Bauer-Tankstellen für Abu Dhabi

- Tauchern ist das Unternehmen ein Begriff. Doch nun will der Münchner Mittelständler Bauer Kompressoren auf einem anderen Gebiet am Weltmarkt mitmischen: Bei Erdgas-Tankstellen, einem Geschäft mit enormen Wachstumsraten.

Penzberg -­ Weiße Zeltplanen zeigen: Das hier ist nicht für die Ewigkeit gebaut. Hier in Penzberg wird eigentlich erst in den nächsten Monaten das neue Werk von Bauer Kompressoren gebaut. Weil die \-bisherigen Produktionsstätten in München-Sendling und Geretsried aus allen Nähten platzen, wird nun schon montiert, bevor die Penzberger Fabrik ­ weltweit die modernste für Hochdruckkompressoren ­ fertig ist. In jedem Zelt entsteht eine Tankstelle für Erdgas.

Bislang ist das Unternehmen, das nach dem Krieg mit Kompressoren für Werkstätten und Traktoren anfing, vor allem Tauchern ein Begriff. Denn auf dem Markt für die Befüllung von Atemluftflaschen, wie sie unter Wasser oder zum Schutz von Feuerwehrleuten bei der Brandbekämpfung eingesetzt werden, ist das Unternehmen mit 70 Prozent Anteil weltweit die Nummer eins. Heutiger Chef ist Heinz Bauer, der Sohn des Firmengründers.

Ob man Atemluft auf bis zu 300 Bar komprimiert oder Erdgas ­ für beides ist im Grund die gleiche Technik erforderlich. Kompressoren und die zugehörigen Systemkomponenten, um Gas auf ein möglichst geringes Volumen zu bringen, und dann Technik zur Druckminderung, um das Befüllen von mobilen Tanks oder Flaschen möglich zu machen.

Schon vor mehr als zehn Jahren hatte der Kompressor-Hersteller Erdgas-Tankstellen im Programm. Damals nur ein interessanter Nebenerwerb: 1995 wurden drei Erdgastankstellen gebaut, berichtet Manfred Schöffl, Vertriebsleiter für Erdgas-Tankstellen bei Bauer. Doch der Boom brach los.

Heute ist dieser Geschäftszweig der am schnellsten wachsende bei Bauer: Im vergangenen Jahr waren es bereits 75 Tankstellen, die bei Bauer hergestellt wurden. Die gerade entstehende neue Fabrik in Penzberg ist für 150 Tankstellen im Jahr ausgelegt, deren bereits vorgesehene Erweiterung auf 300. Das ist ehrgeizig.

In Deutschland bieten derzeit 750 der insgesamt 12 000 Tankstellen Erdgas an. Hier hat Bauer einen Marktanteil von 40 Prozent. In Europa kommen die Anlagen aus Oberbayern dank einer starken Stellung in Nord-, Mittel- und Osteuropa auf 30 Prozent. Dagegen liegt der außereuropäische Markt für das deutsche Unternehmen noch weitgehend brach. Jetzt aber könnte der Einstieg in einem besonders interessanten Land gelingen: In den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Bei einer Ausschreibung für 18 Tankstellen (einem Auftrag über einen zweistelligen Millionenbetrag) ist Bauer Kompressoren in die Runde der letzten drei Anbieter gekommen.  Und es könnte ein gutes Omen sein, dass Sheik Yousef Omair bin Yousef, der Vorstandsvorsitzende des staatlichen Öl- und Gaskonzerns von Abu Dhabi Adnoc, sich in Geretsried und Penzberg über die Produktion bei Bauer informierte. Denn auch Folgeaufträge winken. Viele Ölförderstaaten, darunter Iran, stellen derzeit ihre Energie-Infrastruktur auf Erdgas um, das bei der Ölförderung auch als "Abfall" anfällt und lange Zeit zum Schaden der Umwelt vorwiegend abgefackelt wurde.

Zunehmend wird es nun genutzt. Der Vorteil: Erdgas lässt sich nahezu so, wie es aus dem Boden kommt, verwenden. Nach einer Entschwefelung, die die Geruchsbelästigung beim Verbrennen ausschaltet, kann es problemlos zum Heizen, Kochen, aber auch zum Autofahren verwendet werden (siehe auch Kasten). Raffinerien, auf die man bei der Verarbeitung von Erdöl zu Benzin, Kerosin oder Heizöl nicht verzichten kann, sind überflüssig.

Gerade in den Ölförderländern ist mit der Infrastruktur für Gas viel Geld zu verdienen. Allerdings wendet sich die Autoindustrie dem Thema nur zögerlich zu. BMW, einst ein Vorreiter bei den Erdgas-Fahrzeugen, setzt auf Wasserstoff, der derzeit aufwendig aus Erdgas gewonnen wird und durch den damit verbundenen Aufwand in einer ehrlichen CO2 Bilanz sogar schlechter dasteht. Mercedes, Fiat, die französischen Hersteller sowie Volvo, Opel und VW haben Erdgas-Fahrzeuge im Programm. Meist sind es umgerüstete Benzinmotoren, die für Vortrieb sorgen. Das ist nicht die ideale Lösung. Denn mit einer Oktanzahl von 140 ist Erdgas ein excellenter Treibstoff, wenn man Motoren auf diese Spitzenqualität ausrichtet. Die ersten entsprechenden Autos drängen gerade auf den Markt .

So erwartet Manfred Schöffl eine weiter steigende Nachfrage in diesem Bereich. Während bislang Tauchgeräte mit 45 Prozent knapp die Hälfte des Umsatzes bei Bauer Kompressoren einbringen, liegen die Tankstellen derzeit noch bei 25 Prozent.

Die Wachstumsraten dürften anhalten. Für die nächsten Jahrzehnte ist Erdgas in großen Mengen verfügbar. Das ist auch nötig. "Ein Erdgas-Bus verbraucht so viel wie sechs Einfamilienhäuser", rechnet Manfred Schöffl vor.

Bei Bauer wird mit einer anhaltend guten Nachfrage nach Erdgas-Tankstellen gerechnet. Auch wenn die Konkurrenz auf den Weltmärkten hart ist, wollen die Münchner ein größeres Stück vom Kuchen. Doch sollen Märkte auf keinen Fall über den Preis erobert werden. Wie schon bei den Tauchgeräten setzt Bauer auf Spitzenqualität, die sich durchsetzen soll.

Das Unternehmen erreicht dies über Methoden, die allen Regeln entgegenlaufen, die die moderne Betriebswirtschaft vorbetet. So ist "Outsourcing" kein Thema. Nur Standardteile oder Motoren werden zugekauft. Alles, was man selbst kann, entsteht in der Komponentenfertigung in Geretsried oder in München. 70 Prozent der Wertschöpfung stammt aus den eigenen Werken. Zum Vergleich: Bei vielen Autoherstellern fällt die Quote bereits auf unter 30 Prozent.

Auch die Konstruktion und Entwicklung bleibt im Haus. Viele Mitarbeiter sind "Eigengewächse" und haben das Unternehmen schon während des Studiums kennengelernt, dort vielleicht ihre Lehre absolviert. Die Verlagerung in Billiglohnländer kommt für Heinz Bauer aus sozialen Gründen wie auch wegen der erforderlichen hohen Qualität der Produkte nicht in Frage. Die Arbeitsplätze sind auch dank des Wachstums sicher. "Viele, die bei uns in eine Ausbildung beginnen, können bis zur Rente bleiben", sagt Marketingchef Ralf Deichelmann.

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