AEG baut Belegschaft ab und engagiert gleichzeitig Zeitarbeiter

- Nürnberg - Stellenabbau und gleichzeitige Einstellung von Zeitarbeitern sind eine befremdliche Kombination. Das findet auch die Nürnberger Arbeitsagentur und streicht Zuschüsse für die dortige Electrolux-Tochter AEG. Die Schließung des Nürnberger AEG-Hausgerätewerks ist um eine ungewöhnliche Facette reicher. Denn die örtliche Arbeitsagentur hat dem Betrieb anteiliges Kurzarbeitergeld gestrichen, weil der schwedische AEG-Mutterkonzern Electrolux trotz laufendem Personalabbau in der Fabrik zuletzt rund 120 Leiharbeiter beschäftigt hat.

Das bestätigte ein Behördensprecher. "Solange Stammpersonal abgebaut und zeitgleich Zeitarbeiter eingesetzt werden, gibt es nichts", sagte er mit Verweis entsprechende gesetzliche Regelungen.

Man müsse von außen Personal anheuern, weil seit Wochen der Krankenstand der Stammbelegschaft konstant bei über 30 Prozent liege und Produktionsausfälle entstünden, erklärte ein AEG-Sprecher die seltsame Situation. 440 Beschäftigte der insgesamt 1750 Personen starken Belegschaft habe man bereits in eine Beschäftigungsgesellschaft überführt, für die das Kurzarbeitergeld nun komplett von Electrolux übernommen werde.

Es sei möglich, dass nach dem Ende der gerade angelaufenen Werksferien die Zahl der Zeitarbeiter auf 200 aufgestockt wird. Electrolux lässt das Nürnberger Werk bis Mitte 2007 schließen, weil es im Vergleich zu einer neuen Fabrik in Polen nicht profitabel genug produziert. Der um das Traditionswerk vergangenen Winter tobende sechswöchige Arbeitskampf hatte seinerzeit bundesweit für Aufsehen gesorgt und Electrolux ein schlechtes Image beschert, auch weil die Belegschaft in Nürnberg zu erheblichen Zugeständnissen bereit war, um ihren Arbeitsplatz zu retten.

Vor Jahresfrist konnte Electrolux in Deutschland für seine Konzernmarken, allen voran AEG, noch 17 Prozent Marktanteil für sich beanspruchen. Derzeit ist diese Quote auf 12 bis 13 Prozent geschrumpft, bestätigte ein AEG-Sprecher. Das habe aber nicht damit zu tun, dass Endkunden die Electroluxmarken aus Imagegründen links liegen lassen. Vielmehr hätten Händler zu Streikzeiten wegen der unübersehbaren Lage nur vorsichtig AEG-Produkte bestellt, was sich jetzt noch auswirke.

Der Nürnberger IG-Metall-Vize Jürgen Wechsler hat indessen eine andere Erklärung für den Bedarf an Leiharbeitern: Bei AEG-Electrolux sei mit den um ein halbes Jahr vorgezogenen Abbauplänen in Nürnberg in eine Phase hier zu Lande überraschenden Marktwachstums gekommen, sagt er. Nach Jahren abbröckelnder Nachfrage rechnet zum Beispiel AEG-Konkurrent Bosch Siemens (BSH) für 2006 in Deutschland mit sechs bis sieben Prozent Umsatzwachstum. "Der Markt zieht an und BSH, Miele oder Bauknecht profitieren, während AEG abbaut", rügt der Gewerkschafter, der auch im AEG-Aufsichtsrat sitzt. Stellenabbau und Leiharbeiter sei ein Widerspruch in sich und die Reaktion der Nürnberger Arbeitsagentur deshalb lobenswert.

Electrolux hat für die Schließung der Nürnberger Fabrik 230 Millionen Euro an Kosten angesetzt. Dabei bleibe es trotz der jetzt ausfallenden Gelder der Arbeitsagentur, betonte ein AEG-Sprecher.

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