Geld zurück und Alternativen

Bahn-Streik: Was Sie wissen müssen

München - Deutschland droht eine Chaos-Woche – bei der Bahn wird bis Sonntag gestreikt. Was passiert, wenn ein Abiturient zu spät zur Prüfung kommt? Bekomme ich Entschädigung? Die wichtigsten Fragen zum Bahnstreik.

Geld zurück bei Verspätung?

Laut Gesetz bekommen Fahrgäste ab einer Stunde Verspätung 25 Prozent des Reisepreises zurück. Ab zwei Stunden Verspätung sind es 50 Prozent. Die Bahn kann sich bei einem Streik nicht auf höhere Gewalt berufen. In bestimmten Fällen können Fahrgäste, die mit einer Verspätung von mindestens 60 Minuten am Zielort rechnen müssen, ein anderes Verkehrsmittel wie Bus oder Taxi nutzen – und zwar, wenn die planmäßige Ankunftszeit zwischen 0 und 5 Uhr morgens liegt. Die Deutsche Bahn erstattet dann Kosten bis zu maximal 80 Euro. Erfordert eine Verspätung eine Übernachtung oder ist die Fortsetzung der Reise am selben Tag nicht zumutbar, erstattet die Bahn auch die Hotelkosten.

Darf ich einen anderen Zug nutzen?

Steht die eigene Verbindung nicht im Ersatzfahrplan, können Reisende auf einen anderen Zug umsteigen. Das darf auch ein höherwertiger Zug sein. In diesem Fall wird bei zuggebundenen Tickets wie etwa den Sparpreis-Angeboten die Zugbindung aufgehoben. Wer aus diesem Grund überfüllte Züge fürchtet oder keine Zeit hat, einen deutlich späteren Zug zu nehmen, muss Alternativen finden.

Wird mein Ticket erstattet?

Die Deutsche Bahn bietet Fahrgästen an, Fahrkarten und Reservierungen während des Streikzeitraums kostenlos zu erstatten – explizit auch für Verbindungen, die fahren.

Was ist mit den anderen Anbietern?

Trotz des angekündigten Streiks der GDL bei der Deutschen Bahn fahren Züge von Agilis, Alex und Oberpfalz wie gewohnt. Auch die Bayerische Oberlandbahn (BOB) ist vom GDL-Streik nicht betroffen. Die Züge der BOB, teilte das Unternehmen mit, verkehrten fahrplanmäßig.

Welche Alternativen gibt es zum Zug?

Die Konkurrenz der Bahn frohlockt bereits – und wittert das große Geschäft. Das Busfahrunternehmen Flixbus setzt während des Streiks zusätzliche Busse ein – trotzdem sollen die Preise im üblichen Rahmen bleiben. Lediglich die Kontingente für beliebte Abfahrtszeiten sind laut einer Sprecherin des Unternehmens in der Regel schneller ausgebucht und etwas teurer. Gestern Nachmittag gab es von München nach Berlin noch Plätze ab 22 Euro. Die Fahrgemeinschaftsseite „Mitfahrgelegenheit.de“ erlebt derzeit einen wahren Ansturm. Die Nutzeranzahl hat sich nach Ankündigung des Streiks vervierfacht. Die Preise bewegen sich für die Strecke München-Berlin zwischen 26 und 31 Euro. Sie dürften relativ stabil bleiben, da ein Maximum von 7,50 Euro pro 100 Kilometer festgelegt ist. Gerade auf beliebten Strecken kann es aber zu Engpässen kommen. Die Fluggesellschaft Air Berlin registriert ebenfalls einen leichten Anstieg der Buchungen. Die gesteigerte Nachfrage lässt die Preise kurzfristig gebuchter Tickets steigen. Ein Flug von München nach Berlin kostete gestern Abend 200 bis 500 Euro.

Darf ich später zur Arbeit kommen?

Fallen S-Bahnen und Züge wegen des Bahn-Streiks aus, ist das für Berufstätige ärgerlich. Ein Grund, entschuldigt zu spät bei der Arbeit zu erscheinen, ist das aber nicht. Darauf weist Nathalie Oberthür hin, Fachanwältin für Arbeitsrecht. Im Gegenteil: Der Mitarbeiter muss sich so organisieren, dass er trotzdem pünktlich ist. Er trägt das sogenannte Wegerisiko. Kommt der Arbeitnehmer zu spät, darf der Arbeitgeber anteilig den Lohn kürzen. Haben Mitarbeiter trotz der Ankündigung des Streiks keine Vorsorge getroffen und nehmen eine Verspätung billigend in Kauf, können sie schlimmstenfalls sogar abgemahnt werden. Um Ärger zu vermeiden, sollten Beschäftigte aber auf jeden Fall sofort beim Arbeitgeber anrufen, wenn sie wegen der Streiks nicht pünktlich kommen. Sind die Streiks nicht vorhersehbar und konnten Mitarbeiter sich nicht anders organisieren, ist eine Abmahnung unzulässig.

