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Ein Schandfleck in der Landschaft? Gegen Windkraftanlagen gibt es oft heftigen Bürgerprotest – unter anderem wegen der Ästhetik. Die neuen Abstandsregeln sollten Konflikte befrieden. Die Windkraftbranche und ihre Beschäftigten sehen sie aber eher als Gefahr. 

Windkraft-Branche in Bayern

Bayerische Windkraft: Flaute seit der Abstandsregel

München - Die Windkraft gilt als Schlüsseltechnologie der Energieversorgung. Nun zeigt sich: Mit ihrer strengen 10H-Abstandsregelung bremst die Politik die Branche in Bayern aus. Viele hoffen auf den Verfassungsgerichtshof.

Es waren fette Jahre und Josef Guttenberger dachte, dass es so weitergeht. In seiner Firma in Velburg (Oberpfalz) stellte er noch 2012 Mitarbeiter ein, schaffte Geräte an, mietete größere Räume. Seine Ertragsprognosen für Windkraftstandorte waren gefragt. Wöchentlich wurden mehrere Anlagen in Bayern gebaut. Kunden von weit her vertröstete er: „Kurze Wege, alles vor der Haustür – das war wunderbar.“

Der Absturz begann im Februar des vergangenen Jahres. Das bayerische Kabinett beschloss die 10H-Regelung. Windräder müssen nun zehn mal so weit von Ortschaften entfernt stehen, wie sie hoch sind – aus Rücksicht auf protestierende Bürger. Bei modernen Anlagen sind das 1,5 Kilometer. Die Fläche für geeignete Standorte schrumpfte damit deutlich. Zwar können Gemeinden davon abweichen, wenn es vor Ort Konsens gibt. Aber Windkraftgegner sind überall lautstark – und sie haben nun noch gewichtigere Argumente.

Seit dem 10H-Beschluss Anfang 2014 wurden im Freistaat laut Wirtschaftsministerium nur 59 weitere Anlagen genehmigt. Allein im Jahr 2013 waren es noch mehr als 200. Insgesamt gab es Mitte des Jahres 833 Windräder in Bayern. Dass wie eigentlich vorgesehen bis 2020 insgesamt 1500 Anlagen gebaut werden, gilt nun als äußerst unrealistisch.

Windräder lohnen sich in Bayern nicht überall

Die Windbranche hat es hierzulande schwer. Der Anteil an der Bruttostromerzeugung liegt bisher bei nur 2,1 Prozent. Dennoch hebt Bayerns Wirtschaftsministerium die Vorteile der Windkraft im neuen Energieprogramm ausdrücklich hervor. Neben der Wasserkraft ist die Windenergie „die kostengünstigste Form erneuerbarer Stromerzeugung“. Die Anlagen hätten einen geringen Flächenbedarf und produzierten vor allem im Winter Strom, wenn der Bedarf am höchsten ist.

Fakt ist: Windräder lohnen sich – im Gegensatz zum windreichen Norden – in Bayern nicht überall. Solaranlagen haben oft bessere Erträge. Doch mit der 10H-Regelung beschränkt sich der Freistaat zusätzlich selbst. Und das obwohl Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) jüngst eingestehen musste: Nach Stilllegung der bayerischen Atomkraftwerke wird Bayern bis zur Hälfte seines benötigten Stroms importieren müssen.

Dem will etwa der Landkreis Ebersberg entgegenwirken. Im Ebersberger Forst sollte einer der größten Windparks Bayerns entstehen. Der avisierte Standort bricht nun wohl weg, weil die Deutsche Flugsicherung Bedenken hat. Wegen der 10H-Regelung gibt es aber praktisch keine anderen Optionen. Das Projekt wäre damit gestorben. Auch in anderen Kommunen sind teuer erstellte Flächenpläne für den Papierkorb.

Jährliche Wertschöpfung in Bayern: rund 250 Millionen Euro

Bayern geht dabei viel Geld verloren. Der Landesvorsitzende des Bundesverbandes Windenergie, Raimund Kamm, geht von einer jährlichen Wertschöpfung durch die bisherigen Windräder in Bayern von rund 250 Millionen Euro aus. Jedes zusätzliche erwirtschafte mindestens eine halbe Million Euro im Jahr. Auch auf dem Arbeitsmarkt ist die Windkraft ein gewichtiger Faktor. Laut einer Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums hingen im Freistaat 2013 mehr als 12 000 Jobs an der Branche.

Auch unabhängige Fachleute sehen in der Haltung des Freistaats ein Problem. Die Windkraft sei eine „weltweite Schlüsseltechnologie“ für die künftige Energieversorgung, sagt Ulrich Wagner, Professor für Energiewirtschaft an der TU München. Auch in Bayern gebe es ertragreiche Standorte. „Wir können nicht ganze Bundesländer ausklammern.“ Die neuen Rahmenbedingungen seien aber nicht nur ein Problem für die Energieversorgung, meint Wagner. Er warnt davor, dass der Freistaat bei der Windkraft als Technologiestandort abgehängt wird. Es sei schädlich für den Standort, wenn Hersteller ihre Produkte nicht auch vor Ort verkaufen könnten.

Geschäft deutlich gebremst

Der Einbruch trifft nicht nur kleine Planungsbüros und Handwerker. Auch hochinnovative Mittelständler leiden darunter. Das Neumarkter Bau-Unternehmen Max Bögl etwa hat einen Hybridturm für Windkraftanlagen entwickelt. 2013 gewann die Firma den Innovationspreis der Münchner Fachmesse „bauma“. Rund 500 Mitarbeiter hat die Max Bögl Windsparte. 265 Türme wurden bisher innerhalb Bayerns ausgeliefert. Zu Umsatzzahlen will sich das Unternehmen nicht äußern. Aber das Geschäft dürfte nun deutlich gebremst sein.

Gutachter Guttenberger wirkt resigniert. „Für uns ist Bayern als Markt tot“, sagt er. Aus 20 Mitarbeitern zu Hochzeiten sind wieder 14 geworden. Nur eine kleine Hoffnung hat er noch. Beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof liegt eine Popularklage gegen die 10H-Regelung vor. Den Windkraftanlagen als rechtlich privilegierte Bauten müsse weiter „substanziell Raum“ zur Verfügung stehen, so das Argument. Das Urteil fällt voraussichtlich im Frühjahr.

Til Huber

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