Bei den Banken wächst die Furcht vor Übernahmen

- Frankfurt/Main - In den Vorstandsetagen der deutschen Großbanken wächst die Furcht vor der Übernahme durch ausländische Geldhäuser. "Fressen oder gefressen werden", lautet in Kurzform die prekäre Lage zum Jahresbeginn 2004. Nachdem der Branchenführer Deutsche Bank sowie die Commerzbank mit massivem Personalabbau, Verminderung der Kreditrisiken, dem Verkauf von Beteiligungen und Immobilien das Krisenjahr 2003 überwunden haben, sind sie vor allem für die amerikanischen Riesen noch attraktiver geworden.

<P>Als erster hatte der Präsident ders Bundesverbandes deutscher Banken, Rolf Breuer, Ende November das Horrorszenario an die Wand gemalt. Potenzielle "Eroberer" stünden schon vor der Tür, um die - gemessen am Börsenkurs - billigen deutschen Großbanken zu kaufen. Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller schlägt nun in die gleiche Kerbe: "Für die privaten Finanzinstitute besteht die akute Gefahr, preiswert übernommen zu werden", sagte Müller in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "Capital".</P><P>Dabei geht es aber nicht nur um das große Monopoly im weltweiten Finanzgewerbe, das Aktionäre oder die von Stellenabbau betroffenen Belegschaften tangiert. Letztlich ist es auch eine Existenzfrage für die drittgrößte Wirtschaftsmacht Deutschland - hinter den USA und Japan. Gerade für den nicht immer beliebten Exportweltmeister könnte es äußerst unangenehm werden, wenn die führenden Geldhäuser in ausländischen Händen wären.</P><P>Breuer hat die möglichen Szenarien schon angedeutet. Eine Situation wie vor dem Ausbruch des Irak-Krieges mit tiefen politischen Verwerfungen zwischen Berlin und Washington träfe auch die Wirtschaft hier zu Lande. Vor allem, wenn amerikanische Großbanken - im Besitz deutscher Kredithäuser - Rücksicht auf die US- Regierung nehmen müssen. Letztlich sei es eben nicht egal, wenn die deutsche Wirtschaft im eigenen Land auf ausländische Institute angewiesen sei, mahnte der Bankenpräsident.</P><P>Auch wenn Breuer dieses Argument geschickt nutzt, um die Strukturen in der deutschen Kreditwirtschaft zu Lasten des Sparkassenlagers aufzubrechen, sehen auch neutrale Beobachter Handlungsbedarf. Bundesbank-Vorstand Edgar Meister stimmt mit der Bundesregierung überein, dass Deutschland schlagkräftige Banken benötigt.</P><P>"Unser Finanzsektor sollte der realwirtschaftlichen Bedeutung Deutschlands entsprechen", sagte Meister in einem Gespräch mit dem "Handelsblatt". Insbesondere für die Unternehmen sei die Existenz großer Banken wichtig, die auch in der Spitze die deutsche Sprache, Mentalität und Finanzkultur verstünden, urteilt der Bundesbanker.</P><P>Die Drohkulisse ist kein Produkt spekulierender Börsenprofis, um an steigenden Aktienkursen zu verdienen. Müller sieht sogar die unmittelbare Gefahr eines Domino-Effektes: "Wenn einer den ersten Schritt geht, dann müssen sich zehn andere überlegen, was sie tun." Falls die US-Bank JP Morgan Chase zuschlage, bringe das die Citigroup und die Bank of America in Zugzwang, mahnt der Commerzbank-Manager.</P><P>In den Strategiepapieren der großen Geldhäuser werden bereits alle Varianten durchgespielt. Müller scheut schon nicht mehr, eine Fusion mit der Deutschen Bank zu preisen: "Ein Privatkundengeschäft mit mehr als 15 Millionen Kunden wäre schon eine tolle Sache." Selbst die Postbank - als viertgrößte Privatbank - wird wieder ins Spiel gebracht: "Die passt zu jedem von uns."</P><P>Auch der Vorstandsvorsitzende der Münchner HypoVereinsbank, Dieter Rampl, will ein Zusammengehen mit der Commerzbank nicht ausschließen: "Die Commerzbank ist wie einige andere Banken auch stark im Privatkundengeschäft und nicht nur im Firmenkundengeschäft", lobte er die Frankfurter Konkurrenz. Die deutsche Finanzlandschaft wird 2004 nicht nur vom Grabenkrieg zwischen Großbanken und Sparkassen geprägt, auch in die Hochfinanz selbst ist wieder neue Bewegung gekommen.</P>

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