Bauern bangen um ihre Saisonarbeiter

- München/Berlin - In der deutschen Landwirtschaft könnten nach Einschätzung aus Branchenkreisen in der nächsten Saison zehntausende Erntehelfer fehlen. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber hat die Bundesregierung aufgefordert, notfalls die Zulassung von Saisonarbeitskräften aus dem Ausland zu erleichtern. Die Bauern könnten ihren Personalbedarf sonst kaum noch decken, sagte Stoiber in Berlin.

Um die Zahl mittel- und osteuropäischer Saisonkräfte zu senken, werden jedem Betrieb nur noch 80 Prozent der Erntehelfer aus dem Jahr 2005 zugestanden. Wenn für die Spargel- oder Apfel-Ernte keine inländischen Arbeitskräfte zu finden sind, kann die Quote kurzfristig auf 90 Prozent erhöht werden. Nach Stoibers Worten stellt diese Regelung die Bauern vor "eine ganz schwierige Situation". Weil die Quoten ausgeschöpft, die örtlichen Arbeitsämter aber nicht in der Lage seien, deutsche Kräfte zu vermitteln, fehle häufig das Personal für die Ernte. "Es darf nicht zu Lasten der Bauern gehen, wenn die Bundesagentur für Arbeit nicht in der Lage ist, inländische Arbeitskräfte zu vermitteln", kritisierte Stoiber.

Die Landwirtschaft hatte zuvor vergeblich an die Bundesregierung appelliert, die Regelungen für Saisonarbeitskräfte zu locken. Allein in Bayern gibt es derzeit rund 10 000 Betriebe mit "Sonderkulturen" wie Hopfen, Spargel, Wein, Obst, Feldgemüse und Tabak, die auf den kurzfristigen Einsatz von Saisonarbeitern angewiesen sind. "Unsere Betriebe müssen derzeit den Anbau und die Ernte für 2006 ohne Gewissheit über die Verfügbarkeit von Helfern planen", so Helmut Jäger, Vorsitzender des Bayerischen Obstbauverbands.

Stoiber forderte das Bundesarbeitsministerium am Donnerstagabend in der Sitzung des Koalitionsausschusses auf, die geltende Regelung zu überprüfen. Vizekanzler und Minister Franz Müntefering habe dies auch zugesagt, so Stoiber. Dagegen verlautete aus SPD-Kreisen: "Die Eckpunkte stehen und sie bleiben auch stehen." Jedoch werde man künftig "die nötige Flexibilität walten lassen" und die Vermittlungsarbeit der Bundesagentur verbessern.

Im Streit um die Frage, ob genügend deutsche Arbeitskräfte für die Ernte zur Verfügung stehen, müsse die Beweislast künftig bei der Bundesagentur liegen statt bei den Bauern, fordert Bayern. Der Bauernverband hatte immer wieder darauf hingewiesen, dass unter den arbeitslos gemeldeten Deutschen so gut wie keine motivierten und leistungsfähigen Saisonkräfte für die strapaziösen Tätigkeiten zu finden seien. Die Spargelbauern in Südhessen etwa berichten, seit 1998 seien nach 2800 Vorstellungsgesprächen gerade einmal zehn deutsche Erntehelfer rekrutiert worden.

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