Bausparen

Hochzinsverträge unerwünscht

München - Alte Bausparverträge sind oft hoch verzinst – gut für die Kunden. Bausparkassen kommen die Verträge im derzeitigen Zinstief allerdings teuer zu stehen. Einige versuchen, Kunden zur vorzeitigen Kündigung zu bewegen – mit unterschiedlichen Methoden.

Franz H. hat Post von seiner Bausparkasse. „Sichern Sie sich Ihr Extra-Weihnachtsgeld. Erfüllen Sie sich und Ihren Lieben damit lang gehegte Wünsche!“, steht in dem Brief der LBS Bayern. „Klingt gut“, denkt sich der Rentner zunächst. Nach eingehender Lektüre ärgert er sich. Hinter dem „Extra-Weihnachtsgeld“ steckt kein Bonus, dem ihm die Bausparkasse zu Weihnachten schenken möchte, sondern das Angebot, seinen Bausparvertrag vorzeitig zu kündigen.

Im Detail bedeutet das: Wer seinen Bausparvertrag kündigt, kann sofort über das Guthaben verfügen. Die LBS erlässt die dreimonatige Kündigungsfrist, die normalerweise gilt. Damit entfällt der sogenannte Zinsausgleich, eine Art Strafgebühr, die Kunden im Regelfall zahlen müssen, wenn sie sofort an ihr Geld wollen. Laut LBS sind das meist mehrere hundert Euro.

Als „Irreführung“ bezeichnet Franz H. die Weihnachtsaktion. „Ein Angebot, das man annehmen kann oder auch nicht“, hält Helmut Straubinger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der LBS Bayern, dagegen. Vor Weihnachten sei der Konsumbedarf besonders hoch, erläutert Straubinger. Die LBS habe die Erfahrung gemacht, dass sich viele Bausparer in der Vorweihnachtszeit ihr Guthaben auszahlen lassen möchten.

Rund 140 000 Bausparer hat die LBS Bayern angeschrieben. Allerdings nur Kunden, die mindestens sieben Jahre gespart haben und damit Anspruch auf einen Bonus haben. „Drei Prozent haben das Angebot bisher angenommen“, sagt Carola Zaiß-Hillmeister, Bereichsleiterin Kundenservice. Mit vier bis fünf Prozent rechnet sie bis zum Ende der Aktion am 13. Dezember. Das wären zwischen 5600 und 7000 vorzeitig gekündigte Verträge.

Was hat die LBS Bayern davon, wenn ihre Kunden vorzeitig kündigen? Hintergrund sind die derzeit niedrigen Zinsen auf dem Kapitalmarkt. Alte Bausparverträge sind hoch verzinst – 3,5, vier oder fünf Prozent sind keine Seltenheit. Das macht nicht nur der LBS Bayern, sondern allen Bausparkassen zu schaffen. „Wir haben seit 15 Jahren fallende Zinsen“, erläutert Straubinger. Ein Bauspardarlehen ist für die meisten Kunden dadurch uninteressant. Das bedeutet: Die Bausparkassen müssen hohe Sparzinsen zahlen, die sie nicht über Darlehen ausgleichen können. Legen die Bausparkassen ihr Geld auf dem Kapitalmarkt an, erzielen sie höchstens 2,5 Prozent Zinsen. „Alle Bauspar-Tarife, die über 2,5 Prozent verzinst sind, sind betriebswirtschaftlich schädlich“, sagt Straubinger.