Was ist mit der Abiprüfung?

Diese Woche sind zwei schriftliche Abiturprüfungen in Bayern, ausgerechnet während des Streiks. „Das ist eine komplizierte Situation“, sagt Ludwig Unger, Pressesprecher des Kultusministeriums. Laut Schulleiter Hans Härtl vom Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist grundsätzlich „jeder Schüler selbst verantwortlich“, dass er zu Prüfungsbeginn am heutigen Dienstagmorgen pünktlich an der Schule ist. Aber Ministeriumssprecher Unger sagt auch: „Der Streik darf nicht zu Lasten der Schüler gehen.“ Sollten bei der Fahrt zum Gymnasium nachweislich Probleme auftreten, gebe es einen Handlungsspielraum. Betroffene Schüler könnten im schlimmsten Fall den Nachholtermin der jeweiligen Prüfung wahrnehmen, so Unger.

Was kostet der Bahnstreik?

Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Eric Schweitzer, beziffert die Schäden mit 500 Millionen Euro. An den ersten Tagen kostet der Streik etwa jeweils 50 Millionen, an den folgenden etwa 100 Millionen Euro, weil dann die Vorräte knapp werden. Nach Angaben des BDI treffen die Arbeitsniederlegungen der GDL vor allem Stahl-, Chemie- und die Autoindustrie.

Wie reagiert die Wirtschaft?

Bayerns Wirtschaft reagiert einigermaßen genervt auf den erneuten Streik, der gestern, 15 Uhr, im Güterverkehr begonnen hat. „Unsere Logistiker haben ja mittlerweile Übung in Sachen Bahnstreik sammeln können“, sagt ein Sprecher des Chemiekonzerns Wacker angesäuert. Man sei aber guter Dinge. Einen Teil seines Warentransports verlegt das Unternehmen aus Burghausen auf die Straße. Ansonsten stehe man in Kontakt mit der Bahn – und verlasse sich auf deren Notfallplan. Allerdings ist das eine Zuversicht auf Zeit, die Länge des Streiks könnte zum Problem werden. Für die nächsten drei, vier Tage sei man gewappnet, sagt der Sprecher. „Dann könnte es eng werden.“ Auch die Lieferung von Rohstoffen könne sich verzögern – sie kommen vor allem aus Richtung Antwerpen.

Auch für BMW ist der Schienenverkehr wichtig. Etwa 60 Prozent aller Transporte wickelt der Konzern per Zug ab. In den nächsten Tagen setzt der Autohersteller vermehrt auf Lkw, manche Lieferung wird verschoben. Allerdings sieht man die Lage locker: „Im Moment haben wir keine Nachteile durch den Streik“, sagt die Sprecherin. Ein paar Glückliche bleiben ganz verschont: Der Konzern MAN etwa ist vom Ausstand der Lokführer nicht betroffen. Nötige Transporte würden seit Langem mit eigenen Lkw durchgeführt, sagte ein Sprecher.

dpa/dor/mmä/pew

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Apple verklagt Chip-Zulieferer Qualcomm
San Diego - Smartphones brauchen eine Funkverbindung. Im Geschäft mit Chips dafür ist der US-Konzern Qualcomm besonders stark. Zuletzt geriet er zunehmend ins Visier von …
Apple verklagt Chip-Zulieferer Qualcomm
Air Asia treibt Pläne für Europa-Verbindungen voran
Davos/Kuala Lumpur (dpa) - Die malaysische Billigfluglinie Air Asia will im Sommer ihre Flüge nach Europa wieder aufnehmen. Zunächst sei eine Strecke von der …
Air Asia treibt Pläne für Europa-Verbindungen voran
Stürzt Trump die Welt in einen „Handelskrieg“?
Washington - Tiefschwarze Szenarien machen die Runde: Die neue US-Regierung könnte die Welt in einen „Handelskrieg“ stürzen. Es gibt viele Fragen und vorerst nur einige …
Stürzt Trump die Welt in einen „Handelskrieg“?
18.000 demonstrieren gegen "Agrarindustrie"
Berlin - Anlässlich des Beginns der Agrarmesse "Grüne Woche" haben Tausende in Berlin unter dem Motto "Wir haben es satt!" für eine Neuausrichtung der Landwirtschaft …
18.000 demonstrieren gegen "Agrarindustrie"

Kommentare