Bankenstresstest: Chaos statt Beruhigung

Frankfurt - Der Krisentest sollte Vertrauen in Europas Finanzindustrie schaffen. Doch selbst am Tag der Veröffentlichung der Daten des Bankenstresstests herrschte Chaos.

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Beobachter bezweifeln seit langem, dass die noch junge europäische Bankenaufsicht EBA zur Beruhigung der Finanzmärkte beitragen kann. Manch deutscher Aufseher ist entsetzt, wie willkürlich die Londoner Behörde ihre Maßstäbe ändert. Und das alles vor dem Hintergrund, dass das Misstrauen gegenüber Banken seit Wochen zunimmt. Viele Institute könnten sich kaum noch frisches Geld beschaffen, wenn nicht die Europäischen Zentralbank (EZB) aus Sorge vor einer Kreditklemme die Geldschleusen weit geöffnet hätte. Die Branche hat das Gefühl, ihr würden nun gerade zum falschesten Zeitpunkt Steine in den Weg gelegt. “Die nun vorliegenden Ergebnisse verstärken die Verspannungen auf den Finanzmärkten“, urteilt Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes BdB.

Zwar räumt inzwischen auch mancher Banker ein, dass sich die Institute besser für Krisenzeiten rüsten und manches Risikogeschäft mit mehr eigenen Mitteln absichern sollten. Die von der EBA nun in den Raum gestellte Summe - 114,7 Milliarden Euro Kapitalbedarf, davon 13,1 Milliarden bei deutschen Banken - war in etwa erwartet worden.

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Doch die Summe alleine sei kein Maßstab, bemängeln Bankenexperten. “Eine seriöse Bankenaufsicht sollte nicht nur eine Zahl in den Raum stellen, sondern gleich sagen, woher die Banken das Geld nehmen sollen“, moniert Bankenprofessor Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. Sein Frankfurter Kollege Martin Faust warnt: “Manche Bank wird so zu geschäftspolitischen Maßnahmen gezwungen, die zwar kurzfristig helfen, langfristig aber nicht sinnvoll, ja sogar schädlich sind.“

So wurde etwa im Fall der bereits teilverstaatlichten Commerzbank, bei der die Aufseher mit 5,3 Milliarden Euro das weitaus größte Kapitalloch der deutschen Geldhäuser ausmachten, bereits über einen Verkauf der profitablen Töchter Comdirect und der polnischen BRE Bank spekuliert. Die Deutsche Bank scheint bereit, Tafelsilber zu veräußern, um sich für härtere Zeiten zu rüsten: Der Dax-Konzern stellte seine Vermögensverwaltung für institutionelle Anleger auf den Prüfstand, eines seiner Kerngeschäftsfelder.

Ein Problem des aktuellen Test nach Einschätzung von Experten: Er nimmt Kapitalquoten voraus, welche die Banken eigentlich erst später erfüllen müssten. “Insgesamt halte ich es für sinnvoll, dass Banken mehr Eigenkapital vorhalten“, sagt Faust. Aus seiner Sicht wäre es jedoch sinnvoller gewesen, den international abgestimmten Fahrplan (“Basel III“) einzuhalten, der schärfere Eigenkapitalregeln sukzessive ab 2013 einführen soll.

Die EBA verschärfte sogar noch ihre ursprünglichen Vorgaben für den jetzigen Test: Sie ließ letztlich die zumeist schlechten Geschäftsergebnisse aus dem dritten Quartal einfließen, setzte strengere Maßstäbe für Risikoanlagen an und schränkte die Verrechnung von Gewinnen und Verlusten bei Staatsanleihen ein. Landesbanken wie Helaba und NordLB bekamen nur deshalb Probleme, weil längst beschlossene Maßnahmen zur Stärkung der Kapitalbasis nicht zum von der EBA gesetzten Stichtag 30. September 2011 wirksam waren.

“Ich will ja gerne glauben, dass dieser Stresstest ein genaueres Bild zeichnet als frühere Tests“, sagt Bankenprofessor Burghof. “Aber solche Tests haben einen Teil ihrer Glaubwürdigkeit verspielt, weil sie bei früheren Auflagen offenbar doch nicht so seriös waren.“

Gerade in Deutschland ist man überzeugt: Die junge Behörde EBA, die ihre Arbeit erst Anfang 2011 aufnahm, will sich als “harter Hund“ beweisen. Die hiesigen Bankenverbände waren sich in ihrer Kritik einig: “Chaotisch wirkender Prozess“ (Michael Kemmer/BdB), “inkonsistent und ärgerlich“ (Hans Reckers/VÖB), “völliges Ignorieren der Realität“ (Heinrich Haasis/Sparkassen). Ökonom Burghof pflichtet bei: “Die EBA verhält sich gezielt erratisch, auch um zu zeigen, wer Herr im Haus ist.“ Für mehr Vertrauen in die Finanzbranche, so die vorherrschende Meinung, sorgt der Stresstest - mal wieder - nicht.

dpa

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