Bahn-Konflikt: Schonfrist vor totalem Schienen-Chaos

Frankfurt - Die Fronten sind verhärtet. Zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft GDL gibt es keinerlei Annäherung. Jetzt stimmten die Lokführer ab: 95,8 Prozent sind für einen Streik mitten in der Ferienzeit.

Es gibt eine Schonfrist, eine kleine. Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) will sich mit ihren Streiks vorerst auf den bundesweiten Güterverkehr beschränken - was zwar auch den Personenverkehr trifft, aber nicht in dem Maße wie befürchtet. Das freut Urlauber und Pendler, könnte aber der Wirtschaft enorm schaden: Die Rohstoffversorgung droht zusammenzubrechen.

Mit klaren 95,8 Prozent hatten die GDL-Mitglieder gestern für einen Arbeitskampf gestimmt. Gewerkschaftsboss Manfred Schell zückt damit die schärfste Waffe, um einen Extra-Tarifvertrag für das Fahrpersonal zu erzwingen, gegen den erklärten Willen von Bahnchef Hartmut Mehdorn.

Beide Seiten weisen sich gegenseitig die Schuld an der Eskalation zu. Die Verantwortung trage allein der Bahnvorstand, schimpfte GDL-Chef Schell. Die Manager hätten sich 140 Tage lang Gesprächen verweigert und seien nach wie vor nicht bereit, auf die Kernforderungen einzugehen: den eigenständigen Tarifvertrag und 31 Prozent mehr Geld. Bahn-Personalvorstand Margret Suckale konterte an die Adresse der GDL: "Die Funktionäre wollen nicht verhandeln, sie wollen streiken. Daran haben wir keinen Zweifel mehr." Auf das Ultimatum der Gewerkschaft, bis Dienstagabend ein neues Angebot auf den Tisch zu legen, werde man daher nicht eingehen. "Hier wollen etwas über 8000 Menschen, die sich für einen Streik ausgesprochen haben, Millionen Menschen daran hindern, in ihren wohlverdienten Urlaub zu kommen, an ihren Arbeitsplatz zu kommen", beklagte Suckale.

Doch auch die Wirtschaft könnte es hart treffen: Der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) erwartet massive Probleme im Nachschubbereich. Hauptgeschäftsführer Holger Hildebrandt geht davon aus, dass die Mehrheit der Unternehmen einen Streik von einem bis zwei Tage überbrücken könnte. "Danach wird sich der Versorgungsengpass auf die Produktivität auswirken", ist sich der BME-Chef sicher. Schließlich seien für den Transport kaum Ausweichmöglichkeiten vorhanden.

Rückendeckung erhielt die Bahn mit ihrer starren Haltung vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung: ifo-Chef Hans-Werner Sinn nannte es ökonomisch verheerend, sollte sich die Gewerkschaft GDL mit ihrer Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag durchsetzen: Deutschland würde damit einen weiteren Schritt in Richtung Berufsstands-Gewerkschaften gehen, wie sie früher in England die Arbeitsmärkte beherrscht hätten. Diese seien das Schlimmste, was einem Land auf dem Arbeitsmarkt passieren könne. 

Ausbildung und Verdienst

Offiziell heißen Lokführer heutzutage Triebfahrzeugführer. Mindestvoraussetzung ist ein guter Real- oder ein sehr guter Hauptschulabschluss. Die Ausbildung zum "Eisenbahner im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokführer und Transport (EiB L/T)", so die bahninterne Bezeichnung, dauert drei Jahre. Sie besteht jeweils etwa zur Hälfte aus einem theoretischen und einem praktischen Teil.

Zu den Schwerpunkten gehört die Signal- und Fahrwegtechnik. Dabei erfährt der angehende Lokführer alles über Gleise, Weichen und die Hinweise an der Strecke sowie die elektronisch übermittelten Daten während der Fahrt. Am Ende der Ausbildung steht eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer für das Facharbeiterzeugnis und einen Lokführerschein. Bis der Triebfahrzeugführer einen ICE fahren darf, dauert es einige Zeit. Anfangs wird er zumeist im Rangier- und Güterverkehr eingesetzt.

Ohne Zulagen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld bekommen Lokführer laut Bahn in den ersten vier Jahren 1935 Euro brutto monatlich, danach sind es 2100 Euro. Gezahlt werden 13 Monatsgehälter. Das Nettogehalt liegt - abhängig von Steuerklasse und Familienstand - inklusive Zulagen laut Konzernangaben anfangs zwischen 1703 und 1972 Euro monatlich. Nach vier Berufsjahren sind es dann 1792 und 2076 Euro. Netto bleibt Beamten in der Regel mehr übrig als Angestellten. 

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