Interview mit Susanne Schmidt

„Die Banken wollen weitermachen wie bisher“

München - Susanne Schmidt, 65, hat Jahrzehnte als Investmentbankerin gearbeitet. Die Tochter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt übt in „Das Gesetz der Krise“ Kritik an ihren ehemaligen Kollegen. Ein Interview mit der Ex-Investmentbankerin:

Frau Schmidt, Sie lassen kein gutes Haar an den Bankern, dabei gehörten Sie früher selbst dazu.

Ich lasse kaum ein gutes Haar an den globalen Investmentbankern. Die Bankfiliale von nebenan meine ich natürlich nicht. Bei den Investmentbanken müssen wir aber die Exzesse der vergangenen Jahre beschneiden, um das Risiko zu vermindern, dass wir noch einmal so etwas erleben wie beim Ausbruch der Finanzkrise.

Hat sich das Investmentbanking seit Ihrem Ausstieg verändert?

Nein, grundsätzlich hat sich am Geschäftsmodell nicht viel geändert. Aber die Exzesse und die Risiken, die man zwischenzeitlich eingegangen ist, sind größer geworden. Auch die Boni der Banker sind weiter gestiegen und die Aufsicht war bis zum Krisenausbruch eher laxer geworden. Insgesamt kann man sagen, die Füße, auf denen das Investmentbanking steht, sind noch tönerner geworden.

Hat sich die Mentalität der Banker verändert?

Nein. Man hätte hoffen können, dass sich ein bisschen was verändert hat seit dem Ausbruch der Krise. Natürlich sehen wir zur Zeit, dass einige Investmentbanken die Belegschaft reduzieren, aber das hängt damit zusammen, dass wir global gesehen schlechte konjunkturelle Zeiten haben. Wenn die Geschäfte wieder besser laufen, werden die Banken hoffen, so weitermachen zu können wie bisher.

Sie schreiben, es sei im Bankensystem angelegt, dass Gewinne privatisiert, Verluste sozialisiert werden. Warum?

Ein funktionierendes Bankensystem ist für das Funktionieren einer Volkswirtschaft zwingend notwendig und deshalb verlassen sich die Banken darauf, dass sie gerettet werden. Die letzten Jahre haben ja auch gezeigt, dass sie Recht hatten – mit Ausnahme von Lehman Brothers.

Das klingt nach einem unlösbaren Problem.

Nein, ich denke nicht, dass das unlösbar ist. Man muss nur mutig sein und der Bankenlobby nicht zu sehr zuhören. Statt ständig einzuknicken, sollte die Politik stringent regulieren. Man wird nie alle Bankpleiten verhindern können, aber man muss die Risiken minimieren. Deshalb müssen die Banken kleiner werden. Ich plädiere für eine Aufspaltung in Geschäftsbanken und risikoreichere Investmentbanken. Außerdem würde eine Transaktionssteuer die Bilanzsummen reduzieren. So klein die Steuer auch wäre, die gigantischen Handelsvolumina werden mit mikroskopisch kleinen Gewinnmargen gemacht. Dieses Geschäft würde unprofitabel. Und die Banken müssen robuster werden, eine höhere Eigenkapitalausstattung als bisher angedacht ist notwendig.

In Ihrer Partei, der SPD, sprechen sich manche für die Verstaatlichung von Banken aus. Sie auch?

Nein, ich glaube nicht, dass Politiker bessere Banker sind. Die schustern sich vielleicht nicht die Boni zu, aber sie finanzieren ihren Parteifreunden dann irgendwelche Projekte.

Das hat man an den Landesbanken gesehen.

Gutes Beispiel, das sind zum Teil Milliardengräber. Trotzdem wäre die WestLB ohne die EU-Kommission noch mal und noch mal und noch mal gerettet worden (Anmerk.: Sie wurde auf Anweisung der EU zerschlagen). Das Retten von Banken um jeden Preis ist nicht richtig. Stattdessen sollte man solche Banken aufspalten oder abwickeln – auch wenn das nicht immer billig ist. Dafür brauchen wir eine Bankenunion in Europa mit einer zentralen Aufsichtsbehörde, die weisungsbefugt ist und nicht auf vermeintliche nationale Interessen Rücksicht nimmt.

Sie lehnen das Wort „Eurokrise“ ab. Warum?

Der Begriff suggeriert, dass wir es mit einer Währungskrise zu tun hätten. Der Euro ist aber stabil, die Inflationsrate ist nachweislich niedriger als zu D-Mark-Zeiten. Den Banken ist es gelungen, davon abzulenken, dass wir all diese Staatsschulden ihrer Rettung im Jahr 2008/09 zu verdanken haben. Das war eine konzertierte Aktion der Bankenlobby.

Haben die Staaten nicht auch über ihre Verhältnisse gelebt?

Doch, ganz klar. Aber das liegt nicht nur an den Politikern, sondern auch an uns allen, weil wir immer mehr wollen: Pendlerpauschale, höhere Renten und so weiter. Und wenn das nicht rumkommt, werden die Politiker halt abgewählt. Ich sage nicht, dass die Staaten alle Unschuldslämmer sind, aber es ist auffällig, wie die Staatsverschuldung durch die Bankenrettung explodiert ist.

Andere Regionen sind stärker verschuldet. Warum konzentrieren sich die Finanzmärkte auf Europa?

Das sieht man häufiger bei den Finanzmärkten. Das ist der Herdentrieb.

Tragen die Ratingagenturen dazu bei?

Die tragen zu der unsäglichen Symbiose zwischen Staaten und Banken bei: Die Ratingagenturen stufen die Banken runter, dann muss der Staat rettend eingreifen, dann stufen sie dafür die Staaten runter, die Banken halten deren Anleihen, deshalb stehen sie wieder schlechter da und so weiter.

Warum kritisieren Sie die Politik des billigen Geldes der EZB?

Zum einen kann es sein, dass wir beim Auslaufen dieser Gelder wieder genau da stehen, wo wir schon 2008 und 2011 standen. Zum anderen muss man fragen, ob es gelingt, das Geld wieder einzusammeln, bevor es sich in einer deutlich höheren Inflation widerspiegelt. Aber eigentlich bin ich ein Fan der EZB, weil sie sich sehr pragmatisch verhält. Ohne die EZB hätten wir spätestens Ende letzten Jahres einen neuen Krisenausbruch erlebt. Sie hat der Politik Zeit verschafft.

Nutzt die Politik sie?

Zu Anfang nicht. In den letzten Monaten scheint sich aber mehr zu bewegen. Und wir haben zumindest außer Sparen auch mal das Wort Wachstum von der Bundesregierung gehört – auch wenn sich noch nichts getan hat und echte Wachstumsinitiativen seitens der EU oder der Währungsunion immer noch ausstehen. Wir sehen, was eine einseitige Fokussierung aufs Sparen in den Krisenländern gebracht hat: nichts. Griechenland wird nächstes Jahr zum sechsten Mal in Folge schrumpfen, Spanien ist auf dem Weg in die gleiche Falle, Portugal auch.

Also muss man den Ländern mehr Zeit geben?

Ja, man sollte die Sparbemühungen strecken. Ich würde den Staaten nicht die Schulden erlassen, aber es spricht doch nichts dagegen, wenn das Geld erst in zehn oder sogar 20 Jahren zurückgezahlt wird.

Wie wird sich die Krise weiterentwickeln?

Meine Hoffnung ist natürlich, dass die Politik sie in den Griff bekommt. Zur Zeit sieht es so aus, als könnte sie das mit viel Glück schaffen – vorausgesetzt, sie bleibt am Ball.

Interview: Philipp Vetter

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