Die alten Verträge kommen die Bausparkassen teuer zu stehen. Deshalb wollen die Kassen ihre alten Verträge loswerden. Einfach kündigen geht allerdings nicht. „Wir nutzen die Möglichkeiten, die wir haben“, so Straubinger. Eine davon ist, übersparte Verträge zu kündigen. Wenn Bausparer 100 Prozent der Bausparsumme angespart haben, hat die Bausparkasse das Recht, den Vertrag zu kündigen. Das hat unter anderem das Oberlandesgericht Stuttgart bestätigt (Az. 9 U 151/11). Auch Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern, räumt ein: „Bei 100 Prozent ist der Zweck des Bausparens erfüllt.“

Auch wer mehr sparen will als vertraglich vereinbart, bekommt von der LBS die rote Karte. Ein Beispiel: Bei einer vereinbarten Bausparsumme von 10 000 Euro zahlt der Sparer vier Promille pro Monat ein. 50 Euro sind die sogenannte Regelsparrate. Möchte der Kunde 100 Euro pro Monat einzahlen, kann das die Bausparkasse zurückweisen. Je weniger Geld auf dem Konto, desto weniger Zinsen muss die Bausparkasse zahlen.

Vielen Kunden bieten die Bausparkassen auch den Umstieg in einen neuen Tarif an. Die LBS geht dabei so vor: Der Kunde wird so behandelt, als hätte er von Anfang an den neuen Tarif gewählt. Der Sparzins ist im neuen Tarif niedriger – dafür ist das Darlehen günstiger. „Wir machen so ein Angebot nur Kunden, für die sich das lohnen würde“, beteuert Straubinger. Allerdings ist hier generell Vorsicht geboten. Wer gar nicht bauen möchte – also kein Darlehen braucht –, sollte von einem neuen Tarif in jedem Fall die Finger lassen. Die Stiftung Warentest rät Sparern generell, sich nicht zum Wechsel in einen neuen Tarif überreden zu lassen, auch dann nicht, wenn man später doch noch ein Bauspardarlehen aufnehmen möchte. Auch Sascha Straub ist skeptisch. „Die niedrigen Darlehenszinsen wiegen den Verlust an Sparzinsen in der Regel nicht auf“, sagt er.

Auch einen Vertrag, der noch nicht zuteilungsreif ist, sollten Kunden auf keinen Fall kündigen, rät Straub. Zuteilungsreif ist ein Bausparer, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Der Vertrag muss eine Mindestlaufzeit erfüllt haben, es muss bereits eine vorher vereinbarte Summe angespart sein (meist 40 bis 50 Prozent), und die Bewertungszahl muss stimmen, das heißt, der Bausparer muss an der Reihe sein. Oft ist vertraglich festgelegt, dass Sparer bei Zuteilungsreife einen Bonuszins erhalten – in vielen Fällen wird auch die Abschlussgebühr rückerstattet. „Das sind oft jeweils drei Prozent“, so Straub. „Bei einer Bausparsumme von 30 000 Euro kommen so 1800 Euro zusammen“, rechnet er vor. Wer vor der Zuteilungsreife kündigt, verliert dieses Geld.

Besonders gefährdet sind allerdings momentan Bausparverträge, die bereits zuteilungsreif sind, aber noch nicht voll bespart. „Grundsätzlich ist es nicht zulässig, zuteilungsreife Verträge einfach zu kündigen“, erklärt Straub. Manche Bausparkassen versuchen es trotzdem. „Sie argumentieren damit, dass der Zweck des Bausparens erfüllt sei – und kündigen zehn Jahren nach Zuteilungsreife. Wir sehen das anders.“ Bisher gebe es dazu allerdings keine richterliche Entscheidung. Kunden sollten sich nicht ins Bockshorn jagen lassen und weitersparen, bis die volle Bausparsummer erreicht ist, rät Straub.

Auch zur Weihnachtspost von der LBS Bayern hat der Finanzexperte eine klare Meinung. „Hier wird nicht an den Sparer gedacht, sondern an die Bausparkasse“, findet er. Das Angebot zur Kündigung sei zwar schön als Weihnachtsgeschenk verpackt, aber für den Sparer wirtschaftlich nicht sinnvoll – höchstens für den, der sowieso vorzeitig kündigen wollte.

Franz H. hat die Post von der LBS mittlerweile in den Müll geworfen. Er will definitiv nicht kündigen. Angebot abgelehnt.

Von Manuela Dollinger

Rubriklistenbild: © dpa

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