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Quer durch alle Branchen haben Betriebe derzeit Probleme Auszubildende zu finden. Allein in Oberbayern sind noch rund 13 000 Lehrstellen frei – und nur noch 9000 Bewerber auf der Suche.

Arbeitsmarkt

Bayern gehen die Lehrlinge aus

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München - Es sind zwar noch drei Monate bis zum Start ins Ausbildungsjahr – doch bereits jetzt zeichnet sich ab: Tausende Stellen in Bayern werden unbesetzt bleiben. In den Betrieben werden noch 40 000 Lehrlinge gesucht. Um die Lücke zu schließen, schiebt die bayerische Wirtschaft ein Lehrlingsprojekt für Flüchtlinge an.

Vier Lehrstellen hat Kathrin Wickenhäuser ausgeschrieben. Die Geschäftsführerin im Münchner Hotel Cristal sucht junge Menschen, die Hotellfachkraft oder Koch werden wollen. Auch wenn noch etwas Zeit bleibt, bis das Ausbildungsjahr beginnt, hat sie wenig Hoffnung, die Stellen noch besetzen zu können. „Die wenigen Bewerber, die sich überhaupt melden, sind leider oft nicht die richtigen“, sagt sie.

Drei Monate vor dem Start ins Ausbildungsjahr ist die Hotellerie eine der Bereiche, in denen es in Bayern noch besonders viele offene Lehrstellen gibt: Knapp 2500 Ausbildungsplätze, aber nur rund 1000 unversorgte Bewerber wurden der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Bayern gemeldet (Stand Mai 2015).

Insgesamt sind laut BA noch 40 000 Lehrstellen im Freistaat unbesetzt. Gleichzeitig sind nur noch rund 29 000 Bewerber ohne Ausbildungsplatz. Bereits jetzt sei deshalb absehbar, dass in den Betrieben wieder rund 10 000 Lehrstellen unbesetzt bleiben, heißt es bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für München und Oberbayern. Dramatisch sei der Azubi-Mangel momentan im Einzelhandel, in der Gastronomie und – wie bereits erwähnt – in der Hotellerie. Die Bewerberlücke betrifft aber auch Branchen, die noch vor wenigen Jahren keine Probleme hatten, Nachwuchs zu finden. „Allein in München sind jeweils noch über 100 Lehrstellen für Bankkaufleute oder Kaufleute im Büromanagement unbesetzt“, sagt Eberhard Sasse, Präsident des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK).

Auch im bayerischen Handwerk suchen die Betriebe händeringend nach Lehrlingen. Bis Ende Mai wurden laut der Handwerkskammer (HWK) für München und Oberbayern 9350 Lehrstellen besetzt – weniger als im Vorjahr. Auch wenn in den Monaten Juni, Juli und August erfahrungsgemäß sehr viele Ausbildungsverträge unterzeichnet werden: Es zeichnet sich dasselbe Bild wie im Vorjahr ab, als 4700 Ausbildungsplätze im bayerischen Handwerk unbesetzt blieben – gut 15 Prozent der angebotenen Lehrstellen.

Für BIHK-Präsident Sasse ist der Trend zu höheren Schulabschlüssen und dem Studium ein Grund für die Bewerberlücke auf dem Ausbildungsmarkt (siehe Grafik). Ein weiterer: die sinkenden Schulabgängerzahlen durch den demografischen Wandel. Seit den 80er-Jahren ist in Bayern die Zahl der Abgänger von Haupt- und Mittelschulen um zwei Drittel zurückgegangen – von jährlich 76 000 auf 26 000.

Um die Bewerberlücke zu schließen, fordert Sasse ein Bleiberecht von mindestens fünf Jahren für junge Flüchtlinge, die einen Ausbildung in Bayern absolvieren. Das Programm 3+2, das die bayerischen IHKs im vergangenen Jahr entwickelt haben, sieht vor, dass Asylbewerber eine dreijährige Ausbildung beginnen und anschließend mindestens zwei Jahre im Ausbildungsbetrieb bleiben – ohne Abschiebung fürchten zu müssen (wir berichteten). Potenzial ist da: Schließlich befinden sich in Bayern derzeit rund 3300 jugendliche Asylsuchende in berufsvorbereitenden Berufsschulklassen.

Das Projekt geht nur langsam voran: Ende März hat die Staatsregierung mit einem Rundschreiben an die Ausländerbehörden in Bayern die Aufenthaltsregeln für jugendliche Flüchtlinge in Ausbildung vereinheitlicht. „Mit Aufnahme der Ausbildung soll eine Duldung von einem Jahr erteilt werden, die nach einem Jahr verlängert werden soll. Im letzten Jahr der Ausbildung soll eine Ermessensduldung ausgesprochen werden. Darüber hinaus sollen jugendliche Flüchtlinge nach einer absolvierten Ausbildung eine zweijährige Aufenthaltserlaubnis bekommen“, erklärt Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des BIHK. Die Regelung sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, gebe den Ausbildungsbetrieben und Flüchtlingen aber keine Rechtssicherheit, so Schöffmann. „Die Abschiebung hängt auch jetzt noch wie ein Damoklesschwert über den Flüchtlingen in Ausbildung und über den Ausbildungsbetrieben.“

Seitens der Unternehmen besteht dennoch bereits Interesse. Kathrin Wickenhäuser vom Hotel Cristal etwa könnte sich gut vorstellen, einen jungen Flüchtling, der motiviert ist, in ihrem Betrieb auszubilden. „Menschen, die arbeiten wollen, sollte man auch eine Chance geben“, findet sie.

von Manuela Dollinger

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