mehr Lohn fordern die Gewerkschaften und eine von 39 auf 37 Stunden reduzierte Wochenarbeitszeit.

Böhm ist klar, dass die GDL im Gegenzug auch einen Tarifvertrag zwischen EVG und DB für Lokführer hinnehmen müsste. Ihn gibt es bisher nicht. Wenn er kommt, dann müssten die Bahnmitarbeiter genau lesen, was für sie passt – zumal die GDL wiederum gerne dezidierte Sonderbestimmungen für weitere Berufsgruppen vereinbaren würde, die bisher nur über den Lokführer-Tarifvertrag abgedeckt sind. Etwa ein Tarifwerk für Ausbildungs-Lokführer, für Disponenten und – besonders umstritten – für Rangierlokführer. Rangierlokführer werden in der Regel schlechter bezahlt als ihre Kollegen etwa vom Fernverkehr. Doch Böhm sagt, ein Rangierlokführer sei eigentlich beschränkt auf „das Einsatzgebiet eines Bahnhofs“; die meisten jedoch müssten auch raus und „Strecke fahren“. Da wäre es natürlich spannend, wenn die GDL da Zusatzverbesserungen rausverhandeln könnte.

Eine Frage ist auch, wie festgestellt werden könnte, welcher Tarifvertrag für welchen Bahnmitarbeiter gelten soll. Gewerkschaften sind tunlichst darauf bedacht, ihre genaue Mitgliederzahl in den DB-Betrieben nicht zu veröffentlichen. Den Vorschlag, dass ein Notar die jeweiligen Mitgliedsbestände prüfen soll, lehnt GDL-Bayern-Chef Böhm strikt ab. Er will es jedem Beschäftigten selbst überlassen, welcher Tarifvertrag für ihn angewendet werden soll. So könnte im Extremfall auch ein GDL-Mitglied für den EVG-Tarifvertrag optieren, wenn das für seine persönliche Situation besser passt. Ob sich darauf wiederum die Bahn einlässt, ist aber fraglich.

Dirk Walter

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