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Günstige Preise durch billige Arbeit: Bei Subunternehmen kostet das Betonieren eines Kubikmeters mit der Pumpe manchmal zwölf Euro.

Eine Branche am Abgrund

Die miesen Tricks am Bau

München - Der Wettbewerb in der Baubranche ist hart wie nie: Baufirmen unterbieten sich im Preis, auf Baustellen werkeln Arbeiter für ein paar Euro. Zoll und Steuerfahndung haben die Kontrolle längst verloren. Mitschuld daran: Bund, Länder, Städte und Gemeinden.

Oft lassen sich Subunternehmen auf Münchens Baustellen in drei Kategorien einteilen: leicht-, mittel- und schwerkriminell. Das behauptet nicht die Gewerkschaft, so urteilt eine Münchner Bauunternehmerin über ihre Branche. Elisabeth Renner spricht von „Sklavenhandel“, erzählt von Arbeitern, die „wie Tiere“ in Baucontainern hausen. Mit Menschenwürde habe das nichts mehr zu tun. „So schlimm wie zur Zeit war es noch nie“, klagt sie – und das, obwohl die Baukonjunktur in Deutschland so rund läuft wie lange nicht mehr (siehe Grafik).

Die Baukonjunktur brummt: Nach der Krise 2005 haben die Investitionen zugenommen.

Das Problem ist ein anderes: Baufirmen kommen nur noch an Aufträge, wenn sie ihre Leistung billig anbieten. Das gelingt nur, wenn sie mit teils zwielichtigen Subunternehmern paktieren. Arbeiter aus Rumänien oder Bulgarien bevölkern die Baustellen, für ein paar Euro die Stunde flechten sie Baustahlmatten oder gießen Betonwände. Fleißige Handwerker, die eine fehlende soziale Sicherung im Tausch für ein paar Euro Lohn in Kauf nehmen – ansonsten sind sie ihren Job los. „Das Einzige, was bestens läuft, ist der Arbeiterstrich“, sagt Renner sarkastisch. Dabei leidet die Branche seit je her unter chronischem Konkurrenzdruck. Die Preisschlacht auf dem Bau ist eine Art Naturgesetz. Baufirmen verkaufen keine Zahnbürsten oder Autos, die sich in Marke, Farbe und Preis unterscheiden. Für den Bauherren ist es meist zweitrangig, wer das gewünschte Haus oder die Brücke baut. Die Vorgaben des Architekten sind klar formuliert, Qualität wird ohnehin erwartet. Bleibt also noch der Preis, um sich von der Konkurrenz abzuheben. „Im Baugewerbe haben wir dadurch einen reinen Kostenwettbewerb“, beklagt Heiko Stiepelmann, Vize-Geschäftsführer beim Hauptverband der Deutschen Bauindustrie.

Da Zement, Kies und Sand für Baufirmen ähnlich teuer sind, drehen sie über Umwege an der Lohnschraube. Der Mindestlohn für den Bau, mehr als elf Euro pro Stunde, lässt sich über Subunternehmen leicht aushebeln. Eine slowenische Kleinstfirma zum Beispiel: Mit Pauschalpreisen wirbt das Unternehmen aus Ljubljana bei Baugeschäften in Oberbayern um eine „spontane Zusammenarbeit“. Der Bautrupp bietet Schalungs-, Beton- und Mauerarbeiten an, auf Wunsch stellt es den Kranführer. Das Betonieren eines Kubikmeters mit der Pumpe kostet zwölf Euro, der Quadratmeter Mauer 20 Euro.

Auch der Stadt München ist die Baufirma zu teuer

Ob faire Löhne bezahlt werden? Elisabeth Renner kann sich das nicht vorstellen. Ihre 80 Mitarbeiter werden nach Tarif bezahlt, Maurer kommen auf Stundenlöhne von teilweise über 30 Euro – sämtliche Zuschläge eingerechnet. „Aber ganz ohne Subunternehmer geht es heute nicht mehr“, sagt sie.

Lange hatte sich Elisabeth Renner geweigert, dieses Spiel mitzuspielen. Vor neun Jahren sah sich ihre Firma dann doch gezwungen, Stahlflechter einer Fremdfirma zu beauftragen – erstmals in der über 90-jährigen Firmengeschichte. Sie wandte sich an die Bau-Innung, faire Löhne für die Arbeiter waren ihr wichtig. Das Antwortschreiben der Innung nahm sie kopfschüttelnd zur Kenntnis: Einen hundertprozentigen Schutz vor „rechtswidrig arbeitenden Nachunternehmern“ gebe es nicht, hieß es.

