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Ein ehrgeiziges bayerisches Projekt zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt fiel ernüchternd aus.

Ernüchterung bei bayerischem Arbeitsmarktprojekt

Nur jeder dritte Flüchtling findet in Bayern einen Job

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München - Es ist das ehrgeizigste Arbeitsmarktprojekt für Flüchtlinge in Bayern: Vor einem knappen Jahr sollten über hundert Flüchtlinge für den Arbeitsmarkt geschult werden – am Ende fand nur jeder Dritte einen Job. 

Es war ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Vergangenen Juni startete die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit (BA) und der bayerischen Staatsregierung ein bundesweit einmaliges Arbeitsmarktprogramm: Über hundert Flüchtlinge sollten innerhalb von zehn Monaten deutsches Fachvokabular beherrschen und in Lehrwerkstätten und Betrieben fit für den deutschen Arbeitsmarkt gemacht werden.

Das Projekt hatte Laborcharakter, die Arbeitgeber und Arbeitsagenturen wollten wissen, ob es möglich ist, Schreiner aus Syrien und Kfz-Mechaniker aus Eritrea innerhalb dieser Zeitspanne so zu schulen, dass sie anschließend problemlos in bayerischen Betrieben Maschinen bedienen können oder in Dienstleistungsbranchen eine Beschäftigung finden.

Alle Beteiligte einte Zuversicht. Flüchtlinge wollten sich ihren lang ersehnten Traum von einem Job in Deutschland erfüllen, die bayerischen Arbeitgeber wollten sich endlich von ihren Nachwuchssorgen befreien.

Lediglich ein Flüchtling ergatterte eine Lehrstelle

Jetzt, nach einem knappen Jahr, zeigt sich aber: Die Integration von Flüchtlingen ist schwieriger als gedacht. Nur rund ein Drittel der insgesamt 109 Projektteilnehmer hat einen Job ergattert, teilte die vbw mit. Meist Arbeitsplätze in der Logistik, der Metall- und Elektroindustrie, dem Handwerk, der Pflege sowie der Gastronomie – meist befristet auf ein Jahr. Nur ein einziger Teilnehmer unterschrieb einen unbefristeten Arbeitsvertrag; lediglich ein Flüchtling ergatterte eine Lehrstelle. Für die anderen zwei Drittel ist der Traum von einem Job vorerst geplatzt. 18 Teilnehmer haben abgebrochen, vier wurden während des Projektverlaufs in ihr jeweiliges Heimatland abgeschoben – obwohl die Bundesagentur Flüchtlinge mit „hoher Bleibewahrscheinlichkeit“ ausgewählt hatte.

War es zu großer Optimismus, der die Initiatoren glauben ließ, dass es möglich sei, innerhalb von zehn Monaten massenhaft Flüchtlinge aus Ländern wie Eritrea, Afghanistan, Äthiopien oder Syrien in Lohn und Brot zu bringen? Schließlich war die Maßnahme nicht billig: Pro erfolgreich vermitteltem Flüchtling haben die Initiatoren knapp 10 000 Euro ausgegeben.

Oder ist es eine beeindruckende Bilanz, immerhin einem Drittel den Sprung in den Arbeitsmarkt ermöglicht zu haben? Bayernweit hatten über 80 Firmen mitgemacht, in den Lehrwerkstätten des Bildungswerks der vbw engagierten sich Meister und Sprachlehrer, immer mit dem Ziel, den meist männlichen Flüchtlingen in Deutschland eine berufliche Zukunft zu ermöglichen – entweder als Lehrling oder als Fachkraft.

Für Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw, ist das Ergebnis klar: Das Projekt war ein voller Erfolg. Sicher, auch er hätte sich eine bessere Erfolgsquote gewünscht, räumte er am Dienstag in München ein.

Größte Herausforderung bei der Arbeit mit den Flüchtlingen: die Sprache

Noch im Dezember war er zuversichtlich, dass viele der Teilnehmer einen Job finden würden – am Ende waren es 35. „Kein Beteiligter hat anfangs gewusst, ob so ein Projekt überhaupt gelingen kann“, sagte Brossardt. Größte Herausforderung sei die Sprache gewesen.

Rückendeckung erhielt Brossardt von der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit. Über 30 Prozent der Teilnehmer zu vermitteln sei ein hervorragendes Ergebnis, sagte eine BA-Sprecherin. Man müsse schließlich bedenken, mit welcher Personengruppe man es zu tun gehabt habe. Und für die 70 Prozent, die keinen Job bekommen hätten, sei die Betreuung durch die Arbeitsagenturen noch nicht beendet. Das heißt: Chancen auf einen Job hätten diese Flüchtlinge nach wie vor.

An ihrer geplanten Ausweitung des Programms halten daher sowohl Bundesagentur als auch vbw fest. Im Dezember hatte Brossardt den Startschuss für ein zweites Projekt gegeben. Die selbe Idee, allerdings mit 1000 statt mit hundert teilnehmenden Flüchtlingen. Das Risiko, ein zweites Projekt zu starten, ohne den Erfolg des ersten Projekts abzuwarten, gingen Brossardt und die Bundesagentur bewusst ein, nachdem die Zahl der Flüchtlinge in den Sommermonaten rasant gestiegen war. Ob es beim laufenden Projekt mit 1000 Flüchtlingen wieder nur 30 Prozent sein werden, die sich vermitteln lassen, darauf will sich Brossardt nicht festlegen. „Wir werden uns aber alle Mühe geben, es noch besser zu machen“, betonte er.

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