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Die Not am Lehrstellenmarkt macht erfinderisch: Wer bei der Bahn eine Lehre zum Elektroanlagenmonteur machen will, braucht künftig kein formelles Anschreiben mehr. 

Revolution auf dem Lehrstellenmarkt

Kommt jetzt das Ende des Bewerbungsschreibens?

Die Bahn will sich vom Anschreiben bei Lehrstellenbewerbungen verabschieden. Was unkonventionell klingt, ist bei vielen bayerischen Unternehmen längst Realität. Siemens etwa hat das Anschreiben vor 13 Jahren abgeschafft.

Berlin/München – Das Vorhaben klingt nach einer kleinen Revolution: Die Deutsche Bahn will bei angehenden Auszubildenden künftig auf das Bewerbungsschreiben verzichten. Ab Herbst soll es möglich sein, über eine Online-Plattform nur noch Lebenslauf und Zeugnisse einzureichen. „Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen“, sagte Personalerin Carola Hennemann. Der Konzern will dieses Jahr rund 19 000 Mitarbeiter einstellen, darunter 3600 Auszubildende.

Der Konzern steht unter Druck: In den nächsten Jahren gehen bei der Bahn tausende Mitarbeiter in Rente. Etwa die Hälfte der Belegschaft wird das Unternehmen in den kommenden zehn Jahren aus Altersgründen verlassen, wie die Bahn erklärte. Neben IT-Experten oder Ingenieuren sucht die Bahn auch Menschen, die Lokführer oder Fahrdienstleiter werden wollen. „Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig“, sagte Personalerin Hennemann. „Auch andere sind froh, wenn sie nicht so viel schreiben müssen. Wir prüfen die Motivation der Bewerber sowieso nochmal in einem Gespräch ab.“

Regel soll für Bewerber mit Start in 2019 gelten

Dass kein Anschreiben mehr hochgeladen werden muss, soll für Bewerber gelten, die 2019 als Azubis anfangen wollen. Der Staatskonzern prüft, bei welchen Berufsgruppen es noch Sinn ergibt, auf ein Anschreiben zu verzichten. „Wir schauen, welche Erfahrungen wir damit machen. Und dann werden wir das ausweiten“, sagte ein Sprecher.

Bisher hat die Bahn für rund 12 000 von 19 000 Stellen in diesem Jahr Mitarbeiter gefunden, 10 000 davon haben nach Angaben des Bahnsprechers bereits ihre Arbeit begonnen. „In Regionen, in denen wir Vollbeschäftigung haben, ist die Suche natürlich schwieriger, in Bayern und Baden-Württemberg zum Beispiel“, sagt Hennemann.

Die Bahn nutzt bereits ein Bonus-Programm: Wirbt ein Mitarbeiter einen neuen Kollegen, bekommt er 1500 Euro. Die Bahn sucht heute auch stärker im Ausland als früher. „Aus Spanien, Griechenland haben wir schon Ingenieure nach Baden-Württemberg geholt“, sagt Hennemann.

Für einen Großkonzern wie die Bahn mag die Vorgehensweise ungewöhnlich sein. In Bayern gehen viele Mittelständler schon seit Jahren unkonventionelle Wege, um Nachwuchs zu finden. Beispiel München: Der Automobilzulieferer iwis motorsysteme, Arbeitgeber von derzeit 70 Lehrlingen, ermöglicht seinen Bewerbern neuerdings, sich mithilfe einer speziellen App auf eine Lehrstelle zu bewerben – ein förmliches Anschreiben gibt es dabei nicht mehr. Stattdessen können Bewerber Lebenslauf und Zeugnis per Smartphone abfotografieren und hochladen, statt eines Anschreibens genügt ein Kommentar bestehend aus drei oder vier Sätzen, der auf die Stärken des Bewerbers hinweisen soll. „Von insgesamt 500 Bewerbern haben bereits 120 Jugendliche die Bewerbung per App genutzt“, sagt Andreas Eppeneder, Leiter des Bereichs Ausbildung bei iwis motorsysteme. Der Personaler glaubt, dass sich in Zukunft noch deutlich mehr Jugendliche für das Schnellverfahren per Smartphone entscheiden werden.

Der Autozulieferer aus München kooperiert bei seinem Bewerbungsverfahren mit der Internet-Plattform Talent-Hero. Dahinter steckt ein Start-up, ebenfalls aus München, das zum Internetportal meinestadt.de aus Köln gehört. Seit dem Start von Talent-Hero im August 2016 wurde die App nach Angaben des Unternehmens bereits über 350 000 Mal heruntergeladen. Auch seien in diesem Zeitraum über 50 000 reine App-Bewerbungen verschickt worden – also alles Bewerbungen, bei denen das förmliche Anschreiben durch einen schnell abgetippten Kurzkommentar ersetzt wurde. „Mit der Deutschen Bahn sind wir bereits in Gesprächen“, bestätigte eine Sprecherin von Talent-Hero. In Bayern nutzen neben Industriefirmen wie iwis motorsysteme auch große Dienstleister wie die BayernLB oder die Siemens Betriebskrankenkasse die App, so das Start-up.

Siemens hat ohnehin schon vor Jahren einen eigenen Weg im Bewerbungsprozess von Azubis eingeschlagen: „Wir machen das schon seit 13 Jahren, dass wir kein explizites Anschreiben mehr verlangen“, sagte ein Siemens-Sprecher unserer Zeitung. Die Motivation der Lehrstellenbewerber werde erst in einer mündlichen Vorauswahl erfragt.

Selbst in der Automobil-Industrie glauben die Personaler, dass das Ende des klassischen Bewerbungsschreibens womöglich nur noch eine Frage der Zeit ist: Zwar werde bei BMW von Bewerbern nach wie vor ein Anschreiben verlangt, sagte ein Konzernsprecher. „Es kann aber gut sein, dass wir über kurz oder lang darauf verzichten werden.“

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Von Julia Kilian und Sebastian Hölzle

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