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Gemeinsamer Kampf gegen die Krise: Finanzminister Fahrenschon (links) und BayernLB-Chef Kemmer.

Landesbank im Umbruch

„Banker machen sich keine Illusionen“

München - Vor einem Monat demonstrierten tausende Mitarbeiter der Bayerischen Landesbank für ihren Chef. Nun muss dieser einen radikalen Umbau der Bank vornehmen und die Belegschaft um mehr als ein Viertel zusammenstreichen.

Es war eine Herbstnacht Ende Oktober, in der der Wind eisig über das nasse Straßenpflaster in der Münchner Innenstadt wehte. In der Zentrale der BayernLB hatten sich die Verwaltungsräte des Instituts versammelt, während im Innenhof die Mitarbeiter demonstrierten. Frauen in Business-Kostümen und Männer in Anzügen reckten Spruchbänder in die Höhe und skandierten: „Wir brauchen Kemmer.“ Die Staatsregierung hatte Bankchef Michael Kemmer, der im Frühjahr wegen der Krise des Instituts ins Amt gehievt worden war, als Sündenbock für die Verschärfung eben dieser Krise auserkoren. Doch die Mitarbeiter, die bis Mitternacht ausharrten und einen „unglaublichen Solidaritätsbeweis“ lieferten, wie Kemmer damals sagte, retteten ihrem Chef zusammen mit den Sparkassenvertretern im Verwaltungsrat den Job – wohl wissend, dass dieser sich nicht dafür revanchieren können würde.

Schon damals war von Einsparungen bei der Krisen-Bank die Rede. Schon damals zeichnete sich ab, dass Stellenabbau unausweichlich sein würde. Doch nun werden die Einschnitte bei der BayernLB noch tiefer als befürchtet.

Das heimische Geschäft insbesondere mit Mittelständlern soll eine größere Bedeutung bekommen. Dafür gibt der Konzern seine Stützpunkte in Asien auf, schließt die Vertretung in Mailand und reduziert die Aktivitäten in New York und London. Das Geschäft mit Wertpapieren wird zusammengestrichen. „Es werden nur noch Geschäfte getätigt, die in unmittelbarem Zusammenhang zu den Kunden stehen“, kündigte Kemmer an.

Bei der Münchner Kernbank und den Töchtern – insbesondere der österreichischen Hypo Group Alpe Adria, die in Südosteuropa stark vertreten ist – werden die Aktivitäten auf ihre Rentabilität hin überprüft. Der Verwaltungsaufwand soll bis zum Jahr 2013 um 670 Millionen Euro sinken. Insgesamt will die BayernLB die Zahl ihrer rund 19 000 Stellen um 5600 reduzieren, 800 davon in München. Kündigungen sind nicht ausgeschlossen. Allerdings könne auch der Verkauf von Aktivitäten zur geplanten Personalreduzierung beitragen. Man habe Vorstellungen davon, welche Teile dafür in Frage kämen, sagte Kemmer, ohne die Bereiche zu nennen. Im derzeitigen Umfeld seien solche Maßnahmen ohnehin noch nicht zu realisieren.

Für die Mitarbeiter sei die Situation „schwierig“, räumte Kemmer ein. Dennoch sei er überzeugt davon, dass das Vertrauensverhältnis nicht leiden werde. „Das sind Banker. Die machen sich keine Illusionen.“ Der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats bei der BayernLB, Diethard Irrgang, sagte, die Mitarbeiter stünden „weiter zusammen und zu ihrem Vorstand“.

Die Beziehung zur Staatsregierung scheint sich im Zuge der gemeinsamen Krisenbewältigung verbessert zu haben. Zu Finanzminister Georg Fahrenschon hat der Bankchef ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Und selbst zu Ministerpräsident Horst Seehofer glaubt Kemmer einen „gewissen Draht“ zu haben.

Dadurch, dass die BayernLB nun nur Garantien des Bundes in Anspruch nimmt, muss sie nicht die Bezüge der Vorstände auf 500 000 Euro pro Jahr begrenzen. Einschnitte dürfte es trotzdem geben. Jegliche Bonuszahlungen sind für Kemmer und Kollegen bereits ausgesetzt worden. Über die Gestaltung sonstiger Bezüge werde der Verwaltungsrat noch Gespräche aufnehmen, wurde bereits mitgeteilt.

Dominik Müller

Chronologie einer Krise

24. August 2007: Die BayernLB räumt ein Engagement im krisengeschüttelten US-Markt für Hypothekendarlehen bonitätsschwacher Schuldner ein.

12. Februar 2008: Bayerns Finanzminister Erwin Huber (CSU) bezeichnet Berichte über Milliarden-Belastungen im Landtag als reine Spekulation und erklärt, es lägen noch keine belastbaren Zahlen vor.

13. Februar: Die BayernLB beziffert die Belastungen auf 1,9 Milliarden Euro.

19. Februar: BayerLB-Chef Werner Schmidt erklärt wegen der Querelen um die Offenlegung der Belastungen seinen Rücktritt. Zum Nachfolger wird der ehemalige HypoVereinsbank-Manager Michael Kemmer ernannt.

3. April: Die BayernLB beziffert die Belastungen auf 4,3 Milliarden Euro.

7. Mai: Die Bank verbucht für das erste Quartal einen Vorsteuerverlust von 770 Millionen Euro.

19. September: Die BayernLB gibt bekannt, dass sie durch die Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers mit Ausfallrisiken von bis zu 300 Millionen Euro rechnet.

19. Oktober: Huber teilt mit, dass die BayernLB voraussichtlich als erste Bank in Deutschland Hilfen aus dem Rettungspaket der Bundesregierung in Anspruch nehmen wird.

21. Oktober: Die BayernLB will 6,4 Milliarden Euro aus dem Rettungspaket. 22. Oktober: Huber übernimmt die politische Verantwortung für das Desaster und tritt zurück.

24. Oktober: Im Machtkampf um die Ablösung Kemmers erleidet die Landesregierung eine Niederlage. Er bleibt nach beispiellosen Solidaritätskundgebungen seiner Mitarbeiter im Amt.

26. November: Bayerns Ministerpräsident Seehofer lehnt eine Fusion der BayernLB mit der Landesbank Baden-Württemberg ab und räumt einer Privatisierung Priorität ein.

27. November: Das Milliardenloch nimmt immer dramatischere Ausmaße an. Im Raum steht nun die Zahl von bis zu zehn Milliarden Euro.

28. November: Seehofer kündigt ein Rettungspaket von mehr als 30 Milliarden Euro für die BayernLB an.

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