Eine weitere Farce war die Verleihung des Erasmus-Grasser-Preises 2006: Damals würdigt die Stadt München die Baufirma für ihre vorbildliche Ausbildung. Es gibt warme Worte und ein kaltes Buffet – nur Bauaufträge bekommt die Firma von der Stadt München kaum noch. Die elf Lehrlinge arbeiten fast nur noch auf Baustellen privater Bauherren. Der Stadt ist die Firma Renner zu teuer.

„Die öffentliche Hand ist für den verschärften Wettbewerb mitverantwortlich“, sagt Ralf-Peter Oepen vom Düsseldorfer Institut der Bauwirtschaft. Er hat beobachtet, dass sich der Konkurrenzdruck trotz boomender Konjunktur nicht abgeschwächt hat, im Gegenteil. Zwei Ursachen hat er ausgemacht: Die öffentliche Hand vergibt Bauleistungen fast immer an den billigsten Bieter. Die Qualität der Bauleistung findet kaum Berücksichtigung. Zweitens habe sich die Planungsqualität in den letzten Jahren verschlechtert.

„Ungefähr beginnend mit der Jahrtausendwende verliert die öffentliche Hand ihre Bauherrenfähigkeit“, sagt Oepen. Die Planung wird zunehmend an Ingenieurbüros ausgelagert, die Qualität der Planung lässt nach – denn die Ingenieure stehen ebenfalls unter Druck. Der Trick der Baufirmen: Sie geben bei Ausschreibungen ein scheinbar billiges Angebot ab. Für eine Tonne Kies setzen sie aber einen hohen Preis an, aus Erfahrung wissen sie, dass am Ende mehr benötigt wird als geplant. Es wird teurer als geplant, aber bei den Ausschreibungen hat sich die Preisspirale nach unten gedreht.

Selbst Volkswirte des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie können sich lange nicht erklären, warum sich der Wettbewerb zuspitzt, während gleichzeitig die Konjunktur brummt. Dann stellen sie fest: Die Kultur hat sich geändert. „In den letzten zehn Jahren sehen sich Architekten und Ingenieure ausnahmslos dem Bauherren verpflichtet“, sagt der Ökonom Stiepelmann. Das heißt: Sie versuchen für öffentliche Auftraggeber und große Kapitalgesellschaften so billig wie möglich zu bauen. „Früher ist man dagegen fair miteinander umgegangen, die Planer waren immer Mittler zwischen den Parteien“, sagt er. Heute landeten Streitigkeiten meist vor Gericht.

Denn es geht um viel Geld: Bund, Länder, Städte und Gemeinden vergaben vergangenes Jahr Bauaufträge in Höhe von 35 Milliarden Euro – das sind zwölf Prozent der rund 290 Milliarden Euro, die 2014 in Deutschland verbaut wurden. Trotz der gewaltigen Summen bleibt bei den Baufirmen fast nichts hängen: Die Rendite liege im Durchschnitt zwischen einem und zwei Prozent, schätzt Bau-Experte Oepen. Der Preisdruck führt zu Pfusch am Bau, am Ende explodieren die Baukosten dann doch. Der Berliner Großflughafen und die Elbphilharmonie in Hamburg sind inzwischen zu Symbolen für das Versagen der Baupolitik geworden.

Gleichzeitig bleiben Mittelständler mit großer Stammbelegschaft bei staatlichen Aufträgen meist chancenlos. „Die letzte öffentliche Ausschreibung haben wir 2011 gewonnen“, sagt Elisabeth Renner. Vor zwei Monaten ein letzter Versuch: In der Nähe des Münchner Olympiaparks will die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG über 70 Wohneinheiten aus dem Boden stampfen. Die Firma Renner hofft, das Großprojekt zu ergattern.

Als Elisabeth Renner das Ergebnis der Ausschreibung liest, traut sie ihren Augen nicht. Ihr Unternehmen hatte 5,3 Millionen Euro geboten, gerade kostendeckend kalkuliert, wie sie sagt – eine Baufirma aus dem Allgäu erhielt den Zuschlag für 3,7 Millionen Euro. Bei der GWG heißt es, man habe das Bauunternehmen „auf Herz und Nieren geprüft“ und den Auftrag den gesetzlichen Vorgaben entsprechend vergeben.

Mitarbeiter anderer Behörden sind weitaus skeptischer: „Ohne Subunternehmer und Schwarzarbeiter ist so ein Auftrag nicht zu stemmen“, sagt ein Ermittler, dessen Team seit Jahren die Schwarzarbeit auf Münchens Baustellen bekämpft. Nur wird es für die Zollbeamten und Steuerfahnder immer schwieriger, kriminelles Verhalten nachzuweisen: „Die Papiere, die uns vorgelegt werden, sind fast alle in Ordnung“, sagt der Ermittler. Fast alle Arbeiter seien angemeldet. Allerdings würde ein Großteil der Zeit unterschlagen. Tatsächlich schufteten die Arbeiter 200 Stunden im Monat, ausgewiesen würden aber nur 40 bis 80 Stunden. Der tatsächliche Stundenlohn liege oft bei drei Euro.

Und manchmal kommen die Ermittler erst, wenn es schon zu spät ist. Wie 2010 im Landkreis Dachau: Auf einer Baustelle in Karlsfeld fällt ein Bauarbeiter vom Gerüst, der Mann stirbt in der Klinik. Die Polizei stellt fest, dass der Arbeiter aus Bulgarien bei einem Berliner Subunternehmen beschäftigt war, dort aber nicht zur Sozialversicherung gemeldet ist. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit wird eingeschaltet, alle 30 Bauarbeiter werden überprüft – sie sind per Sofortmeldung bei der Berliner Firma gemeldet. Später stellt sich heraus: Kurz nach der Kontrolle werden die Meldungen wieder storniert, bei Sofortmeldungen ist das möglich. Auf diese Weise werden weder Sozialversicherungsbeiträge noch Steuern abgeführt. Die vier Beschuldigten werden zu Haftstrafen verurteilt – ein seltener Erfolg für die Fahnder.

Denn schwer durchschaubare Ketten dubioser Subunternehmer seien längst die Regel, meint der Beamte. „Auf 70 Prozent aller Baustellen geht es kriminell zu“, schätzt er – das gelte auch für öffentliche Baustellen. Es gibt Fälle, die versetzen selbst die Fahnder ins Staunen. Im Jahr 2007 stellen sie bei der Sichtung von Dokumenten fest: Ausgerechnet das Hauptzollamt Rosenheim wurde mit Hilfe von Schwarzarbeitern gebaut.

Schwarzarbeiter haben das Hauptzollamt gebaut

Die Bundesregierung hat das Problem inzwischen erkannt. Eine Expertenkommission ist gerade dabei, das öffentliche Vergaberecht umzukrempeln. Im Januar hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) die Stoßrichtung vorgegeben: „Bauprojekte sollen künftig an den qualitativ Besten vergeben werden – und nicht an den vermeintlich Billigsten.“ Wie das gelingen soll, ist unklar. Das Vergaberecht bietet schon heute die Möglichkeit, die Preisspirale zu stoppen. Das Gesetz sieht bei einer Vergabe einen Zuschlag für das „wirtschaftlichste Angebot“ vor. „Theoretisch könnte ein Auftrag sogar dem teuersten Bieter zugeteilt werden“, sagt der Jurist Bernd Düsterdieck vom Deutschen Städte- und Gemeindebund.

Die Realität sieht anders aus: Die Münchner GWG schätzt, dass in 80 Prozent der Fälle der billigste Anbieter zum Zuge kommt. „Würden wir das nicht tun, sähen wir uns schnell dem Vorwurf der Mauschelei und Klüngelei ausgesetzt“, verteidigt sich der GWG-Sprecher. Außerdem sei der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln, für einen Bauauftrag ein paar Millionen Euro mehr zu zahlen.

Für das Baugeschäft Renner bedeutet das, nur noch für private Auftraggeber zu arbeiten. „Noch gibt es Bauherren, die bereit sind, für Qualität zu bezahlen“, meint Elisabeth Renner. 26 Millionen Euro Jahresumsatz kommen so zusammen, es bleibt ein Gewinn. Aber aus eigener Kraft, ohne Subunternehmer, wäre das nicht möglich.

Sebastian Hölzle

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